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Auch in diesem Jahr präsentiert ARTE zu Weihnachten einige Zirkusvorführungen:

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30 Jahre Festival Cirque de Demain - 19/12/08

Zirkusfieber

Interview mit Dominique Mauclair, Organisator des Festivals Cirque de Demain


Seit 1977 präsentieren sich alljährlich Nachwuchsartisten auf dem Festival du Cirque de Demain. Zum 30-jährigen Bestehen des Festivals sprach ARTE mit dessen Initiator Dominique Mauclair über seine Erfahrungen und den Zauber der sich ständig neu erfindenden Zirkuswelt.

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Herr Mauclair, was veranlasste Sie Ende der 1970er Jahre, ein dem neuen Zirkus gewidmetes Festival zu organisieren? War der Grund etwa, dass ein leicht revolutionärer Geist, der durch die Manegen der traditionellen Zirkushäuser wehte?

Eigentlich wollten wir einen Mann ehren, dem der Zirkus unendlich viel zu verdanken hat: Louis Merlin, lange Zeit Direktor des Rundfunksenders Europe N° 1. Der Zirkus war seine große Leidenschaft. 1958 hatten wir zusammen eine Benefizgala zu Gunsten alter Zirkusartisten organisiert: Spitzenakrobaten aus der ganzen Welt traten auf der Gala de la Piste im legendären Pariser Cirque d’Hiver auf. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg und wurde für fast 25 Jahre zu einem feststehenden Ereignis. 1976 starb Louis Merlin und ich übernahm seine Nachfolge als Vorsitzender des Vereins La Piste. Ich schlug dem Verwaltungsrat vor, zu Ehren von Louis Merlin eine Veranstaltung ins Leben zu rufen, die seinen Namen tragen sollte.

Ich erinnerte mich, dass Louis Merlin mir gesagt hatte: „Was wir da machen, Dominique, ist gut und richtig. Wir tun eine ganze Menge für „ältere“ Zirkusartisten, aber nichts für die jungen.“ Und so organisierten wir 1977 erstmals eine Veranstaltung für Nachwuchsartisten, parallel zur Gala de la Piste, die es damals noch gab. Das war der Anfang. Damals hieß es noch nicht Festival du Cirque de Demain. Es war vielmehr eine Art Wettbewerb um ein Stipendium mit dem Namen seines geistigen Initiators Louis Merlin.

Anfangs fanden die Darbietungen praktisch ohne Publikum statt, doch die Stimmung war einzigartig, denn die Teilnehmer waren ungeheuer gut drauf; die meisten waren junge Absolventen der 1974 gegründeten Zirkusschulen von Annie Fratellini und Silvia Monfort.

Im folgenden Jahr wiederholten wir das Ganze, allerdings nicht mehr unter dem Titel Bourses Louis Merlin, denn ein solcher Titel eignet sich für eine Zirkusvorstellung nicht besonders gut. Wir nannten die Veranstaltung dann Cirque de Demain, und unter diesem Namen lief das Festival insgesamt sieben Mal. Schließlich etablierte sie sich endgültig, und hieß von da an hieß es Festival Mondial du Cirque de Demain.

Das ist die Geschichte des Festivals.

Hätten Sie sich anfangs gedacht, dass das Festival du Cirque de Demain international eine solche Bedeutung erlangen und so erfolgreich werden würde?

Um ehrlich zu sein, nein. Zumindest nicht im ersten Jahr. Damals war uns selbst nicht ganz klar, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln würde. Meine Frau hat jedoch von Anfang an an den Erfolg geglaubt. Sie sagte schon beim ersten Mal zu mir: „Das ist ein tolles Projekt, aber die Teilnehmer kommen alle aus dem Großraum Paris“. Sie schlug vor, für die Veranstaltung im folgenden Jahr alle Zirkusschulen in Frankreich und im Ausland anzuschreiben und sie einzuladen, bei Interesse mitzumachen.

