Auf der Buchmesse in Leipzig…feiern wir unseren
Dritten Geburtstag und stellen die
Zehn besten Krimis des Jahres 2007 vor. Treffpunkt ist der Stand von ARTE, am Donnerstag, den
13. März um 14.00 Uhr. Lore Kleinert wird mit zwei
Überraschungsgästen sprechen: einem deutschen und einem extra aus dem Ausland eingeflogenen Autor, deren Titel zu den besten Krimis des vergangenen Jahres gehören.
Heute schon feiern wir…Martin Cruz Smith als echten Star: Bisher hat es noch kein Kriminalroman geschafft, drei Mal in Folge auf
Platz Eins der KrimiWelt-Bestenliste zu stehen. Cruz Smith ist es mit „
Stalins Geist“ erstmals gelungen! Lesen Sie mehr über „Stalins Geist“ in den
Zurufen der Jury oder lesen Sie dieses ebenso raffiniert komponierte wie exakt zur politischen Situation passende Meisterwerk gleich selbst!
Im März sind die ersten Frühjahrsneuheiten da… und begeistern. Gleich ganz vorne zwei alte Bekannte mit neuen, mitreißenden, nachdenklich machenden Büchern.
Aus Frankreich…wo schon immer der eine oder andere heimatverdrossene US-Amerikaner sein Herz verloren hat, kommt
Robert Littells „
Die Söhne Abrahams“ (original: „Vicious Circle“ 2006). Ein Buch, das durch durch intellektuelle Raffinesse begeistert. Es ist spannender Politthriller und philosophischer Disput in einem. Es ist eine große Liebeserklärung an die alte, heilige, zerrissene Stadt Jerusalem und hinter allen tough ausgetüftelten Spannungsmomenten und theologischen Gedankenspielen eine große Wehklage darüber, dass Juden und Palästinenser auf diesem schmalen Handtuch Erde, sei es Judäa oder Palästina genannt, nicht friedlich miteinander leben können. Wie Religion aus einem von Gott versprochenen Paradies einen verfluchten Ort Generationen überdauernden Hasses machen kann, liest man bei Littell Vater in seltener Klarheit und Unverbohrtheit. (
Platz 2)
Aus Australien, und zwar der finstersten Ecke…dringen seit einem Jahr die Kriminalromane
Peter Temples herüber. Wenn Schwarz eine Farbe wäre und aus der Lichtlosigkeit Klarheit käme, dann könnte man Temples Romane Aufklärung nennen. Sie sind so noir und schrecklich kalt. Temples Protagonisten sind müde Krieger, welterfahren und abgekämpft. Erinnern wir uns an Jack Irish („
Vergessene Schuld“ KrimiWelt Februar 08): ein über die USA eingewanderter Jude, dessen Name einst „Reich“ lautete. Michael Orlovsky, der Techniker und Computermann, ist polnisch-ungarischer Abstammung und Frank Calder war Soldat in Afghanistan und Polizist, bevor er jetzt als „Mediator“ auftritt. (Wer denkt bei dieser Berufsbezeichnung nicht an Philipp St. Ives, den „Mittelsmann“ des unvergessenen
Ross Thomas?) Zu vermitteln gibt es allerdings in „
Shooting Star“ (original 1999) für Calder nichts. Anne Carson, die Enkelin der „Kennedys Australiens“ ist entführt worden, und als Calder das Lösegeld überbringt, wollen die Entführer es nicht haben: 200.000 Dollar fliegen in ein Footballstadion. Alles Wissen über das, was beim Aufstieg des Carsons geschehen ist, nützt Calder nichts, Kenntnis über vergangene Verbrechen führt in Sackgassen, von Aufklärung kann erst recht keine Rede sein. Wie beiläufig wirft Temple dem Leser in ein paar Nebensätzen am Ende eine Art Auflösung hin, alles Wichtige war davor gesagt worden und gerinnt in einem Befehl der Wiederkehr: zurück nach Afghanistan. Temple ist ein Meister. Sein Australien ist nicht der Kontinent der Zuwanderer, der Sonne, des Ursprungs, es ist alt und verdorben. In den Lücken zwischen seinen lakonischen Sätzen entsteht Zugluft, unbarmherzig klamm. (
Platz 3)
Aus Schweden…genauer, aus dem biederen Göteborg, kommt „
Rotes Meer“ von
Åke Edwardson (original: „Vänaste Land“ 2006) auf
Platz 7. In einem von Immigranten betriebenen Laden sind drei junge Männer getötet worden. Das Gesicht wurde ihnen weggeschossen, aber auch die anderen Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten, mit denen Kommissar Erik Winter zu tun hat, agieren, als hätten sie kein Gesicht. Sie reden nicht, und er versteht sie nicht. Leider holt Edwardson nicht alles heraus, was aus dieser Konstellation herauszuholen wäre: die Polizei unter Immigranten fremd im eigenen Land. Trotzdem: Gespenstisch, eindringlich, bedenkenswert.
