Mit dem Geschmack ist es so eine Sache, weil er zwei Gesichter hat: Zum einen ist er schwerfällig und hat viel zu tun mit lieben Gewohnheiten, Tradition und Erziehung; zum andern ist er treulos, schnell flüchtig und leicht zu beeinflussen. Das zeigt sich besonders deutlich in Deutschland, das – im Gegensatz zu Frankreich und Italien, wo immer schon der einheimische Rotwein in vielen Varianten dominierte – viele Jahre von Bier und Weißwein regiert wurde: Jahrzehntelang war der deutsche Wein lieblich und gefällig, häufig sogar süß und klebrig. Dann kam die trockene Phase, die von einigen Produzenten als staub- und knochentrocken missverstanden wurde.
Genauso wie die Riesling-Traube dabei ins Abseits geriet, wurde der Pinot Noir geopfert, weil man zum Bordeaux tendierte. Nach der Chablis-Welle in den späten siebziger Jahren schwappte die Pinot Grigio-Woge über Deutschland, die weder Grauen Burgunder geschweige denn Ruländer gelten ließ. Chardonnay folgte als bereits gewaltige Tsunami-Flutwelle – allerdings zu einem Zeitpunkt, als in Amerika schon längst das Kürzel ABC (anything but Chardonnay) als Antwort auf die dickflüssigen, fetten, sättigenden und anstrengend-ermüdenden kalifornischen Chardonnays Kult war.
Zurzeit wird gerätselt, welche Traubensorten die nächsten großen Wellen werfen werden. Zwar ist es noch nicht so lange her, dass Amerikas Wein-Trendpapst Robert Parker verlauten ließ: „Die deutsche Pinot Noir-Traube bringt einen grotesken und ziemlich scheußlichen Wein hervor, der ungefähr so schmeckt wie ein misslungener, süßer, müder und verdünnter roter Burgunder von einem inkompetenten Winzer”: Doch spricht einiges dafür, dass diese Traube bei den Rotweinen eine Renaissance erleben und interessante eigenwillige autochthone Sorten wie Nero d'Avola oder Mourvèdre vorerst hinter sich lassen wird. Von den abgeschlagenen CS (Cabernet Sauvignon) oder Merlots gar nicht zu sprechen.
Bei den Weißen sieht es ganz danach aus, als ob nach dem kurzen Höhenflug des Sauvignon Blanc und dem eher exotischen Viognier nunmehr die Zeit des Riesling anbrechen würde. Damit wären viele Prognosen über die Entwicklung der Weinproduktion wieder hinfällig. Aber so ist das mit den zwei Gesichtern des Geschmacks: Sie halten sich weder an Trends noch an Prognosen.
Noch ist auf Degustationen, auch bei Blindproben, zu beobachten, dass Weine, die konzentriert und in Körper und Aromen so wuchtig sind, dass sie sich aufs Butterbrot streichen oder mit Messer und Gabel verzehren lassen, häufig besser abschneiden, als feinere und leichtere Weine, bei denen Alkohol und Säure im normalen Bereich liegen, deren Aromen elegant sind und finessenreich und nicht von der Vanillekeule des üppig getoasteten Barriques erschlagen werden. Diese schwarzen, dickflüssigen Monster-Weine, die in Degustationen glanzvoll abschneiden, halten in Kombination mit subtil zubereiteten Gerichten meistens nicht, was sie versprochen haben. Nach spätestens zwei Gläsern hat man genug, ist weinsatt.
An der Spitze der Weinpyramide dürfte die Entwicklung anders verlaufen. Weil die heutigen Super-Stars und Kult-Weine aufgrund der kleinen Produktionsmengen und dramatisch ansteigender Nachfrage in Asien und Osteuropa für Käufer ohne Beziehungen schon in absehbarer Zeit weder erhältlich noch bezahlbar sein werden, wird die Nachfrage dafür sorgen, dass dieses Segment erweitert und dank der Medien auch etabliert wird: Erstklassige Weine mit ausgeprägter lokaler oder nationaler Identität (Traubensorten, Terroir, Ausbau), wie aus dem Bordelais, aus Burgund oder von der Rhône, Weine mit unverwechselbarem Charakter wie aus dem Piemont, der Toskana, aus der Schweiz und Österreich und einem Stil, der sich vom Mainstream und von internationalen Trends deutlich absetzt. Es wäre wünschenswert, wenn sich als Antwort auf allmächtige internationale, aber eben durchschnittliche und austauschbare Marken das Segment dieser erstklassigen, qualitätsorientierten, handwerklichen Produkte vergrößert.
Klar allerdings ist: Qualität, vor allem in Verbindung mit kleinen Mengen, Handarbeit am Steilhang, ein wechselhaftes Klima, das nicht täglich volle Sonne garantiert, eine monatelange Pflege und Reifung im Barrique oder großen Holzfuder haben ihren Preis, der in Relation zu den internationalen Produkten hoch erscheinen mag und mit den Durchschnittspreisen, die heute für eine Flasche ausgegeben werden, nichts zu tun hat. Dafür ist das Holz elegant eingebunden und der Wein langlebiger als ein tiefgelber, butterig-fetter, hochalkoholischer Chardonnay, der sein süßliches Vanilleparfum Eichenholzchips verdankt, die ihm anstelle des Ausbaus im Barrique schon bei der Gärung Gesellschaft geleistet haben. Völlig legal übrigens.
Der Autor Christian Wenger schreibt über Wein für die Financial Times Deutschland und degustiert für Wein-gourmet und Feinschmecker.






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