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ARTE Journal - 06/09/11

Wundersame Rettung mit Papageien

Der 11. September ist ein Tag der Trauer. Vor zehn Jahren starben auf dem Gelände des World Trade Centers 2750 Menschen. Aber es gibt auch Überlebende. Zu ihnen gehört Gail Langsner. Sie wohnt - wieder - im 12. Stock eines Wohnhauses in 125 Cedar Street in Manhattan - direkt am Fuß der früheren Twin Towers. Als der Südturm einstürzte, war Gail gerade zu Hause. Sie, ihr Lebensgefährte und die Vögel, die sie in Pflege hatte, entkamen dem Inferno. Wie durch ein Wunder blieb das Haus stehen. Gail Langsner berichtet von dem Tag, der ihr Leben veränderte.


Text:

Ich heiße Gail Langsner und bin 52 Jahre alt. Das World Trade Center war direkt neben meinem Wohnhaus. Der Südturm stand gleich auf der anderen Straßenseite. Wir sind hier wirklich downtown New York, und ich verdiene meinen Lebensunterhalt auf recht ungewöhnliche Art. Einen solchen Job kann man nur in einer Großstadt finden: Ich hüte Tiere, aber keine Hunde oder Katzen, sondern nur Vögel.

Reporter: Kann ich mal die Tiere sehen?

Okay, schauen wir uns das Zimmer der Vögel an.

In meiner Wohnung steht überall Zubehör für Vögel. Aber alle Vögel, die ich betreue, sind in diesem Raum untergebracht.


Das ist Mister Green, hier ist Dolia und hier Peter. Das ist mein eigener Vogel. Man hat ihn mir 1982 geschenkt – das ist jetzt fast 30 Jahre her.

(Deutet aus dem Fenster)

Vielleicht könnenSie durch das Fenster filmen. Von hier aus konnte man den Südturm sehen. Dieses neue Gebäude hier gab es damals noch nicht. An diesem Ort stand ein neunstöckiges Hochhaus, das einem die Sicht versperrte.


Wir hatten Glück. Der Fensterrahmen wurde durch verschiedene herab fallende Gegenstände beschädigt. Aber glücklicherweise blieb das Fenster ganz.


Am 11. September 2001 hatten wir acht Vögel, darunter einen großen hellroten Ara. Ich wollte sie nicht in Käfige sperren, und so brachten wir sie hier in die Mitte des Raums, weg von den Fenstern. Aber wir waren sehr besorgt.
Nat, mein Lebenspartner, hat sofort begriffen, dass wir die Vögel mitnehmen müssen. Ich habe ihn zuerst nicht verstanden. Aber er war überzeugt, dass wir nicht hierher zurückkehren dürften. Ich aber sagte mir: wir wohnen doch hier, warum sollen wir nicht wieder zurück dürfen. Ich habe nichts kapiert.
Nat hat die Käfige genommen und sie mit Tüchern zu Bündeln geschnürt. Die hat er auf diese Stange gehängt und dann auf seine Schultern geladen.

Kurz danach waren wir auf der Strasse – überall flogen Papiere herum, meterhoch. Und mitten in diesem Chaos trug Nat die Bündel mit den acht Papageien. Er hat die Vögel damals gerettet, nicht ich.

Um 8 Uhr 46, als das erste Flugzeug abstürzte, war ich gerade in einem Wahllokal in der Schule gleich daneben. In der Eingangshalle spürte man eine Erschütterung, aber es schien nicht so schlimm. Wir gingen auf die Strasse und sahen, wie Papier meterhoch herumwirbelte. Aber Wind gab es keinen. Was war da los? Die Leute begannen, wegzugehen. Manche sagten, im World Trade Center sei irgendetwas explodiert. Aber hier wusste niemand, was eigentlich passiert war.
Da bin ich schnell nach Hause gegangen, und gleich darauf läutete das Telefon. Es war meine Tante aus Kalifornien. Sie hatte im Fernsehen erfahren, dass ein Flugzeug in den Nordturm geflogen sei.


Wir überlegten gerade, was wir tun sollten, als wir plötzlich das zweite Flugzeug hörten, genau über der Strasse. Es stürzte in die Südseite des zweiten Turms. Wir liefen zum Fenster da unten und sahen von dort aus den Feuerball. Vom Südturm fielen die ersten großen Trümmer.

Mein Nachbar sah vom Fenster aus, wie sich der obere Teil des Turms zu neigen begann. Er schrie: der Turm stürzt ein, schnell – ins hintere Zimmer! Wir liefen dorthin, weil das Zimmer kein Fenster hatte.

Dann gab es ein nie gehörtes Donnergrollen, kein bestimmter Ton war zu hören, nur eben dieses Grollen.
Das Gebäude und der Boden begannen zu zittern.
Seltsamerweise hatte ich den Eindruck, mein Kopf würde zerquetscht. Ich dachte, ich sei verrückt geworden. Mein Herz raste irrsinnig. Ich war überzeugt, wir würden alle sterben. Später hat man mir erklärt, dass das Gebäude eingestürzt sei - eine Betonplatte nach der anderen - und dass dabei Druckwellen entstanden sind - und die habe ich eben gespürt.

Als wir fast ein Jahr später zurückkamen, standen alle Türen offen. Wir gingen von Wohnung zu Wohnung und halfen uns gegenseitig. Fünf Jahre danach habe ich mit meiner Nachbarin diskutiert, einer waschechten New Yorkerin. Sie sagte: nach dem 11. September waren wir alle solidarisch, das war toll. Fünf Jahre später war alles wieder normal. Jeder lebte wieder für sich.


Direkt nach den Anschlägen wollte ich nie wieder hierher zurückkehren. Das war für mich klar. Alles war ein einziger Friedhof. Es schien mir unmöglich, all das jeden Tag vor Augen zu haben, das war einfach zu traurig.

Später habe ich mir gesagt: wenn ich zurückkehre, ist das eben meine Art, mich an alle diese Leute zu erinnern, mit denen am Bankschalter Schlange stand, mit denen ich morgens Kaffee trank, an die Leute, die einfach zur Arbeit gingen.

Ein paar Leute haben die Flugzeuge entführt. Aber 500.000 Menschen haben Hilfe geleistet. Ich hoffe, so sieht das Kräfteverhältnis aus zwischen Gut und Böse. Wenige wollten zerstören - aber eine halbe Million Menschen wollte helfen.


Eine Web-Reportage von Yannick Cador


Erstellt: 06-09-11
Letzte Änderung: 06-09-11