- Synopsis
Der 60-jährige Jacobo Köller lebt seit dem Tod seiner Mutter, die er in den letzten Jahren gepflegt hat, allein in seinem Appartement in Montevideo. Jeden Tag geht er um die gleiche Zeit in seine kleine, völlig veraltete Sockenfabrik, wo die altgediente Vorarbeiterin Marta schon auf ihn wartet. Als sein Bruder Herman, den er schon viele Jahre nicht mehr gesehen hat, zur Grabsteinlegung nach Montevideo kommt, beschließt der verstockte und vereinsamte Jacobo, ihm Marta als seine Ehefrau vorzustellen. Die treu ergebene und zuverlässige Marta ist bereit, dabei mitzuspielen, zum ersten Mal sieht man sie sogar lächeln. Herman, der in Brasilien eine moderne, gut gehende Strumpffabrik leitet, hat wegen der Mutter seinem Bruder gegenüber ein schlechtes Gewissen, er lädt die beiden übers Wochenende zu einem Ausflug ans Meer ein, dorthin wo die Brüder als Kinder oft die Ferien verbrachten. Ganz langsam verändern sich dabei auch die Beziehungen zwischen Jacobo, Herman und Marta.- Der Kommentar zum Film
Ein kleiner Film aus Uruguay, der zweite Spielfilm der beiden Regisseure aus Montevideo (nach 25 Watts), und eine langsam und leise erzählte Geschichte, wie man sie vom lateinamerikanischen Kino nicht erwartet. Aber anders als in Brasilien ist der Winter in Montevideo kalt und trüb, aus dem Radio kommen keine Samba-Rhythmen, und Jacobo und Marta erwarten eigentlich nicht mehr viel vom Leben. Obwohl man zunächst wenig Interesse oder Anteilnahme für den schweigsamen, immer schlecht gelaunten Jacobo und die stille und unterwürfige Marta mitbringt, entwickelt der Film seine vom Leben nicht gerade verwöhnten Figuren mit so viel Einfühlungsvermögen und Glaubwürdigkeit, dass man sich doch für sie interessiert und jede kleine Veränderung mit Spannung erwartet.Sie sind nicht arm und nicht reich, nicht schön und nicht jung, und die Arbeit in der Sockenfabrik ist ebenso trist, wie der winterliche Urlaubsort mit Spielautomaten und fast leeren Restaurants. Aber man versteht nach und nach, warum Jacobo sich nicht mehr öffnen kann, warum er keine Beziehung zu seinem Bruder findet, warum Marta ihre Bedürfnisse nicht artikulieren kann, und warum Herman nicht fähig ist, seinem älteren Bruder zu helfen, auch nicht mit Geld. Besonders die schauspielerische Leistung von Andrés Pazos als Jacobo trägt den Film, aber es ist auch insgesamt eine traurig-schöne, stimmig erzählte Geschichte von drei Menschen, die einem noch lange im Gedächtnis bleiben. Der Film heißt übrigens Whisky weil alle drei sich auf ihrem Ausflug einmal fotografieren lassen, und gleichzeitig ein lang gezogenes Whisky rufen, um wenigstens für einen Moment einen fröhlichen Gesichtsausdruck zu bekommen.
Thomas Neuhauser
- Das Bonusmaterial
Whisky sei ein Film im Geiste von Aki Kaurismäki, die uruguayischen Regisseure Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll könnten in ihrer Fähigkeit, durch Schweigen und Miniaturbeobachtungen einen ebenso trockenen wie melancholischen Humor zu kreieren, als südamerikanische Finnen durchgehen. So urteilte die begeisterte Presse 2004 über die in der ganzen Welt vielfach ausgezeichnete Komödie über einen Sockenfabrikanten, der einen langjährige loyale Mitarbeiterin bittet, sich anlässlich eines Besuchs seines emigrierten Bruders als seine Frau auszugeben. In der Tat ist „Whisky“ in seiner leisen, konzentrierten Art, Menschen und ihre verschütteten Emotionen zu beobachten, ein eher untypischer südamerikanischer Film. Und die beiden Regisseure erweisen im Abspann ihrem finnischen Idol ihre Ehrerbietung.
Dass sie in Uruguay überhaupt einen Film realisieren konnten, verdanken die Regisseure, wie sie in dem sehr sympathischen Interview erklären, ausländischem Kapital. Seit der Jahrtausendwende ist Uruguay nun kein weißer Fleck mehr in der Kinolandschaft. Eine Hand voll Besessener hat es geschafft, mit bescheidenen Mitteln kleine, ungewöhnliche Geschichten auf die Beine zu stellen, die eine eigene, eher langsame und melacholische Handschrift tragen. Im Gespräch erzählen die beiden jungen Regisseure, die in Uruguay nur durch Werbung und Fernsehen überleben können, wie anders das Filmemachen in Montevideo ist. Theaterschauspieler, die noch nie in ihrem Leben vor der Kamera standen, mussten lernen, ihre Theatersprache und –mimik abzulegen, ein Produktionsleiter musste lernen, dass es keine gute Idee war, das klapprige Auto der Hauptfigur Jacobo nicht vor Drehschluss zu verkaufen. Die Mühen haben sich jedenfalls gelohnt – so erhielt „Whisky“ neben vielen anderen Auszeichnungen unter anderem den Preis der Internationalen Filmkritik in Cannes. Martin Rosefeldt

WhiskyEin Film von Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll
Uruguay 2004, 35 mm, Farbe, 94 Min., 1:1.85, Dolby Digital, dt. Fassung
Schnitt: Fernando Epstein
Kamera: Barbara Alvarez
Drehbuch: Pablo Stoll, Juan Pablo
Art Director: Gonzalo Delgado Galiana
Ton: Catriel Vildosola, Daniel Yafalian
Herstellungsleitung: Diego Fernandez
Original Musik vom Pequena Orquesta Reincidentes
Mit:
Jacobo Köller - Andrés Pazos
Marta Acuña - Mirella Pascual
Herman Köller - Jorge Bolani
Junges Paar - Ana Katz und Daniel Hendler
Technische AngabenSprachen: Deutsch, Spanisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras: Interview mit den Regisseuren, Texte über die Regisseure und die Produktion, Fotogalerie, Trailer






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