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ARTE Reportage vom 11. Januar 2006 - 20/02/06

Wo Geschichte lügt

Transkription


Sie sind zwischen 12 und 14 und leben im gleichen Land. Die einen sind Israelis, die anderen Palästinenser. In ihren Schulen lernen sie Geschichte und Geographie – an Hand von Karten, die die Existenz des anderen hartnäckig leugnen. Ein Land - zwei Geschichten. Den Grund dafür beschrieb der jüdische Schriftsteller Arthur Koestler: ”... eine Nation versprach einer zweiten feierlich das Territorium einer dritten.”

7.30 morgens, die Aziz-Shanin -Schule in Ramallah - eine reine Mädchenschule. Gemischte Schulen gibt es im Palästinensergebiet nicht.
Jeden Morgen das gleiche Ritual: Der Tag beginnt mit einer Koranlesung, gefolgt von der Nationalhymne.

Auch das ist Tradition: Jeden Tag liest eine Schülerin einen selbstverfassten Text vor. Heute ist die zwölfjährige May aus der sechsten Klasse an der Reihe. May hat ein Gedicht über ihr Land geschrieben – ein Land, das es nicht gibt, noch nicht.

Das Lehrerzimmer. Rana, 27, unterrichtet seit sechs Jahren Geschichte. Die Schule in Ramallah arbeitet als eine der ersten mit den neuen Geschichtsbüchern, die von der Palästinenserbehörde herausgegeben wurden. Davor gab es für Lehrer und Schüler nur alte Lehrbücher aus Jordanien oder Ägypten.

Rana: "Die neuen Lehrpläne konzentrieren sich stärker auf die Geschichte von Palästina; es geht um die Schaffung der palästinensischen Institutionen, um die Geographie Palästinas und darum, was im Falle einer Einigung geschieht. Alle Schüler kennen die Karte Palästinas, aber unser Ziel ist es, ihnen auch die neue geographische Situation nach einer möglichen Einigung mit Israel näherzubringen."

Auf dieser Karte ist die administrative Aufteilung dargestellt. Fast genauso wird die Karte der Zukunft aussehen... Aber Israel wird auf dieser Karte nicht erwähnt...

"Das fällt uns im Moment noch schwer. Es würde bedeuten, dass uns dieses Land nicht gehört, dass dies nicht unsere Heimat ist. Wir haben aber von klein auf gelernt, dass sich Palästina von der libanesischen Grenze bis zum Golf von Akaba erstreckt - vom Jordan bis zum Mittelmeer."

Es ist der 2. November. Für Rana gibt es heute nur ein Thema.

"Heute sprechen wir über die Balfour-Erklärung, denn sie betrifft unsere Heimat Palästina. Was wisst ihr über die Balfour-Erklärung? Wer will etwas dazu sagen? Mit der Balfour-Erklärung beschlossen die britischen Behörden, Israel Palästina zu schenken. Die Juden wurden in Großbritannien verfolgt, und die Engländer wollten sie loswerden. Sie entschieden, dass Palästina der beste Ort für die Juden wäre. Aber wer hat Palästina verschenkt, und an wen?"

Schülerin: "Der britische Außenminister Sir Arthur James Balfour verschenkte es an Baron Rothschild, den Präsidenten der Zionistischen Föderation in Großbritannien."

Rana: "Hatte Großbritannien denn das Recht, Palästina den Juden bzw. den Israelis zu schenken?"

Eine andere Schülerin: "Nein, denn es war nicht ihr Land. Sie hatten kein Recht, über etwas zu vefügen, das ihnen nicht gehörte."

Wie alle jungen palästinensischen Lehrkräfte nutzt Rana die Geschichte ganz bewusst als Waffe im politischen Kampf, indem sie die historischen Fakten so darstellt, wie es ihrer Sache dient. Für sie, wie für viele andere Palästinenser nahm mit der Balfour-Erklärung die Tragödie ihres Volkes ihren Lauf. Sie war der Ausgangspunkt einer Geschichte voll von Zorn, Tränen und Blutvergiessen. Jahreszahlen wie 1917 oder 1948 haben für die beiden Völker in diesem Land einen ganz unterschiedlichen Klang.

Rana: "Was geschah 1948?"

Schülerin: "Die Palästinenser mussten in die Nachbarländer wie Jordanien, Syrien und den Libanon auswandern. Das Westjordanland ging zurück an Jordanien, der Gaza-Streifen an Ägypten."

Hier ist es schwer, auch nur für kurze Zeit Israel und seine Soldaten zu vergessen. Dennoch tut man an den Schulen so, als würde der hebräische Staat einfach nicht existieren.

