Schriftgröße: + -
Home > Die Welt verstehen > ARTE Reportage

ARTE Reportage

Das internationale Nachrichtenmagazin. Jeden Samstag um 18.20 Uhr. Im Wechsel moderiert von Andrea Fies und William Irigoyen.

> Diese Woche > Haiti : Wahlen

ARTE Reportage

Das internationale Nachrichtenmagazin. Jeden Samstag um 18.20 Uhr. Im Wechsel moderiert von Andrea Fies und William Irigoyen.

ARTE Reportage

ARTE Reportage - 20/02/06

Zum Nachlesen: Haiti : Wahlen im Ausnahmezustand

Michel Dumont, Eric Bergeron, Isabelle Nommay


Die Karibik, Sonne, Traumstrände… eine Postkartenidylle. Alles scheint perfekt... Doch in Haiti, dem westlichen Teil der karibischen Insel Hispaniola, herrschen seit 10 Jahren Not und Elend.
Video starten


Wir sind in Anse Rouge, einer kleinen Stadt im Nordwesten der Insel. Sechs Stunden von Port auf Prince, der Hauptstadt, zwei Stunden von Gonaives, dem Verwaltungssitz der Provinz Artibonite, entfernt.
Anse Rouge hat 14.000 Einwohner, mit den beiden, der Stadt angegliederten Verwaltungseinheiten sind es 53.000.



Bürgermeister in Haiti
In Anse Rouge gibt es keinen Strom, keine Polizei, keine öffentlichen Verkehrsmittel. Und nur einen Brunnen – so wie in den meisten Gemeinden Haitis.
Elians ist der Bürgermeister der Stadt. Er wurde, wie hier üblich, von den Behörden der Übergangsregierung ernannt, die seit dem Sturz von Jean Bertrand Aristide im Amt ist:
« Die ist defekt ; da geht nichts mehr. Die Pumpen sind alle defekt. Es gibt nur noch eine Pumpe für 14.000 Einwohner. Wir müssen uns damit abfinden. Es ist schlimm, aber keiner hilft uns. Nur Gott kann uns noch helfen. »
Seit dem Rücktritt von Präsident Aristide hat der haitianische Staat viele Probleme. Das Land hat mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Warum hilft der Staat uns nicht? Ich weiß es nicht? Ich denke, er hat einfach nicht die Mittel dazu.
Arte : « Haben Sie die staatlichen und lokalen Behörden über Ihre Probleme informiert?“
Elians : « Die staatlichen Vertreter sagen uns nur, sie hätten kein Geld, um Anse Rouge zu unterstützen. Wir haben sogar das Innenministerium kontaktiert; das Einzige, das wir bekommen haben, waren drei Büros für unser Rathaus. Und ein wenig Unterstützung, um die Krankenstation von Anse Rouge zu renovieren. Das war alles . »

Die Krankenstation
Die Gebäude der Krankenstation von Anse Rouge wurden vor kurzem renoviert, ansonsten sind die Bedingungen miserabel.
Elians : « Wir haben in Haiti große Probleme, vor allem im Gesundheitswesen. Die Lage ist desolat, seit fast 18 Jahren gibt es für das Gesundheitswesen kein Geld mehr.“
« Wie viele Ärzte kommen auf wie viele Einwohner ? „
Elians: „Wir haben insgesamt 53.000 Einwohner.“
Der Arzt : „Wir sind zwei Ärzte und ein Zahnarzt. Es soll noch ein dritter Arzt kommen, der fest im Krankenhaus angestellt ist, aber der ist bisher noch nicht da.“
Die beiden Ärzte kommen frisch von der Uni. Sie verdienen 150 Dollar pro Monat – da erstaunt es nicht, dass die meisten Mediziner Arbeit im Ausland suchen. Für den Betrieb des Krankenhauses steht kein Geld zur Verfügung, der einzige Krankenwagen ist seit Monaten kaputt.
Der Arzt : „Diese halbe Flasche Betadin ist alles, was wir noch haben. Das ist nicht viel..“
Arte: „Was hier steht ist das ganze Material des Krankenhauses ?“
Der Arzt : „Um die Instrumente zu sterilisieren, müssen wir manchmal ganz altmodische Methoden anwenden - mit Feuer und Alkohol. Es ist schlimm, die Lage ist wirklich schlimm.“
Arte: „Ist die Lage in ganz Haiti so schlimm, oder nur in Anse Rouge ?“
Der Arzt : „Das ist fast überall so. Manchmal unterstützen uns Hilfsorganisationen; sie liefern uns Handschuhe oder Instrumente... aber die Lage ist fast überall gleich schlecht.“
Arte: „Bekommen Sie regelmäßig Ihr Gehalt ?“
Der Arzt : „Alle drei Monate (lacht)… alle drei oder vier Monate (lacht).“
Arte: „Sie nehmen das mit Humor ?“
Der Arzt : „Was sollen wir machen ? Es gibt Leute mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen, wir sind die Einzigen, die ihnen helfen können. Das Ganze ist zwar nicht zum Lachen, aber was sollen wir tun? Wir müssen das Beste aus der Situation machen.“

