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In Kooperation mit dem Haus der Geschichte in Bonn - 11/07/06

Bilder, die lügen: J – wie Jugendfrei

Foto der Kommune 1 "K1" von Thomas Hesterberg

Wie objektiv sind Bilder? Wie werden sie instrumentalisiert? Tauchen Sie ein in ein "Lügen-ABC", das das Haus der Geschichte in der Wanderausstellung "Bilder, die lügen" und hier auf unserer Website präsentiert.

Das berühmte Foto der Kommune 1 entstand nach den Krawallen um den Besuch des Schah am 2. Februar 1967. Es soll eine polizeiliche Durchsuchungsaktion darstellen. Die Kommune 1 wurde 1966 gegründet und hat sich 1969 wieder aufgelöst. Die bekanntesten Mitglieder (Kommunarden) waren Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und Uschi Obermeier. Am 24. Juni 1967 wurde das Foto im Spiegel abgedruckt – allerdings retuschiert: Ein paar Details zwischen den Beinen der Männer fehlten.

„Was wird eine Jugend, die Schund- und Schmutzliteratur liest, einer kommunistisch klar ,ausgerichteten' Jugend morgen ideell entgegensetzen können?" fragt Familienminister Franz-Josef Wuermeling in den fünfziger Jahren besorgt: eine charakteristische Aussage für das politisch-gesellschaftliche Klima jener Zeit. 1953 wird das Jugendschutzgesetz verabschiedet, in Folge die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gegründet, die nach dem Willen des Gesetzgebers insbesondere Jugendliche vor „sittlicher Gefährdung" schützen soll. Um unmittelbarer staatlicher Zensur vorzubeugen, entstehen seit 1949 Selbstkontrollen. Sie prüfen Medien vor ihrer Veröffentlichung und lassen gegebenenfalls vermeintlich anstößige Sequenzen entfernen. Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, eine Einrichtung der deutschen Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V.

Die Selbstkontrollen prüfen unter anderem die Themen Pornographie und Gewalt sowie insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik politische Inhalte. In diesem Kontext ist auch der „Interministerielle Ausschuß" tätig, der sich aus Vertretern verschiedener Bundesministerien zusammensetzt und zwischen 1954 und 1973 die politische Korrektheit importierter Filme prüft. Das Klima des Kalten Krieges begünstigt hierbei massive Eingriffe - auch in Meisterwerke. Politisch mißliebige Streifen werden häufig nur zur Vorführung in Filmclubs freigegeben und mit einer Altersfreigabe „ab 18 Jahren" belegt. Ein Film wie Rom - offene Stadt von Roberte Rosselini darf zunächst nicht öffentlich vorgeführt werden; der zuständige FSK-Ausschuß betrachtet den Filminhalt - Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Rom 1944 - als „Störung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Italien". Erst 1960 erfolgt die Freigabe mit Schnittauflagen und einer Altersfreigabe „ab 16 Jahren". Der Kultfilm Casablanca mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in den Hauptrollen entspricht in seiner deutschen Fassung nicht mehr der amerikanischen Originalversion: Der SS-Mann Heinrich Strasser ist weitgehend herausgeschnitten, aus dem tschechischen Widerstandskämpfer und KZ-Flüchtling Victor Laszio wird der norwegische Atomphysiker Larssen. Erst 1975 zeigt das deutsche Fernsehen eine originalgetreue Fassung des Films.

Jugendschutz - politisch motiviert

Auch die „sittenwahrende" Zensur legitimiert sich in den fünfziger Jahren vorwiegend politisch. Jugendschützer argumentieren, „daß unzüchtige Schriften zu Unzufriedenheit und Kommunismus verleiten". Als Speerspitze einer breiten „Sittlichkeitsbewegung" arbeitet die „Aktion Saubere Leinwand" für die „Reinigung der Kinofilme von Schmutz und Schund".

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften kontrolliert bis in die siebziger Jahre insbesondere Comics und Pin-up-Magazine, oftmals vorsorglich von den Verlagen mit retuschierten Geschlechtsmerkmalen in den Handel gebracht. Auch in der Pop- und Rockkultur, die speziell auf jugendliche Konsumenten ausgerichtet ist, greifen derartige Selbstkontrollmechanismen. Plattencover, denen aufgrund ihrer freizügigen beziehungsweise gewalttätigen Darstellungen eine Indizierung droht, werden retuschiert oder neu gestaltet. Der Indizierungsdruck ist jedoch nicht immer notwendig, um Bildmaterial aus moralischen Gründen zu retuschieren, wie eine Abbildung im Berliner Tagesspiegel vom 24. Januar 1997 zeigt: Im Foto der Kommune 1 aus dem Jahre 1967 sind die Geschlechtsmerkmale nun aufgrund nachträglicher Retusche nicht mehr zu erkennen.



Text aus:
Bilder, die lügen
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.)
Bouvier Verlag, Bonn 1998
ISBN 3-416-09202-X, S. 48

Mehr über die Geschichte dieses und anderer historischer Fotos können Sie in der Ausstellung „Bilder, die lügen“ der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erfahren. Die Wanderausstellung fragt nach der Objektivität von Bildern und zeigt Grundmuster der Manipulation von und mit Bildern. Der Besucher taucht ein in ein „Lügen-ABC“. Rund 300 Objekte veranschaulichen die Bandbreite des Themas. Die Ausstellung "Bilder, die lügen"wurde von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland konzipiert und mit finanzieller Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung als Wanderausstellung neu überarbeitet und aktualisiert. Sie ist vom 14. Juli 2005 bis 15. Januar 2006 im Museum Industriekultur in Nürnberg zu sehen.

Erstellt: 12-07-05
Letzte Änderung: 11-07-06