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Stolz und Vorurteil

Der Literaturklassiker "Stolz und Vorurteil", 1813 erstmalig veröffentlicht, ist der bekannteste Roman der britischen Schriftstellerin, mit dem sie schon zu Lebzeiten großen Erfolg hatte. Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Elizabeth Bennet (Jennifer Ehle) und des stolzen Fitzwilliam Darcy (Colin Firth), die erst durch die Überwindung eigener Eitelkeiten und Vorbehalte zueinander finden.

> Wer hat Angst vor Jane Austen ?

Stolz und Vorurteil

Der Literaturklassiker "Stolz und Vorurteil", 1813 erstmalig veröffentlicht, ist der bekannteste Roman der britischen Schriftstellerin, mit dem sie schon zu (...)

Stolz und Vorurteil

02/07/12

Wer hat Angst vor Jane Austen – eine Feministin ?

Für manche ist Jane Austen (1775-1817) lediglich eine Autorin von „Romanen des häuslichen Lebens“; für andere bietet sie einen ihrer Zeit vorauseilenden gesellschaftskritischen Ansatz aus feministischer Sicht. Heute ist die altehrwürdige Schriftstellerin als Klassikerin der englischen Literatur anerkannt, die tausendfach verlegt und mehrmals verfilmt wurde. Das verdankt sie zweifellos nicht nur ihren romantischen Liebesgeschichten.

Beschreibungen des Alltagslebens

Der Jubel, in den die Schwestern ausbrechen, als ihnen die Ankunft des jungen Mister Darcy angekündigt wird; die wilden Tänze auf dem Ball der Nachbarn … Ein Vergleich von Jane Austens Werken mit anderen populären Romanen wie Little Women (1868-69) der US-amerikanischen Kinder- und Jugendbuchautorin Louisa May Alcott oder mit „Bahnhofsliteratur“ von heute im Stile eines Marc Levy würde der Autorin sicher nicht gerecht.

Wie Bruegel und Veermer in der Malerei beschreibt sie das, was sie am besten kennt: das Alltagsleben des niederen englischen Landadels, der „Gentry“. Unübertrefflich kunstvoll schildert sie die Beziehungen zwischen Schwestern, Freunden und zukünftigen Liebhabern und macht ihre Texte mit detailgenauen Beschreibungen von tausend Kleinigkeiten wunderbar lebendig – ähnlich wie Julie Andrews, wenn sie ein Zuckerstück besingt.

In all ihren Werken zeichnet Jane Austen mit sichtlichem Vergnügen das Idealbild der perfekten jungen Frau der Gentry im Georgianischen England (1714 – 1830): Sie darf nicht über ihre Verhältnisse leben („not to live beyond one's income“), muss die Untergebenen freundlich behandeln und ein ehrbares Verhalten an den Tag legen.

Nur eine vollendete Frau kann einen Ehemann finden. Worin diese Vollendung (accomplishments) besteht, wird übrigens in einer Kultszene von Stolz und Vorurteil (1813) beschrieben: Die junge Dame muss Musik, Gesang, Zeichenkunst, Tanz und Fremdsprachen (in der Rangfolge Französisch, Deutsch, Italienisch) beherrschen sowie Mister Darcy zufolge „die Kultur des Geistes durch die Lektüre“ pflegen.

Mit solchen Details hebt Jane Austen einen wichtigen Unterschied hervor: Ihre Heldinnen (Emma, Elizabeth Bennett, Marianne Dashwood) sind stets lebendig, ironisch und geistreich („wit girl“). Gegenüber dem Leichtsinn oder der romantischen Passivität ihrer Schwestern zeichnen sie sich durch Leselust und eine Schlagfertigkeit aus, mit der sie zwar unvermeidlich ihre Freier erzürnen, at the end aber trotzdem im siebten Himmel landen.

Nachdem man das Werk der good quiet Aunt Jane lange Zeit als Idealisierung von Familie und gesellschaftlicher Elite aufgefasst hatte, schätzte man die Autorin später vor allem für die Ironie, mit der sie ihre Texte durchzog und die sie der unverhüllten Gesellschaftskritik vorzog.

 

„In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss ….“

Der berühmte erste Satz aus Stolz und Vorurteil spiegelt die ehe zurückhaltende als wirklich umstürzlerische Sozialkritik der Austen-Romane sehr gut wider - eine Kritik, die auch darauf schließen lässt, wie hart das Leben der Autorin selbst war. In den meisten ihrer Romane (insbesondere am Anfang von Verstand und Gefühl, 1811) wird das (erst 1925 aufgehobene) englische Erbfolgegesetz (das so genannte Entail-Gesetz) beschrieben und kritisiert. Es besagte, dass ererbter Grundbesitz weder geteilt noch veräußert werden durfte und nach genauen Kriterien der Erbordnung ausschließlich an einen männlichen Erben (meistens den erstgeborenen Sohn, aber auch einen Neffen oder entfernten Verwandten) als Nutzeigentümer ging. In Stolz und Vorurteil und in Überredung (1814, dt. auch Anne Elliot oder Verführung) müssen die weiblichen Hauptfiguren den Preis für dieses frauenfeindliche Gesetz zahlen. Nach dem Tod des Familienvaters verlieren sie all ihre Rechte und bewohnen ein Gut, das ihnen nicht mehr gehört, obwohl sie immer dort gelebt haben.

