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Schwerpunkt China - 10/04/06

Zeitgenössische Fotografie

Schnell entwickelt


Die Fotografie ist die Kunstform, die dem modernen China in seiner rasanten Dynamik am ehesten gerecht wird. Das zeigt eine Ausstellung chinesischer Foto- und Videokunst.

Sabine Köhncke für das ARTE-Magazin


Es geht das Jahr des Affen, es kommt das Jahr des Hahns. 1992/93 sind in China drei zukunftsweisende Ereignisse zu beobachten: McDonald’s eröffnet das erste Restaurant in Peking. Der Reformpolitiker Deng Xiaoping reist ins Pearl River Delta, Chinas gigantischen Produktionsstandort, und beschwört die moderne Industrialisierung. Und eine Gruppe von Künstlern gründet am östlichen Rand der Hauptstadt das „East Village“ – die erste chinesische Heimat für experimentelle Kunst und Fotografie. In den Folgejahren erlebt China einen fundamentalen futuristischen Umbruch: Die Globalisierung erreicht das Land, die materielle Modernisierung explodiert, die Urbanisierung wuchert. Die Republik wird von einem rauschhaften Drang nach Fortschritt beherrscht, während die Demokratisierung stagniert. Kein künstlerisches Medium reflektiert den krassen Gegensatz zwischen wirtschaftlichem Wachstum und geistiger Beengung in China so ausgeprägt wie die Fotografie.

Vom Propagandamittel zum Kunstexperiment

Das war nicht immer so. Vor 1979 und besonders während Mao Zedongs Kulturrevolution von 1966 bis 1976 war die Fotografie vor allem eins: kommunistisches Propagandamittel. Erst die inoffiziellen Fotoclubs, die Ende der 70er Jahre in Peking entstanden, änderten diese Situation grundlegend. Hervorgegangen aus einer Gruppe von Amateurfotografen, die trotz staatlicher Verbote die regierungskritischen Proteste vom April 1976 dokumentiert hatte, machten sie den Weg frei für die so genannte „New Wave-Fotografie“ der 80er Jahre. Mit dieser neuen Welle und der Öffnung des Landes schwappte der wilde Westen in die chinesische Kunstwelt: Amerikanische Magazine wurden verschlungen, europäische Stile des 20. Jahrhunderts zitiert, chinesische Fotos in Frankreich bejubelt. Fotografie war wieder Kunst. Bis 1989. Mit der Unterdrückung des Volkes in den Folgejahren des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurde auch die Avantgarde bezwungen. Man fotografierte entweder regimetreu oder gar nicht. Ein künstlerischer Ground Zero war entstanden, der ganz neu bebaut werden musste, als Mitte der 90er Jahre die junge Fotografen-Generation scheu die Szene betrat. Sie sollten nicht nur ihre Bilder, sondern auch ihre Identität als unabhängige Künstler neu erfinden.

Das Ringen mit der Gegenwart

Einer dieser Erfinder ist Wang Quingsong. Er kommt Anfang der 90er Jahre als junger Maler aus der Provinz nach Peking. Sein Erspartes soll für fünf Jahre reichen und ist in zwei Monaten ausgegeben. Trotzdem bleibt er in der wild wachsenden Metropole. Und fotografiert. In seinen digital bearbeiteten Bildern ringt der Künstler mit der Realität, entwirft sie zwischen uralter chinesischer Tradition und aktueller westlicher Kultur neu: ein Buddha, der mit Konsumgütern jongliert; ein großformatiges Foto, das ein traditionelles Gemälde aus dem 10. Jahrhundert ganz neu inszeniert und ironisiert. Seine Werke, die er wie ein Regisseur in Szene setzt und in großen Filmstudios abfotografiert, sind theatralisch und humoristisch. Aber er ist nicht der Einzige, der den Kampf mit der Gegenwart aufnimmt. Etwa zur gleichen Zeit wie er kehrt ein anderer Künstler in die Stadt zurück: Zhang Dali. Der Maler und Graffiti-Künstler war nach den Ereignissen 1989 für sechs Jahre nach Italien emigriert. Als er wiederkommt, ist nichts mehr wie vorher. Die sich ungebremst ausbreitende Urbanisierung, der aggressive Motor der Modernisierung, hat seine Stadt radikal verändert. Zhang reagiert darauf, indem er mehr als 2.000 Profile seines rasierten Schädels auf leere, halbzerstörte Gebäude sprüht. Nicht aus Nostalgie macht er die urbanen Ruinen zu seiner Leinwand, wütend nutzt er den öffentlichen Raum, um die Menschen auf die extreme Verwandlung ihrer Stadt aufmerksam zu machen. Gleichzeitig visualisiert er mit dieser Aktion das zentrale Motiv zeitgenössischer chinesischer Fotografie: die schmerzhafte Transformation von traditionellen zu postmodernen Lebensräumen.

Zurück in die Zukunft

Ein Thema, das auch die 130 Werke der Wanderausstellung „Between Past and Future – New Photography and Video from China“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin miteinander verbindet. Im Rahmen des Festivals „China – zwischen Vergangenheit und Moderne“ sind hier neben Werken von Wang Quingsong und Zhang Dali 60 weitere von zeitgenössischen Fotografen und Videokünstlern zu sehen. Sie alle sind fasziniert von den Un-Orten, an denen sie leben, und drücken gleichzeitig kritische Distanz zum urbanen Drama aus. Auf der Suche nach individuellem Ausdruck ist ihre Sprache vom Einsatz neuester Technik durchdrungen. Ihre Inspiration finden sie nicht wie ihre Vorgänger in historisch-politischen Ereignissen oder künstlerischen Moden, sondern vielmehr in benachbarten Kunstformen und in den Grenzen der sich ständig wandelnden Realität. Ist die Fotografie deshalb besonders repräsentativ für neue Kunst aus China? „Fotografie ist zurzeit die Kunstform, die die rapiden und radikalen Veränderungen Chinas am direktesten und drastischsten widerspiegelt und vor allem am schnellsten auf sie reagiert“, erklärt der Kurator der Ausstellung Wu Hung. Dass das Land und mit ihm die Fotografie Richtung Zukunft rast, zeigt das vergangene Jahrzehnt: Nicht einmal 15 Jahre nach Deng Xiaopings Besuch am Pearl River ist das Delta Inbegriff für das Label „Made in China“. Pekings Einwohner, die Fast-Food wie Fine-Food essen, sind Gastgeber der Olympischen Spiele 2008. Die experimentellen Fotografen aus dem ehemaligen „East Village“ haben sich längst auf dem weltweiten Kunstmarkt etabliert. Ist das Morgenland im Morgen angekommen?


Sabine Köhncke für das ARTE-Magazin


ARTE PLUS:
Festival:
China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Ein Projekt zur zeitgenössischen Kunst Chinas.“ Ausstellung, Symposien, Lesungen, Opern. 24. März bis 14. Mai 2006, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin;
www.hkw.de

Links:
www.wangquingsong.com
www.chinesecontemporary.com
www.photography-now.com

Erstellt: 10-04-06
Letzte Änderung: 10-04-06