ist es eine gewisse spätsommerliche Lethargie, die uns nach 6 neuen Titeln im August dieses mal nur noch 5 Newcomer eingebracht hat? Die Jury badet, döst… und ändert sich.
Die am längsten wirkende Neuigkeit betrifft nämlichdie Jury selbst. Ingeborg Sperl, seit Jahren Krimispezialistin des angesehenen Wiener Standard, tritt an die Stelle von Franz Schuh.
Wiedersehen feiern
wir mit alten Bekannten. „Die Frau mit dem roten Herzen“ von Qiu Xiaolong (Aussprache: Tiou Siaolong) stand auf Platz 7 der KrimiWelt vom April. Sein dritter Roman um den dichtenden Oberinspektor Cheng dreht sich wie immer um die ungelösten Wohnungsprobleme in Shanghai, die bestimmt auch für einen vierten und fünften Roman herhalten könnten. In „Schwarz auf Rot“ hat Chengs Adlatus Yu den Mord an einer ziemlich unbeliebten Frau aufzuklären. Sie war allgemein als Dissidentin verschrien, weil sie sich von einem Dichter nicht distanzieren wollte, der ein epochemachendes Romanmanuskript hinterlassen haben soll. Dieser „Dr. Schiwago“ der Mao-Ära weckt eine Menge literarischer und außerliterarischer Gier, die letztlich auch Cheng auf den Plan ruft.
Leonarado Paduras „Labyrinth der Masken“ zierte die KrimiWelt im April und im Mai. Mit „Das Meer der Illusionen“, im September gleich auf dem dritten Platz, ist nun das Havanna-Quartett um den zuguterletzt noch zum Teniente beförderten Mario Conde abgeschlossen. Zum Leidwesen seiner Leser. Alles läuft auf den großen, zerstörenden und reinigenden Hurrikan Felix zu, der sich zu Beginn noch weit draußen auf dem Meer zusammenzieht, um gegen Ende über El Conde, seine „verborgene Generation“ und Köter „Basura“ (Müll) herzufallen.
Neue Farben
in die KrimiWelt bringen ein Niederländer und ein Franzose.
Mit Jac. Toes (gesprochen: „Tuss“) betritt erstmals ein Autor aus den kriminalliterarisch höchst regen Niederlanden die Besten-Bühne. „Der freie Mann“ spielt geschickt mit den Schwächen eines Mannes, die nicht, wie im Klischee, auf seiner physischen Stärke beruhen, sondern aus seiner Sehnsucht resultieren, leidenschaftlich zu handeln, ohne es wirklich zu können. Vom Tango ersehnt er sich die Verschmelzung von Körper, Seele und Geist – spätestens in Argentinien muss er erfahren, dass er es auch darin nicht zur Meisterschaft bringen wird. Harold Daver, so heißt er, ist eben Physiotherapeut und nicht Tanguero.
Der Franzose John La Galite hat Biochemie studiert, doch in „Zacharias“ spielt eher eine Art von Parapsychologie eine Rolle. Der kleine, an Diabetes erkrankte Zacharias versteht es, sich durch intensive Beobachtung in den Wohnungsnachbarn Jakob zu versetzen, den er, nachdem er durch einen Unfall zum Krüppel geworden ist, geradezu besetzt. Zugleich geht es um eine Reihe von Prostituiertenmorden, die den kleinen Zacharias, ähnlich wie seinerzeit den jungen David Peace, verunsichern. Bis zum Schluß voller überraschender Wendungen.
Tobias Gohlis über das Votum für den September
- Mehr zur neuen Bestenliste finden Sie in der Rubrik "Zurufe der Jury"
- Diesen Fall klären wir vielleicht auch noch: Lesen Sie hier ein Interview mit Tobias Gohlis in DIE WELT über die neue Bestenliste







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