"Wir können den Staat Israel unmöglich anerkennen. Suchen Sie ruhig, Sie werden nirgends den Namen Israel erwähnt finden - auf keiner Karte, in keinem Atlas, in keinem Dokument. Nicht einmal im Fernsehen. Wir sprechen immer vom 'angeblichen Staat Israel'."

Als wir Rana daran erinnern, dass Jassir Arafat selbst den Staat Israel anerkannt und somit der Aufteilung des Landes zugestimmt hat, reagiert sie ausweichend.

Rana: "Es gibt nur eine einzige Sichtweise der Dinge, nämlich die historische. Seit altersher ist die Geschichte dieses Landes mit der Geschichte der Araber und Palästinenser verbunden."

Wie alle Palästinenser heutzutage verspürt auch Rana großen Zorn auf die Menschen, die man hier nur die "Besatzer" nennt. Vom Westjordanland bis zum Gaza-Streifen findet man keine Schulklasse, deren Wände nicht mit Zeichnungen, Fotos oder Lobeshymnen auf die ”Märtyrer” der Sache geschmückt wären. Ein Friedenssymbol sucht man hier vergeblich.

Schon der kleinste Hinweis darauf zieht in Ramallah und anderswo einen Aufschrei der Verzweiflung nach sich: Wie könne man von Frieden sprechen, wenn die Palästinenser Tag für Tag von den Israelis gedemütigt, misshandelt und getötet würden?

Lang ist es her, seit nach den Abkommen von Oslo die Palästinenser-Behörde geschaffen wurde - der erste Schritt zu einem souveränen Staat. Heute sind die Soldaten der Tsahal allgegenwärtig.

Wir baten Ranas Schülerin May, uns aus ihrer Sicht zu erklären, wie es so weit kommen konnte. Sie verabredete sich mit uns vor dem Sitz der Palästinenserbehörde, dem Büro von Jassir Arafat - oder dem, was davon übriggeblieben ist...

May erschien in Begleitung ihrer Eltern und ihrer größeren Schwester. Ihre Gefühle waren nicht geheuchelt. Die Zwölfjährige konnte ihren Zorn nur mit Mühe zurückhalten.

May: "Ich bin heute sehr traurig. Ich habe Angst. Ich habe die Bombardierungen, die Belagerung und die Zerstörungen miterlebt. Die jüdischen Soldaten kommen und machen, was sie wollen, sie zerstören alles. Ich fühle mich so ohnmächtig gegenüber all diesen Dingen. Ich glaube nicht, dass man uns das erst in der Schule begreiflich machen muss. Wir erleben es ja selbst. Diese Geschichte ist mein Leben, ich brauche sie nicht aus Büchern zu lernen."

Maya ist 14 und Israelin. Sie ist Schülerin der 8. Klasse an der René-Cassin-Schule. Wir befinden uns in Jerusalem, Ramallah ist nicht weit. Dennoch ist es eine andere Welt und ein anderes junges Mädchen. In anderen Zeiten wäre sie vielleicht sogar mit May, der Palästinenserin, befreundet.

Ein Land - zwei Geschichten: hier die Geschichte Israels aus der Bibel. Die René-Cassin-Schule tritt für die Trennung von Kirche uns Staat ein, doch an allen Schulen Israels ist der Bibeluntericht fester Bestandteil des Lehrplans, von der ersten bis zur letzten Klasse.

Drei Stunden Bibelunterricht pro Woche – abgehalten von einer Lehrerin, die betont, wie notwendig eine laizistische und kritische Bibelbetrachtung ist.

Religionslehrerin: "Bibelunterricht ist sehr wichtig, deshalb gebe ich ihn. Die biblische Lehre ist ein Grundfach, sie ist eine der Säulen unserer Kultur – für das israelische Volk und für die ganze Welt. Sie verbindet uns und macht uns zu dem, was wir sind. Viele Menschen hier berufen sich auf die Bibel, um unsere Präsenz in diesem Land zu rechtfertigen."

Parallel zum biblischen Geschichtsunterricht wird hier auch die Geschichte des Zionismus gelehrt, und – allerdings erst in der Abschlussklasse – die aktuelle Geschichte seit der Gründung des Staates Israel.

Yair ist Geschichtslehrer und verwaltet die Kartensammlung der Schule. Er zeigt uns seine neueste Errungenschaft: "Diese Karte ist eine der letzten, die wir erworben haben. Es ist eine Karte des Mittleren Orient, mit Israel und allen Territorien der Palästinenserbehörde. Sie wurde 1999 gedruckt, aber natürlich ändern sich die Dinge hier ständig."

