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Das ARTE Magazin - 21/08/08

ZWISCHEN MAO UND MAMMON

ARTE DOKUMENTATION


CHINAS KUNSTAVANTGARDE – DIE ZUKUNFT IST JETZT!
Dokumentationsreihe

(1) Liu Xiadong, Maler des gesellschaftlichen Umbruchs
Sonntag • 3. August • 20.15

(2) Yang Fudong,
Sinnsuche auf Celluloid
Sonntag • 10. August • 20.15

(3) Cao Fei, Mulitmedia - Künstlerin zwischen den Welten
Sonntag • 17. August • 20.15

(4) Chi Peng,
Fotograf des Affenkönigs
Sonntag • 24. August • 20.15

Zhao & Yang. Die Unbeirrbaren
Montag • 18. August • 23.25

Begehrt und teuer: Nie zuvor war Chinas Kunst-Avantgarde so erfolgreich wie heute. Über den Balanceakt zwischen Kommerz und Kunst, die auch ohne öffentliche Förderung ihren Weg in die Galerien findet.

Der Hammer fiel bei 9,7 Millionen US-Dollar. Damit erzielte das Gemälde „Mask Series 1996 No. 6“ des Kunstmarkt-Stars Zeng Fanzhi den höchsten Preis, der jemals für ein zeitgenössisches chinesisches Kunstwerk bezahlt wurde. Die Arbeit, die sich thematisch mit der Kulturrevolution auseinandersetzt und eine Gruppe junger Rotgardisten zeigt, wurde im Mai dieses Jahres bei den internationalen Frühjahrsauktionen in Hongkong versteigert. Ein Rekordergebnis jagt derzeit das nächste, Chinas Kunst-Avantgarde scheint in den Galerien in West und Ost angekommen zu sein.

Noch vor zwei Jahren führte die moderne chinesische Kunst ein Nischendasein. Als sie Anfang der 1990er Jahre „im Westen“ das erste Mal wahrgenommen wurde, spielte ihr Marktwert keine oder nur eine sehr marginale Rolle. Eingeführt wurde die sogenannte exotische Kunst aus China durch Überblicksausstell-ungen, so zum Beispiel die legendäre „China Avantgarde Ausstellung“ 1993 im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW). Kurz nach Ende des Kalten Krieges herrschte beim westlichen Publikum eine überwiegend anti-sozialistische Einstellung. Deshalb – und weil andere Interpretations-Parameter fehlten – wurde moderne Kunst aus China damals in erster Linie als Kritik am sozialistischen Regime verstanden und nach politischen Gesichtspunkten beurteilt. Umso paradoxer ist es, dass sich auf Grundlage dieser ideologisch gefärbten Sicht auf die chinesische Gegenwartskunst eine Art Kanon herausgebildet hat, der auf dem heutigen Kunstmarkt für höchste Gewinnspannen sorgt.


Inspiration durch Pop und Sozialismus
Viele der aktuell marktführenden chinesischen Künstler, wie zum Beispiel Wang Guangyi, Fang Lijun, Yue Minjun, Zhang Xiaogang oder Zeng Fanzhi, begannen ihre Karrieren Anfang der 1990er Jahre mit figürlicher Malerei. Die Stile des Zynischen Realismus und des Political Pop entstanden in Auseinandersetzung mit dem Sozialistischen Realismus, der während der Mao-Zeit staatlich verordnet war, aber auch mit westlichen Kunstströmungen wie der Pop Art. Der große Boom der chinesischen Gegenwartskunst und die Eroberung des internationalen Kunstmarktes nahmen erst 2006 ihren Anfang, als chinesische und internationale Auktionshäuser begannen, sehr erfolgreich Spezialauktionen für asiatische und chinesische Gegenwartskunst zu organisieren. Dadurch wurde chinesischen Künstlern auch der heimische Kunstmarkt erschlossen: Kamen die Sammler chinesischer Kunst bisher hauptsächlich aus dem westlichen Ausland, so nimmt heute die Zahl chinesischer Investoren zu. Die Zukunftsprognosen für Zeitgenössisches aus China fallen deshalb rosig aus: Große Erwartungen werden in den chinesischen Binnenmarkt gesetzt, der den globalen Kunstmarkt in Zukunft vermutlich immer mehr mitbestimmen wird. Allerdings sind auch warnende Stimmen zu vernehmen, die von einer Überhitzung des Marktes sowie von einem drohenden Qualitätsverlust in der chinesischen Gegenwartskunst sprechen. Tatsache ist, dass chinesische Künstler in China aufgrund mangelnder öffentlicher Förderung und nur weniger Privatinitiativen auf den kommerziellen Erfolg angewiesen sind.


