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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Sendung vom 19. Oktober 2008

der Stil: der Gelsenkirchener Barock

der Gelsenkirchener Barock


Maija-Lene Rettig stellt uns einen ziemlich speziellen und zweifelsfrei deutschen Möbelstil vor: den Gelsenkirchener Barock.

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Sehen Sie sich einmal dieses Möbelstück an. Ein wuchtiger, massiver Schrank mit furnierten, wellenförmigen Türen, verschnörkelten Zierleisten, geschwungenen Griffen an den Schubladen…Ein Prachtexemplar des sogenannten Gelsenkirchener Barocks. Die Franzosen haben noch nie von diesem Möbelstil gehört, machen wir also einen Exkurs in die jüngere deutsche Alltagsgeschichte.

Kommen Sie mit. Unser Schrank ist ein typischer sogenannter Wohnküchenschrank aus den 50-er Jahren. So ein Möbelungetüm kann man auch heute noch in manchen Wohngemeinschaften in der Küche antreffen, von einem der Mitbewohner auf dem Sperrmüll aufgestöbert, und von den anderen belächelt, wenn sie ihn nicht sogar ganz scheußlich finden. "Das ist doch Gelsenkirchener Barock! Weg damit!" Also scheint das ein Schimpfwort zu sein? Im gewissen Sinne ja. Wenn der Volksmund abfällig von Gelsenkirchener Barock spricht, meint er, dass etwas geschmacklos, spießig, unzeitgemäß und überladen ist. Das kann auch eine düster gemusterte, rustikale Polstergarnitur sein. Oder ein "altdeutscher" eichenfurnierter Fernsehschrank mit Eisenbeschlägen.

Aber woher kommt der Ausdruck und warum Gelsenkirchen? Nun, Barock ist ja bekanntermaßen der Stil des 17. und 18. Jahrhunderts, wo in kunstvollen, schmuckreichen Formen geschwelgt wurde. Und die Stadt Gelsenkirchen liegt im sogenannten Ruhrpott, der Wiege der Kohle- und Stahlindustrie Deutschlands. Der Gelsenkirchener Barock ist also der Barock der armen Arbeiter aus Gelsenkirchen. Denn in den Arbeiterwohnungen des Ruhrgebiets verbreiten sich ab 1930 die ersten Möbel dieser Art. Während sich eine wohlhabende Eliteschicht für die puristischen Bauhausmöbel begeistert, legt der Kumpel sein hart verdientes Geld in klobigen, verzierten Schrankungetümen an. Das sind serienmäßig hergestellte Kopien von bürgerlichen Möbeln des 19. Jahrhunderts.

Diese Wohnküchenschranke sind natürlich viel zu groß für die kleinen Arbeiter-Wohnungen, in denen die Küche meist der einzige geheizte Raum und somit Wohnzimmer zugleich ist. Also müssen die Möbel auch etwas hermachen. Vollgestellt mit Nippes ist das polierte Büffet der Beweis, dass man es zu etwas gebracht hat. Und die Nazis? Sie verachten den Gelsenkirchener Barock und seine wulstige Gemütlichkeit. Stattdessen verordnen sie dem Volk die sachliche Schlichtheit solider Bauernmöbel, auch wenn dieser "zweckmäßige" Möbelstil keinesfalls ihre Erfindung war.

In den 50er Jahren greifen die Fabrikanten wieder auf die Modelle aus der Vorkriegszeit zurück. Triumphierend kehrt der Gelsenkirchener Barock zurück. Die enorme Nachfrage und neue Produktionstechniken führen zu einem wahren Formenwildwuchs. Die frustrierten Hersteller von Nierentischen und Schaumstoffmöbeln, die auf ihren viel zeitgemäßeren Möbeln sitzenbleiben, tragen dazu bei, diesen Begriff als Schimpfwort zu festigen. Sehr zum Unwillen der Gelsenkirchener, die sich zu Unrecht verunglimpft fühlen. Und in Frankreich? Natürlich gibt es auch dort diese Art Möbel, nur gibt es keine Bezeichnung dafür. Das Bürgertum sagt naserümpfend: Schlechter Geschmack - mauvais goût. Aber darüber lässt sich bekanntlich nicht streiten.
Text: Maija-Lene Rettig
Bild: Stephanie Dierolf & Nadine Klein

Erstellt: 17-10-08
Letzte Änderung: 10-09-09


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