Kein Wunder also, dass Mrs Bennet aus Stolz und Vorurteil ihre Töchter um jeden Preis unter die Haube bringen möchte und ihr deren Gefühle dabei herzlich egal sind. Überhaupt geht es Jane Austen in all ihren Romanen nicht nur um Probleme von Liebe und gesellschaftlicher Stellung, sondern um konkrete Fragen des Geldes und der finanziellen Unabhängigkeit. Armut (Verstand und Gefühl) und Wohlstand (Emma, 1815) der Heldinnen werden stets thematisiert. Jeder Ehekandidat und jede Familie wird nach dem Vermögen oder den Einkünften beurteilt. Am Anfang von Stolz und Vorurteil, als die Bennet-Schwestern Mister Darcy zum ersten Mal sehen, kommentieren sie nicht sein stattliches Aussehen, sondern sein Vermögen: „10 000 Pfund“, flüstern sie, als er vorbeikommt. Genug, um über ein Gespann, Personal, ein Haus in der Hauptstadt und „die Hälfte von Devonshire“ zu verfügen.

Hier erscheint Austens Werk paradox: Auf der einen Seite verherrlicht sie die Liebesheirat, auf der anderen erkennt sie das Geld als allgegenwärtige Größe an, über die ihre Protagonisten viel sprechen.

Jane Austen – eine Aktivistin?

Mit ihren kritischen Beschreibungen der frauenfeindlichen Zustände ihrer Zeit stand Jane Austen in dem Ruf, die erste feministische (und sogar lesbische) Schriftstellerin der Moderne zu sein. Bei einer derart anachronistischen Interpretation ihres Werkes ist jedoch Vorsicht geboten: Der Begriff „Feminismus“ tauchte erst 1851 im Oxford English Dictionnary auf!

Ob feministisch oder nicht - Austens Frauengestalten sind zweifellos starke, leidenschaftliche und kompromisslose Charaktere, die den nachfolgenden Generationen englischer Mädchen als Vorbilder dienen sollten. So lehnt die junge Elizabeth Bennett kategorisch die geplante Geldheirat ab, die ihre ganze Familie aus der Notlage befreien würde, und folgt unbeirrt den Neigungen ihres Herzens.

Während Austens Werk heute gern herabgesetzt und auf seine Kostümverfilmungen reduziert wird, genoss die talentierte Schriftstellerin mit dem feinen Stil in Intellektuellenkreisen des frühen 20. Jahrhunderts durchaus hohe Anerkennung. So war die feministische Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941) von Austen geradezu fasziniert und setzte sich in Romanen (Nacht und Tag, 1919, u.a.) und Essays (Der gewöhnliche Leser, 1925, Kapitel 12 „Jane Austen“; Ein eigenes Zimmer, 1929) intensiv mit deren Werk auseinander. Besonders schätzte sie, dass Austen anders als andere Schriftstellerinnen „nicht versucht(e), wie ein Mann zu schreiben“ (Aussage von Richard Dalloway in Virginia Woolfs Debütroman Die Fahrt hinaus, 1915: „She is incomparably the greatest female writer we possess. She is the greatest and for this reason: she does not attempt to write like a man. Every other woman does; on that account, I don't read 'em.")

 

 

„In der Freundschaft betrogen und in der Liebe verraten“

Der Titel „Pride and Prejudice“ (Stolz und Vorurteil) enthält nicht nur eine schöne Alliteration, sondern bezeichnet auch treffend die Sicht der Autorin auf ihre soziale Klasse: Sie betrachtet die Gentry nämlich keineswegs als „gentle“ (liebenswürdig), sondern als fortschrittsfeindlich, verbittert und heuchlerisch.

 

Jane Austens Romane und deren Verfilmungen gelten natürlich weiterhin als „romantische Komödien“, die stets mit einer Liebesheirat enden. Die Lage der Autorin im letzten Teil ihres Lebens war jedoch sehr viel unromantischer: Anders als ihre Romanheldinnen Marianne und Elinor (Verstand und Gefühl) heirateten weder sie noch ihre Schwester nach dem Tod ihres Vaters einen reichen Gentlemen. Sie blieben „alte Jungfern“ und wurden von ihrer Umwelt entsprechend behandelt. Aufgrund der völligen Abhängigkeit von der finanziellen Hilfe ihrer Brüder war ihr gesellschaftliches Leben äußerst eingeschränkt.

 

Jane Austens Romane bieten eine minutiöse, manchmal kritische Schilderung des Alltagslebens der Gentry. In die Liebesgeschichten allerdings hat die Autorin Wünsche und Sehnsüchte hineinphantasiert, die in ihrem eigenen Leben unerfüllt blieben.

 

Oriane Hurard

Erstellt: 05-06-12
Letzte Änderung: 02-07-12