„Seit mehr als zweihundert Jahren eingesessen in der Kaiserstadt, begegneten die Juden hier einem leichtlebigen, zur Konzilianz geneigten Volke, dem unter dieser scheinbar lockeren Form derselbe tiefe Instinkt für geistige und ästhetische Werte, wie sie ihnen selbst so wichtig waren, innewohnte.“
Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern, Erinnerungen eines Europäers“
Ein auffallend großer Anteil der kulturellen und intellektuellen Elite Wiens kommt aus dem Judentum. 1891 zieht Sigmund Freud zieht in die Berggasse 19, die berühmteste Adresse in der Geschichte der Psychologie, Theodor Herzl legt 1896 mit seiner Schrift „Der Judenstaat“ den Grundstein des Zionismus. In dem Jahr, in dem Gustav Mahler zum Operndirektor in Wien ernannt wird, verschärft sich der Antisemitismus in Wien unter Bürgermeister Karl Lueger. Die Wiener haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Operndirektor. der sich wegen dieser Vorbehalte taufen ließ.
Interview mit Gerald Stieg, Professor für deutsche und österreichische Kultur und Literatur an der Sorbonne, Paris.
Im Jahr 2004 gab es in Wien eine Ausstellung mit dem vielsagenden Titel „Wien – Stadt der Juden“. Nach Warschau war Wien Anfang des 20. Jahrhunderts die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde in Europa (11% der Bevölkerung waren jüdischer Herkunft). Wie kam es dazu? Wieso zog es so viele Juden nach Wien?
Die österreichisch-ungarische Monarchie war ein Vielvölkerstaat und hatte auf die jüdische Bevölkerung in den angrenzenden Ländern wie Russland, wo wenig Freiheit herrschte und es relativ oft zu Pogromen gekommen ist, eine natürliche Anziehungskraft. Zum anderen gab es innerhalb der Grenzen der österreichisch-ungarische Monarchie Gebiete, in denen eine starke jüdische Minorität angesiedelt war – z.B. in Galizien, in der Bukowina – und im Zuge der Emanzipation kam es zu einer systematischen Abwanderung in die Zentren: nach Prag, Budapest, Wien. Besonders auf junge Juden übten diese Städte eine große Anziehungskraft aus.

Mittwoch, 18. Mai 2011 um 22.05 Uhr
"Gustav Mahler - Autopsie eines Genies"
Dokumentation
Montag, 23. Mai 2011
um 22.30 Uhr
Mahler - In gemessenem Schritt
Sie trafen sich nur einmal, Sigmund Freud und Gustav Mahler, aber diese Begegnung im August 1910 prägte das private wie berufliche Leben des österreichischen Komponisten wesentlich.
um 23.30 Uhr
Big Alma
Alma Mahler-Werfel wurde durch ihre Beziehungen mit namhaften Künstlern und Ehen mit Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel zu einem Mythos

