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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 25/09/09

Warren Ellis - Gott schütze Amerika

Privatdetektive sind Schmutzfinken, oder sie taugen zu nichts. Deshalb ist Michael McGill bestens geeignet, das geheime Doppel der amerikanischen Verfassung aufzutreiben, das seit den goldenen Truman-Jahren verschollen ist. Seine Recherche nach den moralischen Grundlagen der USA führt den ehemaligen Pinkerton-Wunderknaben ins Zentrum des Mainstreams – unglaublich, aber wahr.

Ein Buch, das so beginnt, kann nur schlechter werden: „Ich schlug die Augen auf und sah, wie die Ratte in meinen Kaffeebecher pisste. Ein riesengroßes braunes Mistvieh mit dem Körper einer Kackwurst auf Beinen und schwarz glänzenden Augen, aus denen geheimes Rattenwissen sprach.“ Zum Glück dauert es nicht lange, bis die dominante Ratte an Status verliert und zu Michaels Hauptproblem Nummer Zwei herabsinkt. Denn kurz nach der Ratte betritt der Stabschef des Weißen Hauses Michaels Bruchbude in Manhattan. Nur, damit wir klar sehen: Der Stabschef liebt es, zwischen seinen Hasenkötteln (Rennie hilft nicht recht) auf frischen Bettlaken zu liegen und sich Drogenmädchen-TV anzuschauen. Er singt gerne: „’Ich verfüge über Atombomben.’ Womit ich sagen will: Ich bin heroinsüchtig und funktioniere prächtig. Außerdem bin ich der mächtigste Mann auf der Welt, und Sie sollten jetzt gut aufpassen.“

Das muss Michael auch. Denn das, was er suchen soll, ist das Geheimnis der verlorenen amerikanischen Moral, genauer, die Maschine, mit der die Vereinigten Staaten wieder zu den Idealen der Gründerväter zurückkehren können. Das Teil ist eine geheime Parallelversion der Verfassung in höchst magischer Buchgestalt. Bereits der Anblick reicht zur Läuterung von großen Menschenmengen aus. Um es zu finden, braucht es nur eine „eine echte menschliche Scheißzecke, die für uns durch die Kloschüssel Amerikas schwimmt.“ Und exakt dieses Örtchen durchquert Michael, unterstützt von der polyamourösen Doktorandin Trix, die über „menschliche Grenzerfahrungen“ promoviert, und an seiner Seite reichlich Gelegenheit bekommt, sie zu machen. Kennengelernt haben sich die beiden einem Wichsschuppen für Godzilla-Freaks, wo sogenannte Makroherpetophile zu grauenvollen Begegnungen zusammenkommen.

Genau hier beginnt der Ernst der Sache. Das meiste von diesem flott zusammengerührten Quatsch gibt es nämlich. Warren Ellis, Brite und im Hauptberuf Sammler von Sexspielzeug, Bizarrerien des Alltags, Schriftsteller, Verfasser von Graphic Novels (Marvel) und Computernerd, hat ihn zusammengetragen. Für seine Kolumne über bizarre Webseiten ist er beiläufig auf Makroheterophile gestoßen. Im Urban Dictionary wird das Phänomen lakonisch definiert: „Macroherpetophiles want to fuck Godzilla.“ Aber leider: „There is a huge Macroherpetophile community on the web although they have seemed to go underground since the 90's.“

Es geht in Ellis’ erstem Roman „Gott schütze Amerika“ (original 2007: „Crooked Little Vein“) also um ganz etwas anderes, als Sie vermutlich bisher gedacht haben. Michaels und Trix’ spannungsreiche Reise in den Westen der USA ist nur als Detektivgeschichte getarnt, in Wirklichkeit handelt es sich um eine ethnologische Untersuchung über möglicherweise bereits untergegangene oder demnächst dem Untergang geweihter Begattungs-, Herrschafts- und Sexpraktiken in einem der religiösesten Staaten der Erde. Recherchiert hat Ellis im Internet und damit der Realität unserer Gegenwart. Eins ist gewiss: Wer die Ratte überstanden hat, kommt aus dem Staunen und Lachen nicht mehr heraus. Ein herrlicher, frecher Blödsinn ist das, den nur ein Brite geschrieben haben kann, abgeklärt dank Weltreich-Verlust.
Bonusmaterial: einschlägige Webadressen.

Tobias Gohlis/Arte-Buchtipp der Woche, August 2009

Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 25-09-09


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