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ARTE Journal - 05/07/12

Zerstörung der Heiligengräber in Timbuktu wird scharf verurteilt

"Unerträglich, wenn sich die Terrorgruppen durchsetzen"


Die internationale Gemeinschaft mit Paris an der Spitze verurteilt uneingeschränkt die Zerstörung der Mausoleen und Heiligengräber in Timbuktu. Eine Kritik, die die Kämpfer der Miliz Ansar Dine nicht aufhält - die Islamisten haben die militärische Kontrolle über den Norden Malis. Auch Drohungen des Internationalen Gerichtshofs scheinen nichts auszurichten. Frankreich erklärte sich indessen bereit, gegen Terrorgruppen wie AQMI (al-Kaida im Islamischen Maghreb) im Norden Malis vorzugehen. Über die Entwicklungen in Mali sprach ARTE Journal mit François-Bernard Huyghe vom französischen Institut für strategische Beziehungen.

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Sophie Rosenzweig, ARTE Journal: "Wird der Norden Malis zu einer rechtsfreien Zone, einem zukünftigen 'Sahelistan'?"
François-Bernard Huyghe, Institut für strategische Beziehungen: "Die Situation ist absolut neu, diese Terrorgruppen haben sich aus kleineren Guerilla-Gruppen herausgebildet, die zuvor Drogen, Zigaretten und Waffen geschmuggelt, Geiseln genommen und ab und zu ein Selbstmordattentat verübt haben. Jetzt sind sie zu einer regelrechten Guerilla-Armee herangewachsen, die ein Land beherrschen kann und die mit 'revolutionären' Vereinigungen verhandelt- sie benehmen sich wie Talibankämpfer, mit einer extremen Gewalt zerstören sie Jahrhunderte alte Symbole."

Hat sich der Norden Malis also zu einer rechtsfreien Zone entwickelt, bestimmte Städte sind ja bereits nicht mehr zugänglich? Die Regierung in der Hauptstadt Bamako hat keinen Einfluss mehr. Ist die Situation in Mali mit der Bergregion Wasiristan vergleichbar, zwischen Pakistan und Afghanistan?"
Huyghe: "Die Lage in Mali ist potenziell bedenklicher, denn Wasiristan wird komplett von Talibangruppen beherrscht. Die pakistanische Regierung will sich nicht mehr einmischen, die Guerilla verwaltet sozusagen das gesamte Gebiet. In Mali ist die Situation sehr viel konfuser, denn zwischen den Terrorgruppen existieren Rivalitäten. Und weder der Westen noch die Afrikaner wollen, dass sich diese Region in eine Grauzone verwandelt, in der kein Recht herrscht, und in der extremistische Gruppen ihre Basislager schaffen für die Unterstützung von Dschihadisten in der gesamten Region. Es ist also nur schwer vorstellbar, dass es keine Reaktionen gibt. Es wäre unerträglich, wenn sich die Terrorgruppen ungehindert durchsetzen."

"Frankreich hat bereits angekündigt, dass es nicht tatenlos zuschauen will. Aber mit welchen Mitteln will Paris reagieren?"
Huyghe: "Das sind schöne Worte, schöne Ankündigungen. Denn ich kann mir im Hinblick auf die instabile politische Lage in Afrika nur schwer vorstellen, dass wir Soldaten vor Ort schicken, die das Problem lösen, eine Art kleines Afghanistan mitten in Afrika. Die Situation muss von den afrikanischen Truppen selbst gelöst werden, selbstverständlich mit logistischer und finanzieller Unterstützung der westlichen Streitkräfte. Dass wir unsere Soldaten dorthin schicken, kann ich mir schlecht vorstellen. Offen ist jedoch, welche afrikanischen Streitkräfte eingreifen können, wer eine wesentliche Rolle spielen wird, wie ein Gleichgewicht hergestellt werden kann usw. Das muss diplomatisch ausgehandelt werden. Das sind aber auch Spekulationen, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass wir eine Art afrikanische Super-Armee bilden können, die über die Grenze kommt und alles auf einen Schlag regelt. Wir werden teilweise subtiler vorgehen müssen, mit der Tuareg-Rebellenorganisation MNLA verhandeln, gegen die Hardliner der AQMI. Oder eine Gruppe gegen die andere ausspielen, also in dieser Hinsicht müssen wir mit diplomatischen und politischen Mitteln arbeiten, und zwar im Vorfeld eines bewaffneten Eingriffs."

"Wie groß ist das Risiko einer rechtsfreien Zone?"
Huyghe: "Das Risiko besteht, da die Landesgrenzen in diesem Gebiet sehr durchlässig sind. Zahlreiche Gruppen kämpfen ungehindert und starten Offensiven auch außerhalb ihrer Sicherheitszonen. Die unterschiedlichsten Elemente müssen in Betracht gezogen werden. Eines zum Beispiel ist, dass es nicht nur eine Dschihadisten-Bewegung gibt, sondern mehrere Splittergruppen. Die Frage, die sich stellt, ist auch: welche Beziehungen unterhalten sie zu Ansar Dine. Alles in allem ist das eine kleine aber sehr bewegte Welt, in der auch finanzielle Interessen eine bedeutende Rolle spielen, mit einem Koffer voll Geld erreicht man dort viel."
Übersetzung: Nadja Ehret

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Erstellt: 04-07-12
Letzte Änderung: 05-07-12