Wie sah es außerhalb dieser Metropolen in Österreich-Ungarn aus. Wurde dort die jüdische Minderheit unterdrückt?
Nein, Kaiser Franz Josef galt bei den Juden geradezu als eine Art Schutzengel. Das ist sehr schön bezeugt in den Romanen von Joseph Roth, Radetzkymarsch und Kapuzinergruft, eine Art Glorifizierung der Habsburger und ihrer Toleranz gegenüber den Juden. Es gab also offiziell in Österreich keine Diskriminierung der nationalen Minoritäten – ich sage bewusst „offiziell“ und das konnte recht weit gehen: Die Zensur im Theater hat verboten, dass Tschechen oder Juden oder Ungarn karikiert wurden auf Grund ihres sprachlichen Habitus. So waren Wien und Budapest, das übrigens im Volksmund „Judapest“ hieß, Orte der Toleranz und der damit verbundenen Emanzipation.
Kann man von DEN Wiener Juden sprechen? Welchen sozialen Schichten und ideologischen Strömungen gehörten sie an?
Es gab wie überall auch in Wien ein jüdisches Proletariat, von dem natürlich selten die Rede ist. Wenn man von Wiener Juden spricht, dann geht es um die kulturelle und ökonomische Oberschicht. Sie setzte sich aus vollkommen emanzipierten und radikal assimilierten Juden zusammen, die das Judentum ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Vorfahren völlig hinter sich gelassen hatten. Die Neuzuwanderer aus dem Osten verachteten sie als „Kaftanjuden“, die noch nicht zur europäischen Kultur aufgestiegen waren. Ein Punkt, der sehr wichtig ist im Selbstbewusstsein der Wiener Juden in einer Zeit, als es noch keinen mörderischen Antisemitismus gibt.
Ideologisch divergierte die jüdische Minderheit stark: es gab eine konsequente kulturelle Emanzipationswelle für die Assimilation an die deutsche Kultur und gleichzeitig die Geburt des Zionismus. Karl Kraus, der zu den großen Assimilanten gezählt hat, hat 1898 gegen Theodor Herzl, den Begründer des Zionismus, ein Pamphlet erscheinen lassen: „Eine Krone für Zion“, wo mit allen erdenklichen Argumenten, der Zionismus bekämpft wird, vor allem aber mit dem Hauptargument „Unsere Gegner, die Antisemiten, sagen ‚Hinaus mit Euch Juden aus Wien‘ und die Zionisten sagen ‚Hinaus mit uns Juden aus Wien‘. “
Zu der kulturell-ökonomischen Oberschicht gehörte z.B. der Vater von Ludwig Wittgenstein, Karl Wittgenstein. Er war der reichste Industrielle Österreichs - etwa mit Krupp zu vergleichen und ein Kulturmäzen ersten Ranges. In seinem Haus sind Brahms und Mahler ein und ausgegangen. Die Familie Hoffmannsthal gehört in die gleiche Kategorie der ökonomisch führenden Schichten. Juden waren auch sehr stark in der liberalen und später der sozialdemokratischen Presse vertreten. Außerdem waren 80% der Ärzte und Rechtsanwälte jüdischer Herkunft. Das trug dazu bei, dass sich eine bestimmte Form des Antisemitismus des Neides entwickelte.

Die Welt von gestern
Stefan Zweig ist ein ganz besonderer Fall in der Literatur der Wiener Moderne: kein Zyniker, kein Avantgardist, dafür weit gereist und Autor von Bestsellern.
Seine Autobiografie „Die Welt von gestern“, geschrieben wenige Monate vor seinem Selbstmord in Brasilien 1942, lässt mit grausamer Nostalgie ein verlorenes Paradies wieder auferstehen: das kaiserliche Wien, die Hauptstadt des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn.
Ein Porträt von Christine Lecerf

