Sendung vom 30. November 2008
das Ritual: der Nikolaustag
der Nikolaustag
Nächsten Samstag feiern die deutschen Kinder Nikolaustag. Wussten Sie, dass der Heilige Nikolaus viel viel älter ist als der Weihnachtsmann? Nikola Obermann erzählt uns diese Geschichte:
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Am 6. Dezember ist Sankt Nikolaus. In Deutschland sagt man auch Nikolaustag! Früher wartete ich immer voller Ungeduld auf diesen Tag. Alle deutschen Kinder tun das. Die französischen Kinder kennen die besondere Bedeutung dieses Tages nicht, bis auf einige Kinder in Nordfrankreich, vielleicht. Am Abend des 5. Dezembers nimmt man einen Schuh – oder, wenn man schlau ist, einen großen Stiefel– und stellt ihn vor die Eingangstür. Am nächsten Morgen, oh Wunder, findet man Mandarinen, Nüsse oder Schokolade darin. Waren das die Nachbarn? Die Eltern? Nicht doch, Nikolaus ist in der Nacht vorbeigekommen! Wie er aussieht? Nun, er sieht dem Weihnachtsmann zum Verwechseln ähnlich! Aber aufgepasst, der Nikolaus und der Weihnachtsmann sind nicht ein und dieselbe Person. Hören Sie:
Sankt Nikolaus lebte im 4ten Jahrhundert in Myra, in der heutigen Türkei. Er war Bischof. Es heißt, er habe die Kinder und die Witwen beschützt und viele Wunder vollbracht. Er stirbt an einem 6 Dezember und wird zum Schutzheiligen der Seeleute, der Kaufleute, der Bäcker, der Metzger, der Schneider, der Weber, der Reisenden, der Gefangenen, der Rechtsanwälte, der Notare, der Pfandleiher, der Bettler und vor allem der Kinder! Im 14ten Jahrhundert entsteht dann der Brauch, daß Nikolaus am 6. Dezember die Kinder beschenkt. Doch diese schöne Sitte missfällt dem Reformator Martin Luther, der den herrschenden Heiligenkult ablehnt. Um den Heiligen Nikolaus auszubooten, verlegen die Protestanten die Bescherung ganz einfach vom 6. auf den 25. Dezember, also Weihnachten. Sie erfinden sogar einen neuen Geschenklieferanten: das Christkind.
Das Christkind ist ein seltsames Konzept. Eigentlich weiß niemand so recht, was es damit auf sich hat. Es ist eine dubiose Kreuzung aus dem Jesuskind und einem kleinen Mädchen oder blonden Engel, in einem weißen Kleid mit Flügeln. Nikolaus läßt sich von ihm allerdings nicht beeindrucken und dreht weiterhin seine Runde am 6. Dezember, nur die Geschenke werden kleiner. Die ersten holländischen Siedler, die nach Amerika kommen, haben ihren Heiligen Nikolaus im Gepäck, der bei ihnen Sinterclaas heißt. Sinterclaas verwandelt sich nun nach und nach in Santa Claus, legt sein religiöses Outfit ab und läßt seinen Schlitten nun von Rentieren ziehen. Mitte des 19ten Jahrhunderts verleiht ihm dann ein deutschstämmiger Zeichner, Thomas Naast, sein rundliches Aussehen und seine rote Kluft.
1932 will der Coca Cola Konzern beweisen, daß man Coca Cola durchaus im Winter trinken kann und verwendet deshalb als Modell für seine alljährliche Weihnachtskampagne einen jovialen, dicken, rotbäckigen Santa Claus mit einer Colaflasche in der Hand. Die weltweite Präsenz von Coca Cola tut ihr Übriges: die Werbefigur geht um die Welt und landet schließlich wieder in Europa. Der pummelige Opa im roten Mantel heißt nun bei den Franzosen "Père Noël" und bei den Deutschen "Weihnachtsmann". Wenn Sie also gut aufgepaßt haben, ist Ihnen jetzt klar, daß dieser allgegenwärtige, rote Weihnachtsmann made in USA, seinem eigenen Vater, dem Heiligen Nikolaus, den Rang abgelaufen hat. Ödipus läßt grüßen.
Text: Nikola Obermann
Bild: Christine Gensheimer & Timo Katz
Erstellt: 27-11-08
Letzte Änderung: 10-09-09