Die Schule
Es gibt kein Geld und keine Hilfe vom Staat… es ist immer das gleiche... Ministerien sind zwar vorhanden, doch sie sind nur dünn besetzt – und die Beamten werden nur unregelmäßig bezahlt. Also nimmt sich jeder, was er kriegen kann. Korruption ist hier an der Tagesordnung.
Die Schulen – die meisten werden von den Kirchen finanziert - sind gut besucht. Die Familien kratzen alles zusammen, um den Kindern die obligatorische Uniform kaufen zu können. In der Schule bekommen die Kinder wenigstens eine warme Mahlzeit – zu Hause müssen sie sich oft mit einem Getreidebrei begnügen.
Elians: „Die Schulen funktionieren irgendwie, aber es gibt keine festen Strukturen. Das Land hat zu viele Probleme, es fehlt an Geld, es fehlt am Regen... Die Kinder kommen zwar zur Schule, aber wir können ihnen nicht die notwendigen Strukturen für eine gute Zukunft bieten.“
Arte: „Bald sind Wahlen… sprecht ihr in der Schule darüber?“
Ein Schüler : « Es soll ein neuer Präsident, Bürgermeister und Abgeordnete gewählt werden.“
Eine Schülerinn : „Die Wahlen sollen das Land verändern… es nach vorne bringen.“
Elians : « Bleibt zuversichtlich, Kinder. Auch wenn ihr es schwer habt, auch wenn ihr nichts zu essen bekommt, auch wenn die Schule schlecht ausgerüstet ist... Bleibt zuversichtlich, und alles wird gut... »

Fischfang und Salzgewinnung
Der Fischfang und die Salzgewinnung sind die wichtigsten Beschäftigungen der Bewohner von Anse Rouge. Doch um den Fischfang steht es schlecht, seit Jeanne über das Land wütete. Jeanne ist der Wirbelsturm, der 2004 alles mitriss: Boote, Netze, Häuser... Die haitianische Regierung hat den Fischern großzügig eine Entschädigung ausgezahlt: 20 haitianische Dollar, das entspricht zwei Euro pro Familie.
Die Fischer treffen sich mit dem Bürgermeister... Die Wahlen nahen; sie werden alle zu den Urnen gehen; doch ohne Illusionen.
Elians : „Wir haben die Behörden schon mehrere Male um Hilfe gebeten – ohne Erfolg. Anse Rouge ist vergessen; es ist, als würden wir für den Staat gar nicht existieren. Vielleicht glauben sie, hier würden nur Tiere leben. Dieses Gefühl haben wir manchmal.“
Die Fischer : „Wir haben, im Namen der Fischer, allen Kandidaten unsere Probleme schriftlich dargelegt. Bisher haben wir keine einzige Antwort bekommen.“
„Der Bürgermeister ist der einzige, der versucht, uns zu helfen. Er tut sein Bestes, er hat unsere Probleme schon mehrmals bei der Präfektur dargelegt. Wir haben kein Trinkwasser, fast nichts zu essen, es regnet kaum... Gut, wir haben das Meer, aber seit dem Wirbelsturm gibt es keine Fische mehr. Und wir haben nicht die richtigen Boote, um weiter aufs Meer hinaus zu fahren und dort Fische oder Hummer zu fangen. Vor den Wahlen bitten die Kandidaten uns jedes Mal, für sie zu stimmen, danach sehen wir sie nie wieder. Als ob es Anse Rouge nicht gäbe... »
Die Salzgewinnung ist die zweite wichtige Einnahmequelle der Insel. Aber auch hier hat Jeanne seine Spuren hinterlassen. Riesige Schlammwellen haben die Salinen überrollt. 16 Monate später hat sich kaum etwas verändert.
Die französische Hilfsorganisation „Action contre la Faim“ leistet Unterstützung, 200 Salinen werden momentan gesäubert. Die ärmsten Familien sollen zuerst davon profitieren, erklärt uns Thibault, der Leiter vor Ort:
„Gemeinsam mit Vertretern der Dorfbewohner haben wir festgelegt, welche Salinenbesitzer am schlechtesten dran sind. Ihre Salinen sollen als erstes wieder funktionsfähig sein, damit sie wieder Salz produzieren können. Wir helfen dem ganzen Dorf, beginnen aber mit den Ärmsten.
Wir wissen jetzt, welche Familien besonders hilfebedürftig sind ; sie müssen als erste die Möglichkeit bekommen, wieder arbeiten zu können.
Bei der Wiederherstellung der Salinen müssen wir auch darauf achten, dass wir Leute einsetzen, die gute Arbeit leisten, damit nicht noch mehr zerstört wird. Die Hilfsbedürftigkeit und das technische Wissen der Arbeiter werden also berücksichtigt.“