Natürlich, der Prof. Bernhardi ist ein Musterbeispiel für die Darstellung dieses Problems: der Neid gegenüber dem Erfolg der emanzipierten Juden in Wien auf allen Sektoren spielt eine enorme Rolle und ganz besonders auch im kulturellen Bereich. Österreich ist kulturell lange Zeit im Rückstand geblieben gegenüber Deutschland, vor allen Dingen im 19. Jahrhundert. In der Literatur, in der Philosophie, in der Wissenschaft dominiert das Deutsche Reich. Aber ab etwa 1900 kommt es zu einer Art radikaler Wende: Österreich, das kaum eine Literatur besessen hat, wird plötzlich ein Zentrum der deutschsprachigen und europäischen Literatur mit Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Peter Altenberg, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Franz Werfel, Hermann Broch, Joseph Roth usw. Es kommt zu einer kulturellen Blüte, die nicht ganz, aber doch sehr weitgehend von der assimilierten Schicht der Juden in Wien getragen wird.
Könnte man sogar sagen: Das Wiener Judentum erfand die Moderne?
Ja, und zwar nicht nur in der Literatur, das gleiche gilt für die Musik mit Mahler und Schönberg, Webern und Berg. Geburtsort der Moderne war Wien natürlich auch auf dem Gebiet der Psychoanalyse...
Was war das für eine Atmosphäre in dem Wien um 1900? In der Metropole der Minderheiten herrscht einerseits ein toleranter Geist und zugleich gibt es da diesen Antisemitismus des Neides, wie Sie ihn beschrieben haben..
In diesem Wien wird Hitler groß. Er wollte ja Maler werden, aber er fiel durch alle Aufnahmeprüfungen an der Akademie. Sein Hass gegen die universitären akademischen Institutionen, in denen die Juden nicht einmal federführend waren, war typisch für das Ressentiment des Zukurzgekommenen gegenüber den Erfolgreicheren und Klügeren. Und dann war da der Bürgermeister Karl Lueger, der als erster Politiker in Europa antisemitische Argumente offen und konsequent in seinem Wahlkampf einsetzte.
Gleichzeitig haben wir ein interessantes Beispiel für die Toleranz des Staates: Der Kaiser verweigerte Lueger zwei Jahre lang die Unterschrift für das Amt des Wiener Bürgermeisters wegen dessen antisemitischer Parolen. Und trotzdem erreichte Lueger sein Ziel. Von Hitler wurde er als der größte deutsche Bürgermeister aller Zeiten bezeichnet, weil er eben zum ersten Mal den politischen Antisemitismus konsequent als massenpolitisches Instrument einsetzte.
Damit ebnete er auch dem politischen Antisemitismus den Weg…
Natürlich, der politische Antisemitismus als Massenphänomen ist in Wien geboren und sein Schöpfer heißt Lueger, sein Schüler und Bewunderer Hitler.
Wie reagierten die jüdischen und nichtjüdischen Intellektuellen auf Lueger? Wie ernst nahmen sie seinen Antisemitismus?
Lueger wurde schon deshalb ernst genommen, weil er ungeheuer populär war – übrigens heißt noch heute ein Teil der Ringstraße Dr. Karl Lueger Ring. Lueger hat die Stadtverwaltung auf eine perfekte Art und Weise beherrscht. Er war auf seine Weise der Antipode der sozialdemokratischen Emanzipation: christlich, sozial, und äußerst erfolgreich. Noch heute funktionieren Dinge wie die Wiener Wasserversorgung großartig dank des perfekten Organisators Lueger. Als Person war er keineswegs ein Radaumacher. Von ihm stammt ja da apokryphe „Wer Jude ist, bestimme ich“.
Was war das für ein Antisemitismus der Christsozialen unter Bürgermeister Lueger? Welche Position vertrat die katholische Kirche?
Lueger war kein Rassenantisemit, er nennt sich einen ökonomischen Antisemiten und einen Bekämpfer der kulturellen Überlegenheit der jüdischen Intelligenz in Wien.
Ein wichtiger Punkt: man warf der emanzipierten jüdischen Schicht in Wien vor, die katholische Religion entmystifiziert zu haben. Freud wurde als Feind der Religion und besonders des Katholizismus wahrgenommen und viele Schriftsteller auch. Die absolute Feindseligkeit der katholischen Kirche gegenüber der von Wiener Juden geprägten Sozialdemokratie und gegen die Psychoanalyse hängt auch damit zusammen, dass die Rolle der Frau und Sexualität diskutierbar geworden waren, bis dahin völlige Tabus.
Thematisieren die Schriftsteller des Fin de Siècle ihre jüdische Herkunft und Antisemitismus?
Kaum! Am ehesten Karl Kraus, der Antizionist radikalster Natur und Kritiker des jüdischen Liberalismus, strenger Richter seiner Kollegen. Gleichzeitig sah er sich als Hüter der deutschen und europäischen klassischen Tradition, von Rückkehr zum jüdischen Glauben oder jüdischer Tradition ist da nichts zu spüren.
Für Schnitzler spielte die Judenfeindlichkeit eine Rolle, weil er ja selber sehr oft Opfer des kulturellen und politischen Antisemitismus wurde: um ihn gibt es immer wieder Skandale, der berühmteste war der Skandal um den „Reigen“, ein Stück das sexuelle Tabus bricht.
Sein Roman „Der Weg ins Freie“ spielt mit großer Intelligenz und großer Feinheit alle möglichen Existenzformen, die ein Jude in Wien in dieser Gesellschaft haben konnte, durch. Das Buch atmet für mich ein bisschen das kommende Unbehagen: Das Wiener Judentum ist auf dem Wege zu einer vollkommenen Emanzipation und nach Möglichkeit Assimilation, aber die Assimilation hat zwei Partner – derjenige, der sich assimilieren will und derjenige, der die Assimilation akzeptiert oder nicht. Ich glaube, was sich in Wien um 1900 abzuspielen beginnt ist, dass der Prozess der Assimilation irgendwo an Grenzen stößt. Und eine dieser Grenzen ist natürlich der Antisemitismus. Das hat Schnitzler in „Der Weg zur Freiheit“ nicht direkt ausgesprochen, aber er hat ein Gefühl der Vorahnung.
Das Interview führte Angelika Schindler, Mai 2011






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