30/09/08
Zum Stillsitzen erzogen?
2, 3 Mio. Jahre lang waren wir darauf eingestellt, uns jede einzelne Kalorie mühsam zu erarbeiten. Das zu machen, wofür uns die Natur programmiert hat, ist heute für die meisten Menschen gar nicht mehr so einfach. Mangel an Bewegung ist typisch für unsere Zeit - und eins der größten Gesundheitsrisiken.
Das Skelett eines Säuglings besteht noch zum größten Teil aus weichen Knorpeln, die erst mit zunehmendem Alter verknöchern. Körperliche Aktivität spielt bei der Entwicklung des gesamten Bewegungsaparates eine große Rolle. Krabbelkinder legen Strecken von bis zu 187 Metern pro Tag zurück. Wenn Kinder laufen können, schaffen sie bis zu 9000 Schritte täglich. Dabei streckt sich allmählich die Wirbelsäule, mit etwa fünf Jahren ist die typische S-Krümmung der Wirbelsäule ausgebildet. Parallel dazu entwickeln sich die Muskeln, die den Bewegungsapparat halten – und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die Kinder speichern ihr gesamtes Repertoire an Bewegungen ab, um es jederzeit abrufen zu können. Daher sollten kleine Kinder in ihrem natürlichen Bewegungsdrang möglichst nicht eingeschränkt werden.
Zum Stillsitzen erzogen?
Leider ist genau das heute häufig der Regelfall. Bereits in Vorschule und Kindergarten wird Stillsitzen systematisch geübt. Spätestens in der Grundschule wird hauptsächlich gesessen. Auch in ihrer Freizeit haben Kinder heute kaum noch Räume für spontanes und ungeplantes Spielen. Fernsehen und Computer bieten zusätzliche Anreize zur Untätigkeit. Klaus Bös von der Universität Karlsruhe glaubt, dass "wir den Kindern die Bewegung aberziehen". Wozu das führt, haben er und seine Mitarbeiter in zahlreichen Studien belegen können. Grundschulkinder sollten z.B. in der Lage sein, eine Minute lang auf einem Bein zu stehen. Heute schaffen das nur noch 40 % der Kinder zwischen 6 und 10. Auch Rückwärts balancieren oder Rumpfabbeugen bis zu den Füßen war früher eine Tätigkeit, die jeder konnte, heute ist das sogar bei Kindern nicht mehr selbstverständlich. Eine erschreckende Tatsache – denn die Muskulatur kommt nicht nur bei der Bewegung zum Einsatz, sondern ist auch unser Hauptzucker- und Fettverwerter. Gerade für übergewichtige Kinder und Jugendliche ist es daher wichtig, neben der Ernährungsumstellung auch regelmäßig Sport zu treiben.
Es geht auch anders: In Waldkindergärten zum Beispiel ist die Bewegung in der freien Natur pädagogisches Konzept. Andere Initiativen, wie etwa der „Schulbus“ zu Fuß, der mittlerweile auch von der Stadtverwaltung Roms erprobt wird, verschaffen den Kindern zumindest etwas mehr regelmäßige Bewegung. Verändertes Bewusstsein hält auch in Schulen Einzug, in denen Zappeln und sich-räkeln jahrzehntelang verpönt war. Kleine Bewegungsübungen während der Schulstunde helfen, neue Energie zu tanken. In der 'Bewegten Schule' in Bonn steht "Selbstbestimmte Bewegung" und "Ringen und Raufen" sogar auf dem Stundenplan. Von der körperlichen Aktivität profitiert nicht nur die Muskulatur: Sich gemeinsam bewegen fördert die soziale Kompetenz und die Konzentration, auch Aggressionen werden im geregelten Mannschaftsspiel kanalisiert.
Die 10 000 Schritte -Therapie
Die Schule kann Anreize schaffen – die wichtigste Rolle spielt das Vorbild der Eltern. Studien haben gezeigt: Wenn bei den Eltern das entsprechende Bewusstsein, die Motivation und die finanziellen Mittel fehlen, um die Kinder sportlich zu fördern, werden diese später meistens auch zu Bewegungsmuffeln. Die Statistiken sehen düster aus: Nur 10 % der Menschen in unserer Gesellschaft bewegen sich ausreichend, der deutsche Durchschnittsbürger kommt nur auf 20 Min. am Tag. Viele Menschen schaffen es zeitlich einfach nicht, neben Beruf und Familie auch noch sportliche Aktivitäten in ihrem Alltag unterzubringen. Besonders schwer fällt das Studien zufolge gerade jungen Müttern mit kleinen Kindern. Dabei muss es nicht sofort ein Marathon sein. Experten haben herausgefunden, dass 10 000 Schritte täglich die beste Voraussetzung dafür sind, lange fit und gesund zu bleiben. Bereits etwas mehr Bewegung im Alltag, etwa durch Einkaufen zu Fuß, Treppenlaufen statt Aufzug fahren, Spaziergänge mit dem Kinderwagen, lässt sich das Pensum leicht steigern. Familienausflüge am Wochenende, Fahrrad-und Wandertouren bringen die Familie ohne viel Aufwand in Bewegung. Ein Schrittzähler hilft bei der Überprüfung und dient als Ansporn.
Bewegung: die beste Medizin?
Ein radikales Umdenken hat in den letzten 10 Jahren auch in der Medizin stattgefunden. Dass körperliche Fitness bei der Vorbeugung vieler Krankheiten eine Rolle spielt, ist seit langem bekannt. Dass gezieltes Training sogar den Heilungsprozess beschleunigen kann, ist eine neue Erkenntnis. Laut Professor Hambrecht Chefarzt der Bremer Klinik für Kardiologie führt körperliches Training "zu einer vermehrten Freisetzung von Stammzellen, das wiederum hilft, die Reparaturprozesse an den geschädigten Gefäßen zu beschleunigen." Er verordnet heute sogar Patienten mit Herz-Muskel-Schwäche so früh wie möglich wohldosierte Bewegung – eine medizinische Revolution, denn Patienten mit eingeschränkter Pumpfunktion wurde früher geraten, den kranken Herzmuskel möglichst wenig zu belasten.
Fit für 100 – Sport im Alter
Auch alte Menschen werden sich in Zukunft etwas weniger schonen dürfen. Dass normale Verschleißerscheinungen automatisch mit Rückenschmerzen einhergehen, hat sich als Irrtum herausgestellt. Mit den Jahren nimmt das Gewebe weniger Flüssigkeit auf, der Gallertring in den Bandscheiben wird schlaffer und ist weniger in der Lage, Druckbelastungen auszugleichen. Gerade im Alter ist daher das Aufrechterhalten der Muskelkraft und der Beweglichkeit extrem wichtig – für die selbständige Bewältigung des Alltags, das Vermeiden von Stürzen und Brüchen und nicht zuletzt für die persönliche Zufriedenheit.
Schwere körperliche Arbeit und Übergewicht hingegen beschleunigen den Verschleissprozess, auch genetische und psychische Faktoren spielen dabei eine noch weitgehend unbekannte Rolle. Aber so verschieden dieser Prozess auch verläuft, eines ist nachgewiesen: Körperliche Aktivität insgesamt trägt dazu bei, auch wirklich lange intensiv leben zu können– bis ins hohe Alter.
Nicola Hellmann
Erstellt: 19-06-07
Letzte Änderung: 30-09-08