Hunger und Ernährungsprogramm
Wir fahren ins Landesinnere. Nach einer Stunde Fahrt über eine Schotterpiste erreichen wir Mao. Auf den ersten Blick ein grünes, blühendes Dorf. Doch der Eindruck täuscht. Die Regenzeit und die Wirbelstürme sind gerade vorbei. Hier leben 2 000 Personen, der einzige Brunnen - eine kleine Quelle - befindet sich vier Kilometer von hier.
Die 2 000 Einwohner kämpfen täglich ums Überleben. Paul Belloni, Vorsitzender des Dorfkomitees, zeigt uns die desolate Lage: „Diese Familie ist sehr arm. Sei hat schon vier Kinder verloren; wegen Krankheiten und Unternährung. Diese Leute haben kein Geld, sie leiden an Unterernährung und müssen Erde essen.“
Ein Familienvater : „Wir nehmen ein bisschen Erde, vermischen sie mit Wasser und geben ein bisschen Salz dazu, um eine Art Teig herzustellen. Das essen wir... es dämpft den Hunger... Wir essen auch die Kaktusfrüchte… auch die mit den roten Stacheln. Man muss mehrere davon pflücken und die Stacheln herausziehen. Dann kann man sie essen.“
Arte: „Essen die Kinder das auch ?“
Der Familienvater : „Ja, die Kinder essen das auch.“
Unterernährung, Krankheiten… und keine medizinische Versorgung vor Ort. Das Krankenhaus von Anse Rouge ist vier Stunden Fußmarsch entfernt. Die schwierigen Fälle schickt man dort weiter nach Gonaives. Doch die wenigsten können sich die Reise dahin leisten.
Paul Belloni : « Hier gibt es weder eine Krankenstation noch einen Arzt. Nichts... Weder die Vertreter von Port au Prince, noch die von Gonaives sind jemals hier gewesen. Es kommt keiner, selbst wenn die Leute hier sterben...“
In Mao fällt es schwer zu glauben, dass das 21. Jahrhundert angebrochen ist...
Und auf der anderen Seite der Berge liegen Tausende von Touristen an den Stränden der Dominikanischen Republik und genießen die Langusten...
In Haiti, dem westlichen Teil der Insel Hispaniola, dagegen herrschen Hunger und Elend. In Mao betritt man eine andere Welt. Wir sind das erste Fernsehteam, das hierher kommt. Unsere Fragen zu den kommenden Wahlen scheinen eigentlich vollkommen fehl am Platz...
Paul Belloni : « Alle Bewohner sind in die Wahllisten eingeschrieben, aber sie haben ihren Wahlschein noch nicht. Bisher hat kein Präsident etwas für uns getan. Es ist noch nie ein Regierungsvertreter zu uns kommen. Sie kennen uns nicht; es ist immer das gleiche...“
Vor einigen Monaten wusste man in Mao noch nicht, was eine « Hilfsorganisation » ist. Die Ankunft des Teams von „Action contre la Faim“ war eine Sensation. Die Leute bestaunten die Weißen und Chantal, deren Ursprünge in Frankreich und Benin liegen. Sie haben, in Abstimmung mit den Dorfbewohnern, ein Ernährungsprogramm auf die Beine gestellt. Das Programm steht, es fehlt nur noch die Finanzierung.
Chantal: « Die Lage ist schwierig, sehr schwierig… Wir verstehen nicht, wie es so weit kommen kann, die politische Situation spielt bestimmt eine große Rolle. Die Menschen hier brauchen Hilfe, wir, von ACF verstehen nicht, warum gar nichts für sie getan wird. 50 Kilometer von hier gab es Unterstützung; doch die Mittel flossen nur in bestimmte Gemeinden; die größer sind und medienwirksam dargestellt wurden. Die Fernsehbilder von Gonaives haben die Menschen betroffen gemacht – auch die Geldgeber. Aber Gemeinden wie Anse Rouge haben überhaupt keine Hilfe bekommen. Sie können die Leute hier in Mao fragen; sie haben seit den schweren Stürmen keine Unterstützung bekommen.“

