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Porträt - 24/03/06

Zsuzsanna Gahse: Murmeln, Murren

Leseprobe und Bericht von der Leipziger Buchmesse

Auszug aus dem neuen Buchprojekt O.R.:

Dies war ein raucherfreies Krankenhaus, nur auf dem Balkon standen zwei große Aschenbecher. Der Balkon befand sich hinter mir, am Ende des langen, nur mit künstlichem Licht ausgeleuchteten Flurs. Dann bog ich links um die Ecke, und das Tageslicht traf wieder den Boden und natürlich auch mein Gesicht.

Auf dem Boden vor mir sah ich zuerst zwei Schuhe, darin zwei honig- oder bernsteinfarbene Beine, wieder einmal lange Beine, dachte ich und ging auf die Schuhe zu, auf die Beine, auf einen, wie es schien, sonnengelben Mann.

 Dr. Tilman Krause (Die Welt) im Gespräch mit der Chamisso-Preisträgerin Zsuzsanna Gahse, am 16. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseDa rief mich eine Krankenschwester, sie sagte, ich soll jetzt ins Zimmer gehen, der Herr Auerbach warte schon, so daß ich zum Vasenschrank zurückkehrte, die einzige Glasvase herausnahm, und schließlich stand ich wieder neben Auerbachs Bett, links von seinem Bett, stellte die Tulpen in der Vase auf seinen Krankentisch und versuchte, Auerbach mit einem neuen Blick anzuschauen, während er zum Fenster hinausschaute.

Gleichzeitig kam die Schwester mit dem Mittagessen auf einem Tablett, sie mußte die Blumen in der Vase zur Seite schieben, und das Essen sah krank aus, das Wasser in der Vase war krank, den Fußboden hätte man renovieren müssen, obwohl er höchstens einige Jahre alt war, nur wurde das Bett auf diesem Boden mindestens wöchentlich hin- und hergeschoben, und sobald es einmal leer war, zogen die Pflegerinnen die Bettdecken und die Kissen ab, rollten das Bett mit der nackten Matratze auf den Flur hinaus, wahrscheinlich, um es zu desinfizieren, und später stand es wieder frisch bezogen auf dem Flur oder im Zimmer oder möglicherweise in einem anderen Zimmer, so daß dieses Zimmer, in dem ich mich befand, kein zu ihm gehörendes Bett besaß, keinen Nachttisch und keinen Beistelltisch. Außer den Steckdosen an der Wandleiste gehörte nichts zu dem Raum, nichts und niemand, was auch Vorteile hat, wenn man sich ausmalen will, daß ein bestimmtes Bett, das einmal einem bestimmten Kranken in einem bestimmten Zimmer gehörte, in derselben Zusammensetzung kaum je wieder einem anderen Kranken gehört, und einmal stehen drei Betten in einem Raum, in dem ein anderes Mal nur ein Bett steht, entsprechend wechseln auch die Beistelltische und die Stühle und der Tisch, der vor dem Fenster steht.

Zsuzsanna Gahse am 16. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseVor allem aber fahren die Betten herum, am Putzpersonal vorbei, die mit grünen Gummihandschuhen den rollenden Möbeln nachschauen und sich fragen, ob sie auch die Rollen bald waschen und trocknen müssen oder sie ganz erneuern, die Gummiräder abschrauben, neue anschrauben, oder ob sie nun das Bettgestell, nachdem sie die Matratzen abgenommen hatten, in den automatischen Waschraum stellen müssen, wo von beiden Seiten große, weiche Bürsten auf das Bett zufahren, dabei richtig losschwingen, so daß sich ihre langen Waschzotteln zu drehen beginnen und das Gestell von allen Seiten, von unten und oben, gründlich einseifen, dann abspülen, anschließend wird das Bett in einen Nebenraum gefahren, wo sich Heizarme über die Unter- und Oberseiten des Gestells beugen und das stählerne Ding trocken pusten. Irgendwann wird das Bett verkauft, mit oder ohne Matratze. Es ist dann ein billiges Möbelstück, in jeder wirklichen Notlage empfehlenswert, weil es mit einem netten Bettüberwurf und zwei, drei bunten Kissen das Gesicht schnell verändert, das Bett läßt sich schnell verändern, dann sieht man seine Vergangenheit nicht mehr genau, sie wird unbekannt und das kann Vorteile haben, es kann wohltuend sein, von manchen Vergangenheiten nichts zu wissen, dachte ich, während sich Auerbach seinem Tablett zuwandte. Ich soll mich nicht stören lassen, sagte er und bat mich, ruhig weiter zum Fenster hinauszuschauen, das tue er den ganzen Tag über.

