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Essen, aber richtig

Auf einem Erdteil werden die Menschen immer dicker, auf dem anderen herrschen Hungersnöte.

Essen, aber richtig

Esskultur - 20/03/09

Wieviel darf's denn sein?

Text: Stefan Schmitt


Der Klimawandel und der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern werfen die Frage auf, wie viel Fleisch zukünftig auf unseren Speiseplänen stehen wird. Bleiben unsere Teller bald fleischleer? Oder steht die Rückkehr des Sonntagsbratens bevor?

„Und sonntags ein Stück Fleisch auf den Tisch“ – was in den Nachkriegsjahren der Bundesrepublik als etwas Besonderes galt, verspeisen wir heute mehrfach täglich. Ein Wurstbrötchen zum Frühstück, Gulasch in der Kantine, am Abend noch ein Schnitzel. Fleisch und Wurst gehören hierzulande zum festen Speiseplan der meisten. Rund 100 Gramm am Tag essen deutsche Männer, Frauen etwa die Hälfte. Dass dies zu viel ist, müssen die Bundesbürger sich immer wieder von Ärzten und Ernährungsberatern anhören.

Fleischverzicht für den Klimaschutz

Ob und wie viel Fleisch man aber isst, hing bislang einzig vom persönlichen Geschmack, der Gesundheit, vielleicht noch vom Gewichtswunsch ab – es war jedenfalls eine rein individuelle Frage. Doch das ändert sich gerade. „Wir sollten unseren hohen Fleischkonsum überdenken“, fordert Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), und verweist auf den Klimaschutz. Und Rajendra Pachauri, Friedensnobelpreisträger und Vorsitzender des Weltklimarats IPCC, meint: „Würden wir weniger Fleisch essen, wäre unser Planet gesünder.“ Fest steht: Tiermast ist ein Ressourcenfresser. Die Zahlen schwanken zwar je nach Haltungsart und Berechnung, unstrittig ist aber: Nicht jede pflanzliche Kalorie, die ein Nutztier futtert, wird zu Muskelfleisch, das später im Supermarkt liegt. Geflügel wandelt die Energie noch relativ effizient um, Schweine schon weniger gut, und für Rindfleisch wird ein Vielfaches der Energiemenge des späteren Ertrags benötigt. Eine tierische Kalorie kann so leicht bis zu mehrere Dutzend pflanzliche kosten. Den Löwenanteil an der Weltfleischproduktion machen zudem längst Mastfabriken aus, wo die Tiere nicht mehr im Freien grasen, sondern mit wertvollem und besonders nahrhaftem Getreide wie Weizen, Mais und Soja gefüttert werden.

„Weil Fleisch für so eine hohe Konzentration von Ressourcen steht, zwingt es uns nun zu einer Debatte über die Zukunft des Essens“, folgert der US-Autor Paul Roberts. Er hat mit dem Sachbuch „The End of Food“ (Das Ende der Ernähung) einen Nerv getroffen. Einen „Weckruf“ nennt es das US-Wissenschaftsmagazin „Nature“. Es könne sich als „prophetisch“ herausstellen, vermutet die „New York Times“. Plötzlich blickt der satte Norden mit Schrecken auf die wachsende Nachfrage in den Schwellenländern. Seit 1961 hat sich die Weltbevölkerung etwas mehr als verdoppelt, der Verzehr von rotem Fleisch stieg aber um den Faktor vier, jener von Geflügel hat sich gar verzehnfacht. Gegenwärtig ist die Verteilung ungleich, isst ein Durchschnittseuropäer immerhin fast 20-mal so viel Fleisch wie z.B. ein Inder. Noch. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, erwartet, dass sich die globale Fleischproduktion bis 2050 noch einmal fast verdoppeln wird. Die ehemals Armen holen auf, allen voran China – mit globalen Folgen.

