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09/07/07

Kleine "Praktikanten-Typologie"

Ihre Wochenenden verbringen sie mit Bewerbungsanschreiben und der Frage "Wie mache ich mich heute unentbehrlich?". Sie sind dankbar für jede unbezahlte Arbeitsstelle, schließlich "sammeln" sie für den Lebenslauf. Sie stehen ständig unter Strom und leben aus dem Koffer, ihr soziales Netz ist weit, aber instabil.

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Ihr gesamtes Leben dreht sich um das nächste Praktikum, den nächsten befristeten Job. Die "Generation Praktikum" wird sich in Nikola Richters "Lebenspraktikanten" wieder finden. Außenstehende sollten sie kennen lernen, denn sie sind Spiegelbild einer Gesellschaft, in der es kaum noch Garantien oder langfristiges Planen gibt. Willkommen in der "Generation flexibel"!

Die "Lebenspraktikanten", das sind...

  • Nils – der Lebenskünstler
    Ein Praktikum hat er noch nie gemacht, dafür wechselt er ständig seine Kurzzeitjobs. Manchmal hat er nicht genug Geld, um seine Wohnung zu heizen oder die Miete zu zahlen, aber dafür weiß er immer, wo es etwas günstig oder umsonst gibt. Geld bedeutet ihm nichts, Zeit zum Leben zu haben, ist ihm wichtiger. Er ist ein Meister im Sparen, und da er sich viel an der frischen Luft bewegt, braucht er keine Krankenversicherung. Er versteht es, zu improvisieren und aus allem das Beste herauszuholen. Er glaubt an sich selbst und seinen eigenen Weg. Der Konsumwelt steht er kritisch gegenüber. Er biedert sich nicht an und hält nichts vom "Mal-hier-mal-da-Sein". Sein Lebensmotto: Es ist, wie es ist, wir kommen schon irgendwie durch.

  • Jasmin – die Quirlige
    Sie hat gerade ihre Magisterarbeit hinter sich und ihren ersten Job in einem deutsch-polnischen Seniorenheim in Polen bekommen – befristet auf ein Jahr. Sie lebt genügsam und verliert dabei nie ihre gute Laune. Sie ist bescheiden und offen für alles, bewirbt sich weltweit und glaubt an die große Karriere. Bei ihren seltenen Heimatbesuchen stresst sie sich bis zum Umfallen, um sich bei ihren alten Freunden in Erinnerung zu rufen. Für mehr hat sie keine Zeit.

  • Linn – die Perfektionistin
    Sie vergeudet ihre Zeit nicht mit Nebenjobs, sondern steckt ihre ganze Energie ins "Bewerbungsgeschäft". Das Verfassen von Lebensläufen hat sie perfektioniert. Gerne hätte sie die finanziellen Möglichkeiten, ein bisschen spießig zu sein, auf ein eigenes Auto oder eine Eigentumswohnung zu sparen. Stattdessen trinkt sie ihren Supermarktwein zu Hause und fährt auch im tiefsten Winter Rad statt Bus. Ihr Motto: "Organisation ist alles". Ihre Taktik: vielseitig anschlussfähig sein – flexibel, mobil und formbar.

  • Viktor – der Netzwerker
    Vom Hospitant bei der Europäischen Kommission bis zum Weihnachtsengel im Kaufhaus hat er schon alles gemacht. Sein Motto: "Wer viel spricht, denkt viel." Er pflegt seine Kontakte strategisch und hat sich so ein engmaschiges Netz geschaffen, das ihn in fast allen europäischen Großstädten auffängt. "Hallo! Bin in der Gegend. Lust auf Bier/Kaffee? LG, Viktor." – lautet die SMS-Formatvorlage, die er in seinem Handy gespeichert hat. Er führt ein Leben aus dem Koffer und glaubt fest an den Aufstieg.

  • Anika – die Frustrierte
    Die studierte Japanologin kennt sich mit dem Scheitern aus. Ständig bekommt sie Absagen auf ihre Bewerbungen, da helfen weder die professionelle Absolventenberatung noch die Profibewerbungsporträts. Mittlerweile glaubt sie nicht mehr an ihre Qualifikation und hat ständig Angst, zu versagen. Sie mag es nicht, sich anpreisen zu müssen, und verkauft sich daher ständig unter ihrem Wert.

  • Chris – der Ausgebrannte
    Seine ganze Kraft steckt er in Hilfsprojekte in Indien und Indonesien. Dabei vermisst er seine Freunde und seine Freundin Anika, für die er nie Zeit findet, immer mehr. Langsam fragt er sich, ob es Sinn macht, immer wieder neu anzufangen und auf nichts bauen zu können. Und trotzdem macht er weiter. Bis er in ein tiefes Loch fällt...

  • Giulia – die Resignierte
    Sie ist Praktikantin in einem hoch angesehenen Unternehmen und wird dort restlos ausgenutzt. Sie fühlt sich wie eine "Wegwerf-Mitarbeiterin", da nützt es ihr auch nichts, dass sie für ihre Chefin die "Wunschkandidatin" wäre – wenn es eine bezahlte Stelle gäbe. Ihr Motto: Man darf nie vergessen, wie ein glücklicher Mensch auszusehen. Immer öfter denkt Giulia über die Liebe und die vielen vergeudeten Eizellen in ihrem Körper nach.

Erstellt: 22-09-06
Letzte Änderung: 09-07-07