(Auszug aus dem neuen Buchprojekt O.R., © Zsuzsanna Gahse)


  • Am 16.3.2006 sprach die Chamisso-Preisträgerin 2006 mit Tilman Krause (Die Welt) auf der Leipziger Buchmesse am ARTE-Stand über ihre neuen Bücher

Ein Fest der Sinne, der Wörter und der Bedeutungen


Zsuzsanna Gahse am 16. März 2006 auf der Leipziger Buchmesse Das bereiteten Zsuzsanna Gahse und ihr Gesprächspartner Tilman Krause von der Welt heute Nachmittag wahrhaftig. Fangen wir mit einer Kostprobe aus „Instabile Texte“ an, da heißt es am Schluss: „Morgen gibt es ein Fest, alle eingesperrten Wörter dürfen wieder vortreten“. Zsuzsanna Gahse hat sich hier von der heute 94jährigen Schriftstellerin Nathalie Sarraute inspirieren lassen, ja die Passage ist ein Gruß an sie und ihren Text „Aufmachen“. Auch bei ihr wurden - je nachdem wer zu Besuch war – Wörter eingesperrt: Da musste beispielsweise das Wörtchen „mir“ in dem Satz „Du wirst mir doch nicht krank werden“ bei bestimmten Gästen unterdrückt werden. Was liegt näher, als dass „alle eingesperrten Wörter“ wieder heraustreten dürfen, dass alles gesagt werden kann, wenn in den „Instabilen Texten“ ein Fest mit Peter gefeiert wird? Ein Fest der Sinne ist immer auch ein Fest der Wörter.

Die gebürtige Budapesterin liebt Doppeldeutigkeiten, Ambiguitäten und Paradoxes bis in die Titel ihrer Bücher. Für „durch und durch“ erhielt die Autorin den Chamissopreis 2006. Es spielt im schweizerischen Müllheim, wo Zsuzsanna Gahse heute lebt. Ein liebenswerter Ort, aber geprägt von der Durchgangsstraße: die halbe Welt scheint durch Müllheim zu fahren von Ost nach West und West nach Ost. Der Verkehr geht nicht nur durch, sondern „durch und durch“ bis zum Überdruss und lässt Müllheim zum „Beinahe-Unort“ werden. Und solche Orte gibt es zuhauf, der Untertitel unterstreicht das Verwechselbare: Ist nicht etwa Müllheim/Rhur statt Müllheim/Thur gemeint?

Mit dokumentaristischem Blick verfolgt die Ich-Erzählerin die Begebenheiten auf und an der Straße und entwickelt in einer Fülle von sich verzahnenden Begegnungen, Geschichten und allerlei Feldforschungen (selbst eine Verkehrszählung bleibt nicht aus und schlägt sich auf dem liebevoll gestalteten Buchumschlag nieder) eine literarische Topographie von einem Ort, der auch ganz woanders sein könnte. Mit ihrem präzisen Blick beobachtet sie für den Leser Details, die ihm sehr vertraut vorkommen, die er aber möglicherweise übersehen hat oder nicht weitergedacht hat. Wenn wir nicht aufpassen, kann einiges an uns vorbeifahren, aber da ist „durch und durch“ ein Gegenmittel. So kann man bei Zsuzsanna Gahse keinesfalls von Heimatliteratur sprechen, doch der Ort ist ihr wichtig, denn dahinter steht die Frage „Wo bin ich?“. Sie bietet keine geschlossene Narration, aber Bilder, die sehr genau geschildert werden, sie öffnet Fenster aus einer kleinteiligen Topographie heraus und erzählt dabei Ernstes und weniger Ernstes.

von Angelika Schindler



  • Buchveröffentlichungen

Zero.
Prosa. München: List, 1983
Berganza.
Erzählung. München: List, 1984. NA München, Serie Piper, 1987
Abendgesellschaft.
München: Piper, 1986
Liedrige Stücke.
Leonberg-Warmbronn: Keicher, 1987
Stadt · Land · Fluß.
Geschichten. München: List, 1988
Einfach eben Edenkoben.
Klagenfurt ⁄ Salzburg: Wieser, 1990
Hundertundein Stilleben.
Prosa.7 Klagenfurt ⁄ Salzburg:Wieser, 1991
Nachtarbeit.
Prosa. Leonberg-Warmbronn: Keicher, 1991
Essig und Öl.
Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1992
Sandor Petöfi
Rede am 15. März 1848.
Essay.
Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1993. Übersetzt. Eine Entzweiung. Hrsg. vom LCB ⁄ DAAD.
Berlin Weimar
Aufbau Verlag, 1993. NA Lausanne: Centre de traduction littéraire, 2000
Passepartout
Prosa. Klagenfurt ⁄ Salzburg: Wieser, 1994
Kellnerroman
Prosa. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1996
Auskünfte von und über Zsuzsanna Gahse
Hrsg. von Wulf Segebrecht. Bamberg: Fußnoten zur Literatur, 1996
Wie geht es dem Text?
Bamberger Vorlesungen. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1997
Nichts ist wie oder Rosa kehrt nicht zurück
Roman. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1999
Calgary. April 1997
Mit einer Zeichnung von Christoph Rütimann. Leonberg-Warmbronn: Keicher, 2000
Kaktus haben
Buchobjekt mit einem Siebdruck von Christoph Rütimann. Altdorf: Edition Nyffeler & Wallimann, 2000
durch und durch, Müllheim ⁄ Thur in drei Kapiteln
Wien: Edition Korrespondenzen, 2004
Blicken
Mit Klaus Merz. Bild-Lyrik-Projekt von Nikolaus enherr. Alpnach Dorf: Verlag Martin Wallimann, 2004
»Im übersetzten Sinn ⁄ Vom literarischen Übersetzen«
Die Horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Heft 218. Hrsg. von Zsuzsanna Gahse. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW, 2005
Instabile Texte ⁄ zu zweit
Wien: Edition Korrespondenzen, 2005


Erstellt: 13-03-06
Letzte Änderung: 24-03-06