Verwenden Sie den Begriff ”Palästina”?

Yair: "Das kommt auf die Lehrer an. Wenn wir von Gebieten sprechen, die unter alleiniger Kontrolle der Palästinenserbehörde stehen, verwenden wir das Wort Palästina. Aber das ist verschieden. In der alten Geschichte sprechen wir weder von Israel noch von Palästina, sondern von Judäa, Samarien und dem Küstenstreifen."

In Israel spielen diese Begriffe heute eine wichtige Rolle. Nur wenige verwenden den Begriff Westjordanland. Alle sprechen eher von Judäa und Samarien.

Was lernen die jungen Israelis über die Palästinenser? Im Geschichtsunterricht nichts, oder zumindest fast nichts. In öffentlichen Einrichtungen dagegen versucht man diese Fragen im Rahmen von Kursen in Staatsbürgerkunde anzuschneiden. Eine der Kursleiterinnen ist Orna, Lehrbeauftragte für die achten Klassen.

Orna: "Der Titel meiner Kurse lautet 'Identität und Zugehörigkeit'. Es geht darin um unsere Beziehungen zum Judentum und zu diesem Land, aber es ist auch von anderen Völkern die Rede, die eine Verbindung zu diesem Land haben.

Es geht in meinem Kurs um jüdische Philosophie, um die Ursprünge des Judentums und auch um die aktuelle Entwicklung. Wir haben diesen Unterricht geschaffen, um die Fragen der Schüler zu beantworten und ihr Informationsbedürfnis zu stillen.

Thema des heutigen Unterrichts: Die Situation der Palästinenser nach der Blockade durch die israelische Armee.

Roni:"Viele Menschen dort sind arbeitslos, weil sie hier nicht mehr arbeiten dürfen. Sie dürfen nicht mehr kommen, weil man Angst vor Attentaten hat. Man will verhindern, dass Terroristen als Arbeiter verkleidet hierherkommen. Wir haben einen Staat und eine Armee, sie dagegen haben weder das eine noch das andere. Deshalb bilden sie sich ein, wir wären mächtig und böse, und sie wären schwach. Ich sehe das anders. Eins führt zum anderen. Wenn hier etwas passiert, schlagen wir zurück. Das Ganze ist ein Teufelskreis."

Mädchen: "Roni hat Recht, eins führt zum anderen. Wenn hier jemand ein Attentat verübt, wird er verhaftet. Und wenn man ihn verhaftet, kommt es zu weiteren Attentaten. Ich will es nicht gutheißen, dass diese Leute verhaftet werden, aber wie soll man sonst Attentate verhindern, bei denen zehn Jugendliche sterben, nur weil sie in der Stadt Geburtstag feiern wollten? Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen."

Maya: "Die beste Lösung wäre Frieden. Wenn Frieden wäre, gäbe es auch keine Attentate mehr. Wir müssten keine Angst mehr haben, und sie könnten normal leben und sich frei bewegen. Es muss endlich Frieden geben."

Am Ende des Unterrichts lässt Orna auf unseren Vorschlag hin abstimmen.

Orna: "Wer ist für die Schaffung eines palästinensischen Staates? Nicht in Uganda, wie er sagt, sondern hier? Wer ist für die Schaffung eines palästinensischen Staates? Wer ist dagegen?"

Die Diskussion über diese Frage und die Abstimmung haben die Gemüter erhitzt. Die wenigen Befürworter der Schaffung eines palästinensischen Staates sind Außenseiter. Weder die Israelis noch die Palästinenser versuchen ernsthaft, den anderen zu verstehen. Auch hier kommt Zorn zum Ausdruck – Zorn über die Selbstmordattentate der Palästinenser.

In Jerusalem, Tel Aviv und überall in Israel leben die Menschen mit der Angst im Nacken - nicht ohne Grund. Trotz der zahlreichen Sicherheitsmaßnahmen und der Allgegenwart von Polizei und Militär ist die Anspannung spürbar. Jeder hier fürchtet ein Attentat.

Wir beschlossen, Maya und ihre Freundin Galia in die Altstadt mitzunehmen. Sie waren einverstanden, wenn auch etwas besorgt. Seit Jahren waren sie nicht mehr hergekommen. Wir fragen Maya, weshalb sie als eine der wenigen für die Schaffung eines palästinensischen Staates gestimmt hat.

Maya: "Ich finde, jedes Volk braucht seinen eigenen Staat – egal wo."

Damit steht Maya im heutigen Israel eher allein da. Sie ist grundsätzlich bereit, ihr Land zu teilen.

