Der Himmel über Berlin (15. 8. 2005)
Alice in den Städten (17. 8. 2005)
Der amerikanische Freund (22. 8. 2005)
Im Lauf der Zeit (24. 8. 2005)
Der Stand der Dinge (31. 8. 2005)Thomas Neuhauser (T.N.): Herr Wenders, ARTE zeigt im August fünf Filme von Ihnen aus den siebziger und achtziger Jahren - eine kleine Werkschau mit Wenders-Klassikern wenn man so will.
Was geht einem durch den Kopf, wenn man sich einer Retrospektive der eigenen Filme gegenübersieht und wann haben Sie zuletzt einen Ihrer alten Filme angeschaut?
Wim Wenders (W.W.): Da ich diese Filme für die DVD-Auswertung und für diese Retrospektive alle selber Einstellung für Einstellung restauriert, neu lichtbestimmt und zum Teil aufwendig neu gemischt habe, habe ich in der Tat mit jedem von ihnen wieder einige Zeit zugebracht. Im Falle von Alice in den Städten waren das über 30 Jahre später, und auch Der amerikanische Freund und Der Stand der Dinge sind fast ein Vierteljahrhundert her. Da fällt einem auf, dass man schon eine ganze Weile lang dabei ist. Filme altern ja unterschiedlich als Menschen. Einige waren jung geblieben, andere mehr gealtert als ich. Manchmal habe ich die Filme echt 20 Jahre lang nicht mehr gesehen und mich dann nur gefragt: Wie hast Du das damals bloß gemacht? Heute würde ich so einen Film wie Alice in den Städten nicht mehr hinkriegen. Erfahrungen machen und Lernen hat auch seine Nachteile...
T.N.: Es ist notgedrungen nur eine Auswahl aus Ihrer Filmarbeit. Fehlt ein Film aus dieser Zeit, der Ihnen persönlich besonders wichtig gewesen wäre (abgesehen von „Paris, Texas“, der im Herbst in einem Themenabend ausgestrahlt wird)?
W.W.: Vielleicht Lightning over Water, der in Deutschland Nicks Film hieß. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein „einmaliger“ Film.
T.N.: Der sechzigste Geburtstag ist ja gerne Anlass für Werkschauen, Rückblicke, Bilanzen, usw., dabei waren Sie gerade mit Ihrem neuen Film Don’t come knocking beim Filmfestival Cannes im Wettbewerb. Wie gehen Sie selbst damit um: vermeiden Sie die Rückschau zugunsten der aktuellen Arbeit, oder gestatten Sie sich auch die Freude an dem, was gelungen war und offensichtlich Bestand hat?
W.W.: Ich will jetzt nicht arrogant sein, aber ich weiß, dass ein paar meiner Filme Bestand haben werden, egal ob ich 50, 60 oder 80 werde. Mich interessiert die zukünftige Arbeit ungemein mehr als jede vergangene. Wenn überhaupt sind meine „alten Filme“ nur ein Ansporn, keinen davon noch einmal zu wiederholen, vor allem nicht die erfolgreichen. Naja, die anderen schon gar nicht...
T.N.: Wenn Sie heute in den USA einen Film drehen, ist der Unterschied zu den Produktionsbedingungen in Deutschland größer oder kleiner geworden?
W.W.: Wenn ich irgendwas mit den Studios am Hut hätte, würde ich sagen: Filmemachen in den USA hat nichts, aber auch gar nichts mit demselben Metier in Deutschland zu tun. Da ich aber auch in Amerika nur mit europäischen Mitteln und „Independent“ gedreht habe, muß ich sagen: Das nimmt sich kaum etwas. In Deutschland und in Europa wird genauso professionell gearbeitet. Hin und wieder sogar noch mit mehr Imagination.
T.N.: Sie haben sich immer auch mit neuesten Filmtechnologien auseinander gesetzt. Wird es den belichteten Film und die Lichtprojektion bald nicht mehr geben, oder kann die analoge Technik auch im Kino eine Nische besetzen, so wie z. B. die analoge Vinylplatte in der Musik?