Mit dem Aufschwung steigt der Appetit

„Chinas Fleisch-Manie wird mit allem Möglichen in Verbindung gebracht, von Abholzung in Brasilien bis zur Explosion der Lebensmittelpreise in Afrika“, schreibt Roberts. Im bevölkerungsreichsten Land der Welt wiederhole sich nämlich gerade, was viele Bundesbürger in der Wirtschaftswunderzeit erlebten: Immer öfter kommt Fleisch auf den Tisch. „Die Daten zeigen, dass alle Völker ihren Fleischkonsum mit wachsendem Einkommen steigern“, konstatiert der Agrarökonom Jarvis Lovell von der University of California in Davis. Wirtschaftswunder und Schnitzel gehören einfach zusammen. Bloß lässt sich die Produktion nicht endlos steigern. Schon heute werden mehr als ein Viertel der weltweiten Landfläche als Weideland benutzt, wird auf einem Drittel der Ackerfläche des Planeten Tierfutter angebaut. China beispielsweise, bis vor gut zehn Jahren noch ein wichtiger Getreide-Exporteur, kann den Bedarf für die eigene Tiermast nur noch mit Einfuhren aus dem Ausland decken. Inzwischen ist das Land der größte Schweinefleischproduzent der Welt – und muss dennoch zusätzliches importieren

Hungersnöte dank Fleischindustrie

Auf der anderen Seite gelten derzeit 850 Millionen Menschen als unterernährt. Schon heute leiden die Armen der Welt unter schwankenden Lebensmittelpreisen. Weil im Jahr 2007 das Maismehl zu teuer für Tortillas wurde, protestierten wütende Mexikaner. 2008 gab es Hungeraufstände in Ägypten, Bangladesch und Haiti. Für Rosamund Naylor, Leiterin des Ernährungssicherheitsprogramms an der Stanford University, ist das erst der Anfang. Sie verglich 23 Klimaprognosen für das 21. Jahrhundert mit historischen Aufzeichnungen über wetterbedingte Fehlernten. In der Wissenschaftszeitschrift „Science“ warnt sie: Hitzejahre könnten zur Norm werden, Erträge schwinden. Die globale Fleischökonomie – mit einem Treibhausgasanteil von einem Fünftel des Gesamtausstoßes ein Hauptschuldiger des Klimawandels – verschärft diese Engpässe noch.

BUCHTIPPS:
„The End of Food“, Paul Roberts, Houghton Mifflin Harcourt, 2008; „Fleisch. Ursprung und Wandel
einer Lust“, Nan Mellinger, Campus Verlag, 2000
LINK:
Auf www.fao.org gibt es umfassende Informationen und Prognosen zum derzeitigen weltweiten Nahrungsmittelkonsum
„Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern, wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“, wird schon Albert Einstein zitiert. Bringt das 21. Jahrhundert diesen kollektiven Vegetarismus? „Es gab niemals ein Programm, um die Leute systematisch dazu zu ermuntern“, sagt Agrarökonom Lovell, „ich bezweifle auch, dass dies sinnvoll wäre.“ Viele Ernährungs- und Agrarwissenschaftler beharren darauf, dass nicht kompletter Verzicht, sondern das richtige Maß entscheidend sein wird – für Mensch und Umwelt. Als im Jahr 2007 Forscher der New Yorker Cornell University die Umweltbilanz 42 unterschiedlicher Ernährungsstile verglichen, schnitt strenger Vegetarismus nicht eindeutig am besten ab. Vielmehr ermögliche eine bewusste Ernährung mit wenig Fleisch und Ei den effizientesten Einsatz von Nutzland, so die Wissenschaftler.

Man möge sich auf den Sonntagsbraten zurückbesinnen, hat UBA-Präsident Troge angeregt. Vielleicht steckt darin ja auch ein Lustgewinn? Dann wird weniger, besser produziertes Fleisch eines Tages vielleicht wieder zu etwas Besonderem.

STEFAN SCHMITT


Erstellt: 03-03-09
Letzte Änderung: 20-03-09