Maya: "Es kommt allerdings auf das Gebiet an. Jerusalem sollte nicht geteilt werden, aber die Siedlungen, wo sonst nichts ist, könnten wir ihnen geben."

Galia: "Einen eigenen Staat ja, aber nicht hier. Nicht in Israel, nicht innerhalb unseres Landes, sondern dort, wo sie noch Platz finden".

Maya: "Ich finde, hier ist genug Platz für einen palästinensischen Staat. In Judäa-Samarien bis hin zum Gaza-Streifen."

Galia: "Wir haben dieses Land erobert. Es stört mich nicht, dass es hier arabische Dörfer gibt, aber diese Attentate sind wirklich eine schlimme Sache."

Kehren wir zurück in das Land, das die einen Judäa-Samarien und die anderen Westjordanland oder Palästina nennen. Seit zwei Jahren hat die israelische Armee die Gebiete hermetisch abgeriegelt. Es ist fast unmöglich geworden, von einer palästinensischen Stadt in die andere zu gelangen.

Wenige Kilometer von Ramallah entfernt liegt das Flüchtlingslager Jalazun. Es ist eines der ältesten und wurde in den fünfziger Jahren von der UNO gegründet. Als Übergangslager für die Palästinenser, die 1948 von ihrem Land vertrieben wurden. Doch das Provisorium dauert an. Zelte stehen hier schon lange nicht mehr; es ist eine Stadt der Entwurzelten entstanden.

Dies ist die Jungenschule des Lagers. Die Schuluniform ist in Blau gehalten, in den Farben der UNO, die diese Schule finanziert und verwaltet.

Weniger als fünfhundert Meter von hier entfernt, stößt man auf eine Art Schweizer Feriendorf: die jüdische Siedlung Bet El.

Geschichtsunterricht in der sechsten Klasse über das Jahr 1948 – über das, was die Palästinenser als Al Nakba bezeichnen, als ”Katastrophe”.

Moujahed: "Unser Thema ist ein zentraler Punkt der Geschichte von Palästina: Al Nakba. Was versteht man unter Al Nakba? Alaa?"

Alaa: "Es ist die Niederlage der arabischen Armee und die Vertreibung von Tausenden Palästinensern in die arabischen Nachbarstaaten – Syrien oder den Libanon - und andere Teile der Erde, z. B. Amerika oder Großbritannien."

Moujahed: "Sie wurden vertrieben, aber wer nahm ihren Platz ein?"

Alaa: "Die Juden."

Moujahed: "Alaa, zeichne uns die Karte Palästinas so auf, wie sie heute aussieht."

Als die Juden 1948 kamen, nahmen sie uns diesen ganzen Teil. Sie übergaben das Westjordanland an Jordanien und den Gaza-Streifen an Ägypten. Was geschah nach 1967?

Alaa: "1967 besetzten die Juden den Rest Palästinas, das Westjordanland und Gaza."

Moujahed: "Gut, nimm den grünen Stift. Das hier war also Israel, und 1967 wurde all das hier zu Israel."

Ähnlich wie bei Rana in Ramallah ist auch Moujaheds Unterricht politisch gefärbt. Er ist der Sohn eines Flüchtlings und lebt in einem kleinen Dorf, eine halbe Stunde von Jalazun entfernt. Seit Abriegelung der Palästinensergebiete vor zwei Jahren sieht er seine Frau und seine beiden Kinder nur noch am Wochenende. Bis in sein Heimatdorf braucht er nun zwischen fünf und neun Stunden.

Heute besucht Moujahed mit seiner Klasse eine Fotoausstellung der Jugendlichen des Lagers. In Jalazun bekennt man sich wie in allen Flüchtlingslagern offen zur Hamas oder zum islamischen Dschihad. Die Lebensumstände hier sind hart, und die extremistischen Bewegungen sind die einzigen, die soziale und materielle Unterstützung gewähren. Sie lehnen jedes Zugeständnis an Israel ab.

Moujahed: "Seht diese Frau, sie lebt in einem Zelt. Sie besaß ein Haus, an dem sie ihr ganzes Leben lang gebaut hatte. Dann kam ein Jude aus Äthiopien, aus den USA oder sonstwoher. Er zog ein und behauptete, dies sei sein Haus. Seht nur, die Tragödie steht der Frau ins Gesicht geschrieben."

In Palästina waren vor der Ankunft der Juden alle Städte und Dörfer arabisch. Ihre Namen sind auf dieser Karte vermerkt.

Aber die Realität hat sich doch geändert. Heute gibt es Israel.

Alaa: "Sie haben unser Land besetzt, dabei gehört es uns ganz allein.

Welche Lösung kann es geben?

Alaa: "Wir müssen kämpfen."