Aus Marseille…kommt ein Autor, dem man die Anstrengung anmerkt, die es ihn kostet, wie der berühmte Autor aus Marseille zu klingen. Doch die Geschichte, die
Xavier-Marie Bonnot erzählt, ist kein Izzo-Stoff. Bonnots „
Der große Jäger“ (original: „La Première Empreinte“ 2002) geht direkt zurück in die Steinzeit, wo – das zeigen die Felszeichnungen der Le Guen-Höhle – erstmals Menschenopfer gebracht wurden, um die Jagd erfolgreich zu machen (
Platz 8). Jetzt werden wieder Menschen geopfert und zerstückelt, junge Frauen, doch wofür? Inspektor Michel de Palma, der „Baron“, rätselt, flucht und forscht im Dunkeln. In der Steinzeit-Höhle unter dem Meeresspiegel stellt er den Großen Jäger.
Aus der Schweiz…kommt ein ganz merkwürdiges Romangebilde. Als schlauer Schweizer verlegt
Linus Reichlin das Geschehen an einen anderen Handelsplatz. Das belgische Brügge und ein Kommissar, der fünf Tage vor seiner Pensionierung steht, sind die Ausgangskoordinaten einer Reise, die auf dem Globus nach Arizona und Mexiko und geistig an den Rand der Wahrscheinlichkeit führt. „Jeder Kriminalroman ist eine Queste“ - also der Bericht einer großen Suche mit Abenteuer und Hindernis - hat Gisbert Haefs mal sinngemäß gesagt, und Reichlin folgt dieser Ansage auf wundersame Weise. „
Die Sehnsucht der Atome“ erforscht das, was jeder gute Roman gerne möchte, die Grenzen des Denkens und der Welt. Dass der Kommissar und seine blinde dominante Gefährtin dabei nicht die Grenzen des Spannungsromans ins Übersinnliche verlassen – trotz allerhand erkenntnistheoretischer Erörterungen zur Quantenphysik, ist die tollste Volte dieses höchst überraschenden Debüts. (
Platz 9)
Um die ganze Welt…geht es
Jean Christophe Rufin in seinem Schmöker „
100 Stunden“ (original: „Le Parfum d’Adam“ 2007). So wenig Zeit verbleibt den einsamen Kämpfern eines privaten US-Geheimdienstes nämlich, um die Welt vor der Cholera zu retten. Das ist natürlich noch nicht klar, als die ziemlich hysterische Lehrerin Juliette ein Labor in Wrocław knackt und Versuchstiere befreit. Doch nach und nach wird deutlich, dass es eine Gruppe von Ökoterroristen gibt, die lieber die Menschheit dezimieren will als den Planeten untergehen zu lassen. Das Aufrüttelndste (doch: manchmal sind solche Superlative zwingend!) an diesem Roman ist das Nachwort, in dem der Arzt, Diplomat und Goncourt-Preisträger Rufin seine Quellen benennt und kommentiert. Es scheint, als habe er die Realität nur sehr wenig übertrieben. (
Platz 10)