Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Kino-News > Kinostart 27. November 2008 > It's A Free World

Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

Kino-News

Kinostart 27. November 2008 - 27/11/08

It's A Free World

Ein Film von Ken Loach


( Arte Bewertung: 4 ) Furcht und Schrecken der liberalen Marktwirtschaft

  • Trailer

Hören sie auch

Previous imageNext image
Synopsis: Als ihr zum wiederholten Male gekündigt wird, macht sich die alleinerziehende Angie selbständig: Gemeinsam mit ihrer Freundin Rose heuert sie Tagelöhner an. Zuerst wirbt sie nur legale Immigranten an, doch bald wird ihr klar, dass man mit illegalen Arbeitern viel bessere Geschäfte machen kann. Schnell wird das einstige Opfer dabei selbst zum Ausbeuter und gerät dadurch sogar in Lebensgefahr.

Kritik: Anders als in vielen seiner anderen - zumeist sehr guten Filmen - präsentiert uns Ken Loach diesmal keine von vorneherein klar definierten Guten und Bösen. Diesmal stellt er einen ambivalenten Charakter in das Zentrum seines Films. Angie ist jung, gut aussehend und nicht auf den Mund gefallen, auch wenn sich ihr breiter Dialekt eindeutig der Arbeiterschicht zuordnen lässt. Hier heiligt der Zweck die Mittel: Die Mutter eines 11-jährigen Sohnes kämpft mit allen Tricks ums Überleben. Doch nach und nach wird sie immer gieriger und unmenschlicher.

It's A Free World
Spanien/Deutschland
Italien/Großbritannien 2007, 92 Min.
Regie: Ken Loach
Mit Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet, Colin Caughlin
Das großartige Drehbuch des langjährigen Loach-Mitarbeiters Paul Laverty wurde in Venedig zu Recht mit einem Preis bedacht. Immer tiefer folgen wir Angie in einen Strudel aus Furcht und Schrecken. Als sie mitbekommt, dass etablierte Vermittler im großen Stil illegale Arbeiter beschäftigen und mit Abmahnungen davonkommen, wenn sie dabei erwischt werden, verliert sie alle Skrupel: Sie rekrutiert nur noch illegale Arbeiter und vermietet ihnen überteuerten Wohnraum, da diese ohne legale Papiere nichts selbst anmieten könnten.

Chancen hätte sie genug, einzuhalten und sich zu besinnen, das Ruder herumzureißen. So beginnt sie etwa mit dem jungen Karol, einem polnischen Gastarbeiter, eine Affäre. Der wohnt in einer illegalen Wohnwagensiedlung, die sie später verraten wird, um an noch mehr billigen Wohnraum zu kommen. In dem Moment steigt ihre Freundin Rose aus dem gemeinsamen Geschäft aus. Sie will sich nicht mitschuldig machen am Schicksal dieser armen, ausgebeuteten Menschen.

IT'S A FREE WORLD ist eine raffinierte Kapitalismuskritik eines Trotzkisten. Angie ist zwar sehr bald schon nicht mehr Opfer sondern Täter, aber die Taten einer alleinerziehenden Mutter sind nachvollziehbar – der Zuschauer kann sich mit dieser jungen, dynamischen Frau identifizieren. Erst viel später will er ihr zurufen: "Hör endlich auf damit!". Ken Loach beschreibt Angies Geschichte nicht als Einzelfall. Er legt vielmehr – basierend auf sorgfältigen Recherchen des Drehbuchautors Paul Laverty - die Logik des Systems offen, in dem Angie nur ein kleines Rädchen ist.

Als ihr Vater - gespielt von Colin Caughlin, einem ehemaligen Gewerkschaftsvertreter der Werftarbeiter - ihr vorwirft, dass es in ihrem Hinterhof zugehe wie auf einem antiken Sklavenmarkt, wirft sie ihm in prolligem Englisch ungerührt entgegen: "Wir beuten doch alle die anderen aus. Denk daran, wenn du das nächste Mal in den Supermarkt gehst." Dieses Argument ist nicht von der Hand zu weisen, denn nur durch die unsichtbare Ausbeutung von Arbeitern in der Dritten Welt ist es uns möglich, billige Turnschuhe oder bestimmte Lebensmittel zu erwerben.

Ken Loach führt uns mit IT'S A FREE WORLD auf höchst erschreckende Weise vor, wie die Früchte von 150 Jahren Gewerkschaftsgeschichte einfach verpuffen und der Jetztzustand horrende Ausmaße von Ausbeutung der Ärmsten und Hilflosesten annimmt. Dabei gelingt es ihm, mit einem bis zuletzt spannenden Film zu unterhalten und gleichzeitig nachhaltig zum Nachdenken anzuregen.

Nana A.T. Rebhan


Erstellt: 24-11-08
Letzte Änderung: 27-11-08