W.W.: Die „Nische“ der analogen Technik ist immer noch die überlegene Bildauflösung und die größere und emotionellere Informationsdichte. Noch ist das „Digitale Kino“ ja noch nicht wirklich angekommen, noch fehlen ja weitgehend die digitalen Projektoren. Die herkömmlichen Filmprojektoren sind ja in der Tat die letzten Überbleibsel alter photomechanischer Techniken. Wo gibt es denn noch Schreibmaschinen statt Computer!? Nur im Kino... Ich denke, das herkömmliche analoge Kino kann noch eine Weile mithalten. Und eine Kopie in 70mm werden Sie auch noch in 20 Jahren mit großem AH! anschauen.
T.N.: Fast alle Ihre Filme sind fürs Kino gemacht, wir zeigen sie natürlich trotzdem gern auf ARTE. Verändern sich die Filme im Fernsehen? Gibt es für Sie noch einen grundsätzlichen, benennbaren Unterschied zwischen TV-Film und Kino-Film?
W.W.: Viele Kinofilme verlieren, wenn man sie im Fernsehen oder auf DVD sieht. Andere funktionieren irre gut auf der kleinen Leinwand, manche sind sogar besser. Ich glaube allerdings nicht, dass das ein „technisches“ Phänomen ist. Im Gegenteil: die meisten High-Tech-Filme mit gewaltigen Special Effects und so weiter funktionieren bestens zu Hause. Aber die Filme, die eine gewisse soziale und emotionale Identifikation brauchen, die funktionieren im Kino besser. „Inhaltlich“ kann das Fernsehen mit dem Kino eben nicht mithalten. Einen Film zusammen mit anderen, in einem großen dunklen Raum, in Realzeit, ohne Unterbrechungen und ohne Ablenkungen zu sehen, da geht nach wie vor (besser: mehr denn je!) nichts drüber.
T.N.: Auf den Filmfestivals – sogar in Cannes – werden auch die Filme der jüngeren deutschen Regisseure wieder stärker wahrgenommen (Weingartner, Akin, Heisenberg, Hochhäusler, Schalenec, Ottiker, etc.) und auch ins Ausland verkauft. Wo steht der deutsche Film aus Ihrer Sicht gerade, gibt es eine neue Aufbruchstimmung?
W.W.: Absolut. Der deutsche Film dieser jungen Filmemacher wird im Ausland noch unter Wert gesehen.
T.N.: Lars von Trier sagt, er sei in seiner Sozialisation, seiner ästhetischen Erziehung zwangsläufig zu 80 Prozent amerikanisiert, obwohl er noch nie in den USA war. Deshalb könne er auch Filme über Themen der amerikanischen Gesellschaft machen. Sie pendeln schon lange zwischen USA und Deutschland, wie hat sich das auf Ihre Filmarbeit ausgewirkt?
W.W.: Damit, dass ich wieder zu 100% europäisiert bin. Im Gegensatz zu Lars habe ich halt gut 15 Jahre in Amerika gelebt. Einen effektiveren Exorzismus der Amerikanisierung gibt’s gar nicht.
T.N.: Den Platz in der Hall of Fame des Kinos kann Ihnen niemand mehr nehmen. Wie motivieren Sie sich für den nächsten Film?
W.W.: Mit der Frage: Wie kommt man da wieder raus? Schöner als der Ehrenplatz in der Filmgeschichte ist ein Platz in den Herzen und in den Augen eines heutigen Publikums, die ja zum größten Teil die Filme von vor zehn oder zwanzig (oder gar dreißig) Jahren nicht gesehen haben.
T.N.: Musik hat in allen Ihren Filmen immer eine wichtige Rolle gespielt, bis hin zu den eigenständigen Musikfilmen über den Son, BAP und den Blues. In letzter Zeit stürzen sich selbst Filmregisseure, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte, auf die Opernregie. Sind Sie da gefährdet?
W.W.: Da bin ich völlig gefeit. Bevor ich eine Oper inszeniere, mache ich noch eher einen Stummfilm.
Danke für das Interview – und viele gute Wünsche (gratuliert wird ja nicht vorher).
Ich danke Ihnen.
Wim Wenders
- Weiter Interviews mit Wim Wenders
Cannes 2005
Interview: Wim Wenders - Über seinen Film Don't come knockingCannes 2003
Interview: Wim Wenders - Über seinen Film Blues
Interview: Wim Wenders - Über seinen Film The soul of a manCannes 2000
Interview: Wim Wenders – Über Nouvelles technologie(Real Video)






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