Einer Familie, eines Provinzhauses? Von beidem ist in Bruno Schulz’ Geschichtensammlung „Die Zimtläden“ auf den ersten Blick wenig zu erfahren. Zwar gibt es einen kindlichen Erzähler, doch ist er fast ausschließlich Wahrnehmung und gewinnt keine Kontur, ebenso wie sein älterer Bruder, der einige Male erwähnt wird. Die Mutter wiederum liegt vornehmlich auf der Ottomane. Nur zwei Personen des Hausstandes treten deutlich in Erscheinung: Adela, das tatkräftige Dienstmädchen, und ihr Widerpart Jakub, der Vater. Sie schafft unerbittlich Ordnung, er aber tanzt in „einsamem Heldentum“ den „Kontermarsch der Phantasie“ und bringt auf geniale Weise Farbigkeit in die Welt, um dann in manische Depressivität abzustürzen.
Mit dem Wurfspieß auf Kakerlakenjagd
Jakub ist das unübersehbare Zentrum der Erzählungen, aber auf seltsame Art. Er ist ein schwacher Vater, der vor den Augen der anderen welkt, keine Nahrung mehr zu sich nimmt und leise vor sich hin plappert, bis er ganz verschwunden ist. Ein andermal verlässt er das Haus nicht mehr und brütet eine riesige Zahl von Vogeleiern auf dem Dachboden aus, bis Adela die Kreaturen hinauswirft. Später greift Jakub voller Ekel zum Wurfspieß, um sich der Invasion der Kakerlaken zu erwehren, und wird erst eine Beute des Wahnsinns, dann selbst eine Kakerlake. Oder er sitzt einsam - verlassen von den Gehilfen, die lüstern Adela nachjagen - in seinem riesigen Tuchladen und erwehrt sich des Ansturms einer dunklen Masse von Käufern, indem er von den Regalen Stoffballen auf sie hinunterwirft, so dass eine Tuch-Geographie, eine „Tuch-Kosmogonie“, aus Bergen und Tälern entsteht, zwischen denen der Vater wie in einem „phantastischen Kanaan“ herumwandelt, während das Volk unten gestikuliert, schreit, sich drapiert und Handel treibt.
Tollhaus der Materie
Drohobycz heißt der Ort, an dem dieses aus Expressionismus und Magie gemischte Tollhaus der Materie stattfindet und in dem der 1892 geborene Bruno Schulz fast sein ganzes Leben verbrachte. Die Provinzstadt lag damals in Galizien, am östlichen Rand der k. u. k. Monarchie. Die aufgeräumte und adrette Kleinstadt in der heutigen Ukraine lässt an alles andere als die phantastischen Umtriebe der „Zimtläden“ denken, aber in der Kindheit des Autors wurden in Drohobycz und dem nahen Boryslaw Erdölvorkommen entdeckt. Die Region erlebte einen fieberhaften Aufschwung, von dem allerdings Kleinhändler, Handwerker oder auch kleine jüdische Kaufleute wie Schulz’ Vater Jakub kaum erreicht wurden. Als Jakub Schulz dann nach langer Erkrankung an Schwindsucht und Krebs seinen Tuchladen aufgeben musste und 1915 starb, stürzte die Familie in wirtschaftliche Nöte.
Bruno Schulz reagierte auf die Schwäche des Vaters mit Depressionen und Erkrankungen. Nach dem zweimal abgebrochenen Studium der Architektur in Lemberg und Wien arbeitete er ab 1924 im ungeliebten Beruf des Zeichenlehrers, nebenher zeichnete und schrieb er. Erst in den dreißiger Jahren erschienen die zwei schmalen, entweder enthusiastisch oder voller Unverständnis aufgenommenen Erzählungsbände, die den Vater als phantastisch-mythologische Figur wiederauferstehen lassen und mit denen sich Schulz in die erste Riege der Weltliteratur schreibt: „Die Zimtläden“ (1934) und „Das Sanatorium zur Todesanzeige“ (1938; beide werden um ein Jahr vordatiert). 1939 besetzte die Rote Armee Drohobycz, 1941 die Wehrmacht. Schulz arbeitete für den SS-Mann Felix Landau, porträtierte ihn, malte dessen Haus aus und fertigte Zeichnungen an. Als Landaus „Schutzjude“ überlebte er mehrere Pogrome, bis er am 19. November 1942 von einem SS-Mann erschossen wurde, der mit Landau im Streit lag. Im Jahr 2001 entdeckte der Dokumentarfilmer Benjamin Geissler verschollen geglaubte Wandmalereien von Bruno Schulz im ehemaligen Kinderzimmer des SS-Mannes Landau, die kurz darauf geraubt wurden: Abgesandte des Holocaust-Museums Yad Vashem frästen sie aus der Wand und brachten sie heimlich nach Israel.
Weniger Inhalt, mehr schön geformte Wade!
Bruno Schulz hat in den dreißiger Jahren ohne Erfolg versucht, „Die Zimtläden“ ausgerechnet deutschen und italienischen Verlagen anzubieten. Seinen Siegeszug bei deutschen Lesern traten seine Erzählungen erst nach 1961 in der Übersetzung von Josef Hahn an. Die Neuausgabe von „Die Zimtläden“ mit zehn Zeichnungen von Bruno Schulz präsentiert eine seltsame, an Märchen und Träume erinnernde Kinderwelt. Vor allem aber zeigt die Neuübertragung von Doreen Daume, die Fehler und Freiheiten des Vorgängers revidiert und einen schwebenden, musikalischen Ton gefunden hat, Schulz' Erzählungen als Prosadichtungen, in denen Variation auf Variation gehäuft wird und die Sätze sich emporschaukeln und aufplustern, bis dem hypertrophen Gebilde am Ende ironisch oder lakonisch die Luft abgelassen wird.
So geschieht es in dem poetologisch zentralen „Traktat über die Schneiderpuppen oder Das zweite Buch Genesis“, in dem der Vater zwei Näherinnen das „Programm der zweiten Demiurgie“, einer zweiten Schöpfung, erläutert, in der alles provisorisch und unvollständig sein darf: Anstelle des Menschen genügt die hinten zugenähte Schneiderpuppe. „Weniger Inhalt, mehr Form!“, ruft der Vater programmatisch, streift dabei aber den Strumpf von der Wade einer Näherin... Dann fährt er fort, häuft weiter auf, scheinbar gegen jede Form, alles überwuchernd und die Größenverhältnisse grotesk verzerrend, bis Adela eintritt, mit einem Kitzelfinger droht und Jakub ängstlich verstummt. Aber nicht lange …
Eine Rezension von Jörg Plath








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Alles erwacht in diesen Geschichten zum Leben. Bruno Schulz erzählt in „Die Zimtläden“ üppig farbige und schrecklich gespenstische Mythen der Kindheit. Eine Neuübersetzung bringt uns seine Prosa endlich als wortspielerische und ironische Prosadichtung nahe. Von Jörg Plath
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