Daraufhin meldeten sich schon im zweiten Jahr Absolventen der Zirkusschule von Kairo an – bis dahin hatten wir keine blasse Ahnung, dass es in Kairo überhaupt eine Zirkusschule gibt – und Absolventen der Staatlichen Zirkusschule Berlin, in der damaligen DDR, denn Deutschland war noch in Ost und West geteilt. Das gab uns natürlich Auftrieb weiter zu machen. Nach den Ägyptern und Ostdeutschen kamen im dritten Jahr die Rumänen dazu. Und so ging es weiter, bis schließlich die komplette internationale Zirkuswelt vertreten war: erst Europa, dann auch die USA, Ungarn, Rumänien, die Mongolei, afrikanische Staaten, China. Wir waren übrigens das erste Festival, zu dem einzelne chinesische Artisten reisen durften; ansonsten erlauben die chinesischen Behörden nur ganzen Truppen Auslandsauftritte.

Das Festival entwickelte sich nach und nach immer mehr zum Schaufenster für Zirkuskönnen und Zirkuskulturen aus aller Welt.

30 Jahre, 28 Festivals, über 1200 Nummern und 42 verschiedene Nationen, 3.000 junge Neuentdeckungen – das ist eine stolze Bilanz. Welches waren für Sie rückblickend die stärksten Momente des Festivals?

Am beeindruckendsten war die Offenbarung neuer Talent, sei es ein einzelner Artist oder eine Truppe, die eine Darbietung in einer völlig neuen Form brachten.

Spontan würde ich sagen, Dai Wenxia war die erste, die uns völlig überwältigte und sprachlos machte. Ich hatte die kleine Chinesin in Kanton entdeckt und zum 5. Festival eingeladen. Ich glaube, es ist an dieser Stelle wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir ständig durch die Welt reisten, um neue Talente ausfindig zu machen. 20 bis 25 Jahre bin ich rund um den Globus gereist auf der Suche nach jungen begabten Artisten, die ich oft erst einmal überzeugen musste, bei uns mitzumachen. Dai Wenxia präsentierte eine Nummer mit dem Namen „Die gläserne Pagode“: Sie balancierte ca. 120 Gläser mit einfach umwerfender Anmut und Schönheit. Ihre Darbietung war pure Harmonie und verband uralte traditionelle chinesische Zirkuskunst mit einer modernen Darbietungsform. Dai Wenxia war damals erst 20 Jahre alt. Witzig ist, dass sie in Frankreich geblieben ist. Heute betreibt sie zusammen mit ihrem Mann ein chinesisches Restaurant in der Vallée de Chevreuse. Sie sehen, das Festival verhalf manchem, auch noch andere Talente an sich zu entdecken [lacht].

Im Jahr danach kam die erste mongolische Artistin zu uns: Enhtsetseg, das Schlangenmädchen. Wir hatten von den mongolischen Schlangenmenschen gehört, aber nie zuvor welche gesehen. Die Nummer, die sie vortrug, war ein Erlebnis in vielerlei Hinsicht: Musik, Kostüm, Körper, Technik, die Verbindung von Körperbeherrschung und Jonglieren. Sie hatte eine honigkuchenfarbene Haut und sah einfach wunderbar aus. Fräulein Enhtsetsegs Geschmeidigkeit und Jonglierkunst war für uns eine Offenbarung. In späteren Jahren kamen weitere mongolische Schlangenmenschen zum Festival, doch die Verzückung vom ersten Mal blieb unerreicht. Enhtsetseg war die erste. Sie lebte mit ihren Eltern in einer Jurte und hatte, bevor sie zu uns kam, noch nie ein Flugzeug bestiegen. Ich glaube, es war auch für sie ein Kulturschock. Das galt und gilt im Übrigen auch für andere Artisten. Der Cirque d’Hiver und der Cirque Alexis Gruss ist für sie eine neue Welt, die sie sich so nicht vorstellen konnten. Paradoxerweise leidet darunter ihre Konzentrationsfähigkeit in keiner Weise. Im Gegenteil: Sie arbeiten noch konzentrierter und strengen sich noch mehr an, um zu zeigen, was sie können.

Und dann gab es Davis Shiner, ein US-amerikanischer Clown und Straßenkünstler. Er wurde vom Cirque baroque entdeckt und hat bei unserem Festival mitgemacht. Er war ein ganz besonderer Straßenclown. Er arbeitete mit dem Publikum: Es nahm für ihn die Stellung des Partners ein. Shiner war ein fantastischer Mime mit revolutionären Ansätzen. Die Begegnung mit ihm war für uns ebenfalls ein Kulturschock. Shiner machte den Imitator in der Manege populär. Er war übrigens verantwortlich für die Inszenierung des jüngsten Programms des Cirque de Soleil.

