Schriftgröße: + -
Home > Das ARTE Magazin

ARTE Magazin

Das monatliche Programm-Magazin von ARTE.

> JANUAR 2010 > MELODRAM

MELODRAM - 17/12/09

ZUM HEULEN SCHÖN

Kein Film ist so ergreifend wie ein Melodram. Wir sehen, leiden und sind auch noch glücklich dabei. Warum eigentlich? Über den Reiz der kurzen Trauerschübe.

Weitere Artikel zum Thema

Der Abspann läuft, wir sitzen schluchzend auf dem Sofa, umgeben von Taschentuchknöllchen, die armselig wie die Innereien eines kaputten Kuscheltiers herumliegen. Mensch, war das traurig. So verdammt traurig! Wir nehmen uns ein weiteres, letztes Taschentuch. Aber da ist noch ein anderes Gefühl – eine wärmende, süße Zufriedenheit, die sich aus der gleichen Untröstlichkeit speist wie unsere Tränen und die uns wohlig erfüllt: Ja, das war wirklich sehr traurig, aber sehr schön war es auch.

ARTE FILMREIHE: UNSTERBLICHE GEFÜHLE
Was der Himmel erlaubt • MO • 11.1. • 20.15

5 x 2 - Fünf mal zwei • MI • 13.1. • 22.50

In the Mood for Love - Der Klang der Liebe • DO • 14.1. • 20.15

Zeit der Zärtlichkeit • MO • 18.1. • 20.15

Monpti • MO • 25.1. • 20.15

Das Leben der Anderen.

Es ist ja nicht so, dass wir es nicht kommen sehen. Im Gegenteil. „Vom Winde verweht“ rührt uns selbst in der zehnten Wiederholung noch zu Tränen. Warum schauen wir den Film dann immer wieder an? Nun ja, sich die Leiden anderer in einem Film anzusehen ist angenehm, weil wir unbeschädigt aus dieser Erfahrung herauskommen. Das ist kein Sadismus, schließlich leiden wir ja mit. Und vergleichen unser Leben mit dem Schicksal der gebeutelten Leinwandhelden. Auf einmal, wie herrlich, wirken unsere alltäglichen Sorgen winzig klein und überschaubar.

Auch wenn es wirkt, als würden wir uns jedem dieser Schicksale ganz unvoreingenommen nähern – hinter unserem Mitgefühl steckt Methode. Die amerikanische Professorin Kim Bard vom Zentrum für Emotionswissenschaften der Universität Portsmouth hat ein System hinter unserer Rührfreudigkeit entdeckt. Im Herbst 2009 stellte sie ihre Ergebnisse vor, die sie auf eine „Formel für traurige Filme“ brachte. Damit soll sich errechnen lassen, wie wahrscheinlich es ist, während eines Films zu weinen. Die Traurigkeit der Geschichte wird mit den Momenten, in denen im Film geweint wird, und der positiven Moral der Geschichte multipliziert und durch die Anzahl der glücklichen Momente geteilt. So lässt sich eine Hitliste der Taschentuchfilme aufstellen. „Wenn wir die Filmfigur mögen, ahmen wir ihre Mimik nach“, erklärt Kim Bard. Spätestens also wenn Romy Schneider in „Monpti“ die Tränen übers Gesicht kullern, müssen wir einfach mitziehen. Sehr empfindsame Seelen gehen schon vorbereitend in Schluchzstellung. Ihnen reicht die geringste Ahnung, dass es mit den jungen Verliebten ein böses Ende nehmen könnte, und ihnen schießen die Tränen in die Augen.