Langfristige Hilfe
Gonaives ist die drittgrößte Stadt Haitis. Im September 2004 zeigte das Fernsehen, wie die Stadt in Strömen von Wasser und Schlamm versank. Der Hurrikan forderte 3000 Opfer; Tote und Vermisste. Die Spuren des Wirbelsturms sind auch ein Jahr später noch zu sehen. Die Salinen sind noch immer nicht gesäubert; der Markt findet auf dem Schmutz und Müll statt, den Jeanne angespült hat.
Haiti ist auf internationale Hilfe und die Unterstützung von Hilfsorganisationen angewiesen. Viele von ihnen haben Gonaives schon wieder verlassen. „Action contre la Faim“ ist geblieben. William, der Verantwortliche vor Ort, ist seit neun Monaten hier:
« Hier, auf dem Markt am Meeresufer, werden alle frischen Produkte der Stadt verkauft. Fisch, Fleisch, Gemüse... Drumherum liegt der Müll und die Reste, die der Wirbelsturm Jeanne angespült hat. Kurz nach dem Hurrikan kam sehr viel Hilfe in Gonaives an. Doch es waren kurzfristige Aktionen, keine langfristige Hilfe. Für die Menschen hier ist das frustrierend. Sie wurden drei Monate lang unterstützt, jetzt sind sie wieder auf sich alleine gestellt. Der ganze Bereich, auf dem der Markt stattfindet, müsste gesäubert werden; es müssten Strukturen geschaffen werden, die es den Händlern ermöglichen, ihre Produkte unter akzeptablen hygienischen Bedingungen zu verkaufen.“
13.000 Kubikmeter Schlamm haben die Mitarbeiter der französischen Hilfsorganisation schon beiseite geschafft. Das ist nur ein kleiner Anfang... Auch im Jahr 2005 gab es einige Sturmwarnungen – ein neuer Wirbelsturm wäre für Gonaives eine Katastrophe.
William : « Dieser Kanal läuft durch eines der ärmsten Viertel von Gonaives. Wir befürchten, dass die Menschen ihren ganzen Müll darin entsorgen, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Seit wir die Kanäle vom Schlamm befreit haben, kann das Wasser bei Regenfällen wieder gut ablaufen. Vorher staute es sich in den Kanälen. Es regnet in der Regel zwei bis drei Stunden am Stück, dann ist alles überschwemmt, das Wasser steigt in der ganzen Stadt bis zu 50 Zentimeter hoch.“

Die Kandidaten
Haiti scheint verdammt zu sein… und doch wollen die Menschen an diese, von der Internationalen Gemeinschaft auferlegten Wahlen glauben. In Gonaives und allen anderen Städten und Gemeinden bereiten sich die Menschen darauf vor, einen neuen Präsidenten, Abgeordnete und Senatoren zu wählen. Sie hoffen auf eine bessere Zukunft. Obwohl sie wissen, dass die meisten Kandidaten aus der reichen Elite kommen oder korrupt sind... oder beides.
Das Angebot an Kandidaten ist groß in der Provinz Artibonite – doch sie kommen alle aus zwei rivalisierenden Clans.

