Im Gespräch - 20/12/05
Xaver Schwarzenberger
Regisseur des Fernsehfilms "Margarete Steiff" - am Freitag, 23. Dezember 2005, um 20.40 als TV-Premiere auf ARTE
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Herr Schwarzenberger, wie kam es zu der Idee die Lebensgeschichte der Margarete Steiff zu verfilmen? Ist Ihnen ihr alter Teddy in die Hände gefallen?
Nein, nein, ich bin ein simples Opfer. Mir wurde der Stoff angeboten, den die zwei Karlsruher Autoren Susanne Beck und Thomas Eifler geschrieben haben und über einen Münchener Produzenten kam das dann zu mir. Ich habe es gelesen und war ziemlich begeistert davon.
Sofort haben Sie gesagt, das ist eine tolle Geschichte?
Die erste Fassung, die ja dann nicht mehr die jetzt verfilmte ist, war noch wesentlich breiter angelegt, und die Idee war zuerst eigentlich einen Zweiteiler zu machen. Die war aber auch bereits so berührend und hat einen direkt gefesselt, da musste ich einfach zusagen.
Heike Makatsch in der Titelrolle der leidvollen, fast tragischen Biografie der durch Kinderlähmung gefesselten Margarete Steiff – das ist vielleicht für manchen gegen den Strich besetzt, die sich aber dann als Glücksgriff erwiesen hat. Wie kam die Besetzung zustande?
Mit dieser ersten Fassung, mit diesem geplanten Zweiteiler ist auch gleich die Katastrophe losgebrochen: mehrere Sender konnten sich nicht einigen, wie und was es werden sollte, und es zog sich hin und in der Folge kam dann auch die Frage auf: wer spielt denn nun die Margarete Steiff? Eine Sammlung von Namen sind aufgetaucht, aber keine Makatsch war dabei und eigentlich waren alle mit den Namen, die da genannt wurden entweder nicht glücklich, oder es hat einfach nicht funktioniert, oder man konnte terminlich nicht, usw. Dann wurde das Projekt erst mal begraben und ein halbes Jahr später wieder aufgegriffen, und dann ist da dieser Name Makatsch fast aus der Verzweiflung entstanden, über den Redakteur vom SWR. Ich habe nie an sie gedacht, es hat eigentlich nie jemand an sie gedacht, was ein großer Fehler war, denn wenn wir sie früher berücksichtigt hätten, wären wir wahrscheinlich viel früher, wie sagt man so schön: „zu Potte gekommen“. Aber das hat eben so lange gedauert; wobei ich dann eigentlich gleich von der Idee fasziniert war, gerade weil sie so ungewöhnlich erschien. Ich habe mich sofort draufgesetzt, und wir haben gehofft, dass sie es machen wird. So konnten wir auch die anderen Produzenten, die ja ähnlich so wie Sie es jetzt gesagt haben, nicht erstrangig an Heike Makatsch gedacht haben, auch davon überzeugen. Und ich denke nun, die Makatsch hat uns recht gegeben.
Sie selbst war auch sofort für den Stoff zu begeistern?
Ja, sie war begeistert. Es hat ihr gleich gut gefallen, und ich denke auch, dass diese Überlegungen: das ist doch eine ganz moderne Frau, die Heike Makatsch, und so gar nicht 19. Jahrhundert, sogar dazu passen. Denn die Margarete Steiff war ja auch für ihre Verhältnisse und für diese Zeit eine sehr moderne Frau. Und so gesehen, ist das vielleicht dadurch auch ein ganz moderner Film geworden.
Sie haben auch in diesem Film wieder Regie und Kamera geführt. Wie sieht das eigentlich beim Drehen aus, erspart man sich da als Regisseur die Erklärungen zu dem Kameramann?