Wer wirklich weinen will, sollte sich einen Film suchen, der an das eigene Schicksal erinnert, in dem er sich mit der Hauptfigur oder der Geschichte identifizieren kann. Einige sind geradezu süchtig nach diesem Spiegelungseffekt. Sie schauen ausschließlich Filme, in denen sie ihr eigenes Liebesleben wiedererkennen. Letztlich trifft das auf fast jeden Film zu, in dem ein Liebespaar vorkommt. Trennt es sich, nicken sie und schnäuzen sich laut; liegt sich das Paar zum Schluss in den Armen, schluchzen sie glücklich auf, weil es wenigstens im Film ein Happy End gibt. Manche berührt ein Film dann am stärksten, wenn er Antworten auf Fragen gibt, die sie sich noch nie gestellt haben. Etwa: „Was würde ich tun, wenn ich an der Stelle des Stasi-Spitzels Gerd Wiesler in ,Das Leben der Anderen‘ stünde?“ Und es erfüllt sie mit Stolz, zu dem Schluss zu kommen, dass sie selbst ebenso heroisch gehandelt hätten.

Ein rührender Film kann somit auch eine Trocken-übung für Gefühle sein. Wenn sich zum Beispiel in dem Klassiker „Zeit der Zärtlichkeit“ Aurora Greenway (Shirley MacLaine) von ihrer Tochter verabschiedet, ist das für viele von uns eine unbekannte Situation. Wir trauern nicht, weil wir es erlebt haben, sondern weil wir uns vorstellen es zu erleben. Im Ernstfall wüssten wir so unsere Gefühle einzuordnen. Oder aber es ergeht uns so, wie es Regisseur Thomas Anderson in einem Interview beschrieb: Ein Mann liegt im Sterben und sein cinephiler Sohn hat beim Trauern immer nur den einen Gedanken im Kopf: „Nein, das passiert nicht wirklich, das ist nur eine Szene aus ,Zeit der Zärtlichkeit‘.“

Zeit der Sehnsucht.

Natürlich gibt es auch Momente, in denen traurige Filme keine Freude machen. Wer mitten im Leid steckt, wen der Schmerz zerreißt, der will keine Schnulze gucken. Aber das ist die Ausnahme. Im Alltag leben wir auf einer Gefühlsskala, die nicht ständig extrem nach oben oder nach unten ausschlägt. Meist liegt unser emotionales Empfinden irgendwo dazwi-schen und lässt sich mit „Mir geht’s gut“ beschreiben. Zu solchen Zeiten kann das Melodram Gefühlsfutter bieten und unsere Sehnsucht nach ein bisschen mehr Leben für ein paar Stunden stillen. Wie ein Dirigent lenkt es unsere Emotionen mit Bildern und ergreifender Musik. Wir werden in den Film hineingezogen, aufgemuntert und erschüttert, bis uns zu den sanften Tönen eines Adagio morendo das Herz zu brechen scheint. Vielleicht meinte Romy Schneider das, als sie sagte: „Man muss viele Leidenschaften haben in seinem Leben.“ Verzweiflung, Reue und Schmerz: Wir müssen nur hingucken, schon empfinden wir. Und jedes Gefühl erleben wir in herrlicher Eindeutigkeit.

Ja, wir wissen, woher diese Traurigkeit kommt und wir wissen, wohin damit. Das mag kontrollierter Kontrollverlust sein. Aber wenigstens kann der Verlust des Geliebten im Film unseren Gefühlen einen kleinen Schubs geben, ohne uns gleich mit der Wucht einer Abrissbirne zu erwischen.

JENNY BUCHHOLZ

ARTE PLUS


TOP TEN DER MEISTGESEHENEN MELODRAMEN
in Deutschland (1998-2008):

1. Titanic
(17.984.542 Besucher)
2. Stadt der Engel
(2.510.875 Besucher)
3. Die weiße Massaï
(2.156.934 Besucher)
4. P.S. Ich liebe dich
(2.145.595 Besucher)
5. Nirgendwo in Afrika
(1.645.754 Besucher)
6. Brokeback Mountain
(1.371.668 Besucher)
7. Wie im Himmel
(1.312.878 Besucher)
8. Aimee und Jaguar
(1.180.224 Besucher)
9. Frida
(1.122.057 Besucher)
10. Die Geisha
(1.024.298 Besucher)

Quelle: www.ffa.de

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 17-12-09