Winter Etienne ist der Vertreter der ehemaligen Kämpfer; er war einer der Rebellenführer, die im Februar 2003 die Waffen gegen Präsident Aristide erhoben. Heute ist er Anführer der Front für nationalen Wiederaufbau und kandidiert für einen Sitz im Senat. Er hofft auf einen guten Ablauf der Wahlen:
„Es müssen genügend Wahlzentren eingerichtet werden, die für die Menschen gut erreichbar sind. Man kann von den Leuten nicht verlangen, drei oder fünf Stunden zu Fuß gehen zu müssen, um wählen zu können. Wir möchten keine Protestwahl, wir möchten, dass das Land vorankommt. Dafür müssen die Wahlen gut organisiert werden. Der neue Präsident muss wirklich von einer Mehrheit gewählt werden, nicht nur von einer Minderheit.“
Bei den Präsidentschaftswahlen unterstützt Winter Etienne den Rebellenführer Guy Philippe. Dessen Wahlspruch – man mag darüber lächeln - lautet : „Schluss mit der Korruption auf Haiti“...
Winter Etienne : « Der haitianische Staat leiht sich seit über 200 Jahren Geld aus dem Ausland. Dieses Geld kommt aber nur den staatlichen und lokalen Behörden zugute, die Bevölkerung hat nichts davon. Die Regierenden stecken das Geld in die Tasche, die einfachen Leute sehen nichts davon.“

Der zweite Clan, das ist die Familie des aktuellen Chefs der Übergangsregierung Gérard Latortue. Er selbst kandidiert nicht, aber seine Neffen. Youri war ehemals Polizist und Chef des Sicherheitsdienstes des Präsidenten... unter Aristide.
Er ist jung, dynamisch und reich – ein Reichtum zweifelhaften Ursprungs, wie viele meinen – und er versteht sich als der Repräsentant einer neuer politischen Generation.
Youri Latortue : « Wir möchten die Mentalität ändern ; die Menschen sollen nicht immer erwarten ,dass der Staat etwas für sie tut, sie sollen selbst überlegen, was sie für das Land tun können. Im Rahmen unserer Kampagne gehen wir auch in die ärmsten Viertel. Wenn möglich, lassen wir einen Brunnen bauen, Stromleitungen legen oder die Kanäle säubern. Wir versuchen, konkrete Maßnahmen in Gang zu bringen, in der Hoffnung, dass diese später – mit staatlicher Unterstützung – weiter geführt werden können. Man muss offen mit den Leuten reden, ihnen klar sagen, mit welchen Schwierigkeiten das Land zu kämpfen hat. Wir können nicht alle Probleme lösen; Haiti ist ein sehr armes Land; wir müssen mit kleinen Schritten anfangen. Man muss Vertrauen schaffen und aufrecht erhalten. Wenn man nach zwei oder vier Jahren etwas erreicht hat, wird man vielleicht wiedergewählt, dann kann man weiter denken...“

Wer wird nach dem zweiten Wahlgang am 15. Februar 2006 das Schicksal Haitis in die Hand nehmen? Schwer zu sagen... 36 Kandidaten, darunter eine Frau, stehen zur Wahl...
Aktueller Favorit ist René Preval. Er war schon einmal Präsident ; zwischen 1995 und 2000. Er hielt die Stellung, als Aristide ins amerikanische Exil ging.

Er ist der Außenseiter: Der Unternehmerführer und Anführer der Oppositionsbewegung „Gruppe der 184“ Charles Henri Baker. Charlito, wie er hier genannt wird, hat einen großen Nachteil: Er ist weiß.

Auf den Sieger wartet viel Arbeit. Haiti, die erste unabhängige Republik von Schwarzen und Mulatten, liegt heute in Trümmern. Der Großteil der Bevölkerung sind Analphabeten und leben mit weniger als zwei Euro pro Tag.

Aber es gibt doch doch etwas, das gut funktioniert auf Haiti : Die Kirchen. Katholische, Protestantische, Adventisten, Evangelisten, Baptisten... Sie sind zahlreich – wohlhabend und einflussreich. Sie rufen die Gläubigen jeden Sonntag auf, zur Wahl zu gehen. Doch sie können ihnen nicht erklären, warum Gott sie scheinbar vergessen hat...



=============
ARTE Reportage
Das internationale Nachrichtenmagazin
mittwochs gegen 21.35 Uhr

Erstellt: 04-01-06
Letzte Änderung: 20-02-06