Ich erinnere mich auch an die erste Nummer, die der Russe Valentino für das Festival inszenierte: Petruschka als roter Harlekin. Petruschka war Jongleur. Er setzte schrille Musik ein, das hatte es davor noch nicht gegeben. Außerdem benutzte er Kostüme, die man eher an Mimen erwartete, aber nicht an Jongleuren. Er schminkte sich ganz weiß und jonglierte mit großen Reifen. Einfach eine ganz neue Kombination! Oder Elena Panova, eine russische Artistin. Sie arbeitete als eine der ersten am schwingenden Trapez. Auch das war damals eine revolutionäre Neuerung.

Das Fernsehen bringt den modernen Zirkus dem breiten Publikum näher. Dementsprechend wandelt sich das traditionelle Zirkusbild in der Öffentlichkeit, aber auch die Zuschauergewohnheiten. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Glauben Sie, Zirkus und Fernsehen passen gut zusammen?

Wissen Sie, die Zirkusleute, insbesondere die Direktoren, waren zunächst ganz und gar nicht begeistert, dass das Fernsehen sich mit dem Zirkus beschäftigt. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass manche Direktoren in den 1960er Jahren ihren Artisten vertraglich untersagten, im Fernsehen aufzutreten. Das war natürlich dumm, vor allem wenn man bedenkt, in welchem Maße Leute wie Gilles Margaritis mit Sendungen wie La Piste aux étoiles dazu beigetragen haben, guten Zirkus populär zu machen. Da Margaritis stets nur die weltbesten Artisten ins Fernsehen brachte, offenbarte sich dem Zuschauer dank dieser Sendungen eine ganz andere Qualität als die, die er vom kleinen Wanderzirkus her gewohnt war. Insofern führte das Fernsehen zu einer echten Qualitätsverbesserung.

Auch hätten Veranstaltungen wie das Festival du Cirque de Demain oder das Circus Festival Monte-Carlo ohne das Fernsehen nicht den internationalen Charakter, der sie heute auszeichnet. Das Fernsehen bringt Spitzenakrobatik zu den Zuschauern und ermöglicht ihnen obendrein die Begegnung mit fremden Ländern und Kulturen. Außerdem öffnet es dem Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen – für viele ein magischer Moment. Deswegen bin ich schon immer der Auffassung, dass das Fernsehen für die Weiterentwicklung des Zirkus außerordentlich wichtig ist. Es machte den Zirkus weltweit zu einer der populärsten Unterhaltungen, wenn nicht zu der populärsten Unterhaltung überhaupt.

Vor 30 Jahren riefen Sie das Festival du Cirque de Demain ins Leben. Da Sie offenbar im Herzen ein Visionär sind, gestatten Sie mir die Frage, wie es Ihrer Meinung nach um die Zukunft des Zirkus steht?

Ich bin überzeugt, dass der Zirkus auch weiterhin eine großartige Zukunft vor sich hat. Es wird sicher Weiterentwicklungen geben, und der Zirkus der Zukunft wird anders sein, als der, den wir heute kennen. Die Basis bleibt gleich, doch ansonsten wird es erhebliche Veränderungen geben. Interessant ist das Nebeneinander von gigantischen Zirkusunternehmen auf der einen Seite – zum Beispiel der Cirque du Soleil, der größte Zirkus der Welt, ein noch junges Unternehmen, gerade einmal 20 Jahre alt, das sich ständig neu erfindet – und alten, kleinen traditionellen Familienunternehmen, mit zwei, drei, vier oder fünf Artisten auf der anderen. Beide finden ihr Publikum: Die einen lockt die große Show, die anderen das heimelige Rund der kleinen Manege. Ich glaube, um weiterhin erfolgreich zu sein, müssen wir aufmerksam beobachten und zuhören, was das Publikum will. Nur so können wir unser Publikum immer wieder von Neuem überraschen.


Das Interview führte Aurélie Grosjean.

Erstellt: 19-12-08
Letzte Änderung: 19-12-08


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