Gekaufte Kritiker, gemietete Museen
Neben der künstlerischen Praxis leiden auch Kunstkritik und Ausstellungswesen unter dem starken Einfluss des Marktes. Unabhängiges Schreiben und Kuratieren erweisen sich ohne die öffentliche Förderung von Museen und Kuratoren als sehr schwierig. Zudem ist die Grenze zwischen privater Förderung und Korruption manchmal schwer zu ziehen: Um den Wert eines Künstlers zu steigern, muss man nur über das nötige Kleingeld verfügen, um Museen für Ausstellungen anzumieten und Kritiker für positive Berichte zu bezahlen.

Um dieser von finanziellen Interessen bestimmten Atmosphäre entgegen-zuwirken, wird seit kurzem versucht, stärker auf inhaltliche Aspekte einzugehen. Die Geschichte zeitgenössischer Kunst in China, die lange nur in Künstler- und Expertenkreisen diskutiert wurde, hält Eingang in das kollektive Bewusstsein. Große Aufmerksamkeit fand beispielsweise 2007 die Inaugurationsschau über die sogenannte „85er Bewegung“ des neuen Pekinger Privatmuseums Ullens Center for Contemporary Art. 1985 artikulierten sich chinesische Gegenwartskünstler das erste Mal seit der Öffnung des Landes und legten somit die Basis für weitere Entwicklungen. Aktuell werden außerdem viele Einzelausstellungen konzeptionell arbeitender Künstler organisiert. Diese finden nach Marktaspekten zwar kaum Beachtung, sind aber maßgeblich an der pluralistischen Entwicklung der chinesischen Kunst beteiligt. Auch in Europa scheint die Rezeption der chinesischen Gegenwartskunst auf der nächsten Stufe anzukommen, was sich darin äußert, dass die zusammenfassenden Ausstellungen seltener werden. Anstatt „das Chinesische“ zu betonen, werden einzelne Künstler ins Blickfeld gerückt. Im Rahmen der großen Ausstellung „Re-Imagining Asia“ im Berliner HKW (bis Mai 2008) wurde die Installation „Waste Not“ des Pekinger Künstlers Song Dong gezeigt, die dieser zusammen mit seiner Mutter kreierte und die den Verlust des Ehemannes und Vaters thematisiert. Im Groninger Museum in den Niederlanden ist derzeit eine Solowerkschau des seit der documenta 12 auch in Deutschland bekannten Künstlers Ai Weiwei zu sehen. Und im Winter findet im Kunstmuseum in Nürnberg eine Einzelausstellung mit Arbeiten der Künstlerin Cao Fei statt, die bereits bei der Venedig Biennale mit ihrem installativen Videoprojekt „China Tracy“ für Aufsehen sorgte. Chinesische Gegenwartskunst wird nicht mehr nur auf ihre vermeintliche Ideologiekritik oder ihren Marktwert reduziert, sondern in ihrer Pluralität ernst genommen und rezipiert.

ARTE-GASTAUTORIN BIRGIT HOPFENER IST IN CHINA UND DEUTSCHLAND ALS KURATORIN UND AUTORIN TÄTIG


ARTE PLUS

BUCH-TIPPS: „China Art Book“, hrsg. v. Uta Grosenick und Caspar H. Schübbe, Dumont 2007; „Touching the Stones. Chinas Kunst heute“, hrsg. v. Waling Boers, König 2006

AUSSTELLUNGEN: „CHINA GOLD“ IM MUSÉE MAILLOL, PARIS BIS 13.10. 2008; WERKSCHAU ZU AI WEIWEI IM GRONINGER MUSEUM BIS 23.11.2008; EINZELAUSSTELLUNG VON CAO FEI IN DER NÜRNBERGER KUNSTHALLE VOM 4.12.2008 -1.2.2009

Erstellt: 21-08-08
Letzte Änderung: 21-08-08