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25/05/04

Wein hat Konjunktur

Von Christian Wenger


Wieviel ist den Weintrinkern eine durchschnittliche Flasche wert? – 5 Euro,10 oder gar 15? Alles falsch. Wer die Flaschenpreise im Supermarktregal, in Weinpreislisten oder in Gourmet- und Weinzeitschriften verfolgt und kennt, wird nie auf die richtige Antwort kommen: 2,38 Euro ließen sich die Franzosen eine Flasche Weißwein kosten, 2,70 die Deutschen und 4,47 Euro die Schweizer. Diese Zahlen ermittelte eine große Studie, die 2003 im Auftrag der Vinexpo Bordeaux durchgeführt wurde.

Auch wenn viele Weinexperten bezweifeln, dass es für diesen Betrag überhaupt möglich ist, Wein zu produzieren, drängt sich auch dem Normalkonsumenten nach Berücksichtigung von Abfüll- und Transportkosten, Zöllen, Mehrwertsteuer und den Gewinnenspannen von Importeuren und Händlern und deren Marketingaufwendungen die Frage auf, welche Wahrheit sich denn letztlich im Glas befindet?

Dass Aldi den Weinmarkt in Deutschland inzwischen mit über 23 % dominiert und auch in Frankreich Discounter und Supermärkte den Weinmarkt mit rund 75 % kontrollieren, ist eine Sache – dass in der Logistik dieser Verkaufsorganisationen nur Weine eine Chance haben, die in entsprechenden Stückzahlen zur Verfügung stehen, die andere. Und obwohl die Zahl der verkauften 0,75-Liter-Flaschen in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat, werden von den rund 20 Millionen Hektolitern (Deutschland) bzw. 34 Millionen Hektolitern (Frankreich) mehr als 50 % in großen Flaschen, Bags, in Kartonboxen und Tetrapak-ähnlichen Gebinden verkauft. Der Trend zu den Großverteilern hält ungebrochen an, und die 10 % aller Weintrinker, die auch an Weinen mit einem Literpreis von mehr als 10 Euro interessiert sind (von den Marketing-Fachleuten als wachstumsfähiges Hochpreis-Segment bezeichnet), finden diese Weine fast nur bei Fachhändlern und Spezialversendern.

Dabei wächst in Deutschland, Frankreich und Italien der Weinmarkt seit über 10 Jahren kontinuierlich. Sogar in Deutschland, wo 1995 das Bier mit einem Marktanteil beim Getränkekonsum pro Haushalt mit über 36 % dominierte, zog der Weinverbrauch von damals 23 % auf über 33 % an und hat das Bier, das sich auf einen Anteil von noch 30 % zurückentwickelt hat, inzwischen klar überrundet – allerdings ohne dass sich dabei die Literpreise bedeutsam verändert hätten.

Auch Schaumweine und Spirituosen haben Marktanteile eingebüßt – zugunsten von Wein und Mineralwasser. Mit einem jährlichen Konsum von 24 Litern Wein und Schaumwein sind die Trinkgewohnheiten der Deutschen nicht mit denen der südlichen Nachbarn vergleichbar: 57 Liter gegorene Traubenprodukte trinkt der Franzose, 55 der Italiener und 41 der Schweizer. Unabhängig der größeren Wertschätzung von Wein, aber vielleicht wegen des deutlich höheren Konsums trinken weder Franzosen noch Italiener teureren und damit wohl besseren Wein. Die Preise pro durchschnittlich konsumiertem Liter liegen vergleichbar mit den deutschen Werten. Und wie bei den Nachbarn traditionell, ist auch in Deutschland Rotwein angesagt und macht mittlerweile 70 % des Marktes aus, Weißwein ist rückläufig und hat sich innerhalb von 10 Jahren von 30 % auf knapp 20 % verringert, der Rest war und blieb Rosé mit rund 8 %. Verloren haben in den letzten Jahren die Weine aus Frankreich und Deutschland, knapp halten konnte sich Italien, zugelegt haben Spanien und die Weine aus der „Neuen Welt“ – so bezeichnet die Weinterminologie relativ junge Weinlieferanten wie Chile, Südafrika, Australien und einige weitere Länder.

Wein hat derzeit Konjunktur. Die erwähnte Studie der Vinexpo kommt auch zum Ergebnis, dass die Weintrinker dieser Welt im Jahr 2006 rund sechs Prozent mehr als noch 2001 konsumieren werden: nämlich 219 Millionen Hektoliter. Dieser Trink-Prognose stehen die Hochrechnungen für die Produktion gegenüber. Fachleute gehen davon aus, dass in fünf Jahren jährlich über 300 Millionen Hektoliter produziert werden. Dabei soll der weitaus größte Teil dieser Mengen aus der Neuen Welt kommen, während die Produktion in Europa insgesamt stagnieren oder aufgrund von EU Beschränkungen sogar abnehmen wird.

Dafür wird in den Produktionsländern der Neuen Welt eine beispiellose Anbauschlacht geschlagen. Chile: plus 32 Prozent; Südafrika: plus 30 Prozent (davon 400 Hektar auf einer einzigen neuen großen Plantage); Neuseeland: plus 25 Prozent und sogar China, dessen Weine Europa noch nicht erreicht haben, das aber an der Welt-Rebfläche 2,5 % Anteil hat (bisher fast nur für Tafeltrauben genutzt), soll um 15 Prozent zulegen. In Australien, zwischen Perth und Adelaide, will eine der neuen Weinfabriken, Nundroo Winery Trust mit Sitz in Lichtenstein, eine neue Produktionszone aus dem Boden stampfen, die 20.000 Hektar umfassen soll. Das entspricht einem Fünftel der heutigen deutschen Weinanbaufläche oder einem Drittel der gesamten Wein-Toskana. Ziel der auf 30 Jahre angelegten Strategie: Australien soll der weltweit wichtigste und profitabelste Lieferant von Markenwein werden.

Unschwer vorauszusagen, dass Übermengen in der Größenordnung des halben erwarteten Gesamtkonsums den Weltweinmarkt in eine Weinschwemme, in ein önologisches Notstandsgebiet verwandeln werden. Kleine und kleinste Produktionen von jährlich einigen tausend Flaschen, wie etwa aus der Schweiz und Österreich, werden weder im Kampf um die Regalplätze noch im konkurrenzfähigen Preis eine Chance haben gegen diese ausschließlich maschinell eingebrachten, fabrikmäßig erzeugten Konsumweine, die mit hochprofessionellem Marketing in die Regale gepusht und unter die Leute gebracht werden.

Weil der größere Teil dieser Weine mehrheitlich von den Spezialisten in Labor und Keller erzeugt wird und weniger durch Terroir-typische Traubensorten in adäquaten Lagen, lassen sich diese Weine zudem schnell und präzise auf den jeweiligen internationalen Geschmack oder Trend einstellen, der gerade im unteren und mittleren Preissegment en vogue ist. Zum Beispiel auf geschmackstypische Eigenschaften der Traubensorte, oder auf fruchtig, leicht harmonisch-rund, süffig und ohne auffällige Säure und Tannine.

Der Autor Christian Wenger schreibt über Wein für die Financial Times Deutschland und degustiert für Weingourmet und Feinschmecker.

Erstellt: 13-05-04
Letzte Änderung: 25-05-04