Ja, sie haben das ziemlich genau erkannt, man erspart sich viel Zeit für Erklärungen, man erspart sich viel Streit, man erspart sich Auseinandersetzungen, usw. Und wenn man wie ich von der Kamera kommt, dann ist diese Technikseite nur ein normales Handwerk und es ist höchstens die Frage: wer bin ich gerade: Kameramann oder Regisseur? Meistens entscheide ich mich für den Regisseur.
Darauf wollte ich auch hinaus, ob das denn immer zu trennen ist. Sie müssen ja als Regisseur vor allem szenisch denken. Denken Sie da nicht gleichzeitig schon: kann ich das auch ins Bild kriegen?
Das geht eben Hand in Hand. Wenn man für eine Szene überlegt: „Das wäre schön von da“, dann stellt man schon die Lampen oder das Licht an die richtige Stelle, damit man sich dann an der Kamera nicht selber ins Knie schießt. Das müsste man sonst immer erst mit einem Kameramann besprechen. Und wenn dann, so wie ich es früher auch erlebt habe, der Regisseur plötzlich die Meinung ändert, dann ist das wieder eine kleine Katastrophe, weil alles umgebaut werden muss. Das findet bei der Personalunion von Regie und Kamera einfach nicht statt, und ich empfinde es als ökonomisch ziemlich sinnvoll und angenehm, und nicht nur ich, glaube ich.
Am Ende des Films ist dann Margarete Steiff, über alle Schicksalsschläge hinweg, mit ihren Plüschtieren doch erfolgreich, weil sie an sich glaubt und weil sie nicht aufgibt. Das ist eine Botschaft, die auch gerne von Hollywood Filmen transportiert wird. Fühlen sie sich in dieser Gesellschaft wohl?
Also, mit Hollywood habe ich ja nicht zu tun und mit Amerika habe ich auch nichts am Hut. Aber natürlich ist diese Idee einer typisch amerikanischen Geschichte, nämlich die eines Underdogs, der den Weg vom nicht-erfolgreichen Loser zum erfolgreichen Sieger geht, darin enthalten, da gibt es gewisse Ähnlichkeiten. Das sind eben diese Geschichten, die auch den Zuschauer fesseln, weil die Identifikation leicht fällt, indem man mit jemandem mit gewinnt. Und das ist ja bei der Margarete Steiff wirklich genau so passiert.
Der Film hält sich also an die historische Lebensgeschichte?
Nicht wirklich. Was stimmt ist, dass sie behindert war, und dass sie schließlich gewonnen hat, und sie hat gekämpft gegen eine von Männern dominierte Gesellschaft und gegen ihre eigene Behinderung. Aber es sind viele dramatische Geschichten dazu erfunden worden, wir wollten ja keine Dokumentation machen.
Herr Schwarzenberger, Sie haben in den letzten Jahren ausschließlich fürs Fernsehen gearbeitet. Wäre Margarete Steiff eigentlich nicht auch ein guter Stoff für einen Kinofilm gewesen?
Wenn Sie mich jetzt fragen, würde ich auch sagen, dass wäre ein Stoff fürs Kino gewesen, aber wissen Sie, ich weiß gar nicht mehr so genau, was ein Stoff fürs Kino ist und was nicht. Ich kann die Qualitäten oder die Bedingungen, die ein Film haben muss, damit er im Kino funktioniert – und damit meine ich, dass er gut ist, das er Qualität hat und aber auch einiges Geld einspielt – nicht genau definieren. Die Beispiele, die dann tatsächlich im Kino erfolgreich sind, die sind so unterschiedlich, dass es keine Regel dafür gibt. Das ist ja auch gut so, denn wenn es eine Regel gäbe, dann würden alle diese Regel befolgen und es gäbe nur erfolgreiche Filme. Es ist immer auch ein Zufall im Spiel, man muss irgendeinen Nerv zum richtigen Zeitpunkt treffen. Ja, vielleicht hätten wir ihn mit der Margarete Steiff getroffen.
Interview: Thomas Neuhauser
ARTE Deutschland (Dezember 2005)
Erstellt: 19-12-05
Letzte Änderung: 20-12-05