Bis wann?

Alaa: "Bis ans Ende der Zeit."

Nach dem Unterricht gehen wir mit Alaa und drei Freunden so dicht wie möglich an die jüdische Siedlung Bet El heran, die genau gegenüber der Schule liegt. Wir sind weniger als 300 Meter entfernt.

Ihr lernt doch Geschichte, wisst ihr, was der Holocaust ist?

Alaa: "Wir haben kurz den Zweiten Weltkrieg durchgenommen."

Hitler hat die Juden in ganz Europa umgebracht. Er hat sie massakriert, aber nun kommen sie hierher, um uns umzubringen.

Hier gegenüber leben Jugendliche in eurem Alter. Sind sie nicht auch in diesem Land geboren?

Alaa: "Sie haben unser Land besetzt, wir waren vor ihnen da. Sie kamen und errichteten Siedlungen, aber wir waren vor ihnen da. Sollen sie doch dorthin zurückgehen, wo sie herkommen."

Wohin denn?

Alaa: "In die Hölle."

Die Siedlung Bet El. Die ersten Siedler kamen 1977, damals waren es drei oder vier Familien. Heute leben hier über 5.000 Menschen auf mehr als 25 Hektar Land .

Es ist eine eigene kleine Welt. Alle sind hier sehr religiös. Hier betrachtet niemand die Bibel kritisch, man nimmt sie wörtlich.

Eine eigene kleine Welt, auch sie voller Anspannung und Angst. Die Siedlungen sind zwar wie Festungen gebaut, doch auch sie sind nicht gegen Selbstmordattentate gefeit.

In Bet El gibt es zehn Schulen und sogar eine Universität. Wir durften keine der Schulen filmen, und nur eine einzige Familie empfing uns bei sich zu Hause. Es ist die Familie Avigat. Ihr ältester Sohn Yair, 12 besucht eine Talmudschule. Dort liest und lernt er von morgens bis abends die heiligen Schriften. Von seiner Terrasse aus sieht Yair die Schule von Jalazun sowie Alaa und seine Freunde. Er hat noch nie mit ihnen gesprochen, nicht einmal durch den Zaun.

Yair: "Im Moment geht das nicht, zur Zeit ist es unmöglich, aber wenn Frieden ist.... Sie hassen und verabscheuen uns. Sie wollen nicht mit uns sprechen."

Kann man die Geschichte nur aus der Torah lernen?

Yair: "Ja natürlich, dort steht alles, was dem Volk Israel widerfahren ist. Die Torah wurde vor über dreitausend Jahren geschrieben. Sie erzählt, was geschehen ist und was noch kommt. Wenn das Volk Israels hier versammelt ist, kommt die Erlösung."

Wenn alles in der Torah geschrieben steht: Was passiert morgen?

Yair: "Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass nicht ewig Krieg herrschen wird. Er wird irgendwann enden."

Bet El ist wie eine andere, ganz eigene Welt. Die Menschen verzichten freiwillig auf das Fernsehen und gehen so wenig wie möglich aus. Yair und seine Geschwister haben kaum Interesse an dem, was auf der anderen Seite geschieht – nur wenige hundert Meter von ihnen, im Lager von Jalazun. Bei ihren Torah-Lesungen entwickeln sie weder Mitgefühl noch Toleranz für ihre palästinensischen Nachbarn.

Yair: "Eigentlich haben die Araber schon genügend Platz. Sie haben bereits sieben Staaten, die ungefähr das Vierzigfache von Israel ausmachen. Es fehlt ihnen nicht an Platz. Sie sagen, dies hier sei für sie ein heiliges Land, aber das ist nur ihr Glaube."

Elizar: "In der Torah steht nicht geschrieben, dass dies für sie ein heiliges Land ist, und dennoch sagen sie, sie wollen hier bleiben. Dies wäre ihr Land, und ihre Religion verpflichte sie, uns von hier zu vertreiben."

Mit Erlaubnis seiner Eltern machten wir ein paar Aufnahmen von Yair nach der Schule. Die Präsenz einer Kamera sorgt für überraschende Reaktionen bei den Schülern der Religionsschule.

Die Vergangenheit zu kennen hilft uns in Europa die Gegenwart besser zu verstehen. In Israel und in den Palästinensergebieten jedoch dient die Vergangenheit als ideologische Waffe, um die Gegenwart zu rechtfertigen. In diesem Land, das beide Völker als ihr heiliges Eigentum beanspruchen, haben Hass, Zorn und Gewalt jede Toleranz und jedes Verständnis für den anderen hinweggefegt.

Erstellt: 12-01-06
Letzte Änderung: 20-02-06