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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

Kino-News

10/07/02

War Photographer

Kinostart 11.Juli 2002

WAR PHOTOGRAPHER

Ein Film von Christian Frei
Schweiz 2001

"Jede Minute, die ich da war, wollte ich fliehen. Ich wollte das nicht sehen! Würde ich abhauen - oder zu der Verantwortung stehen, mit der Kamera dabei zu sein?" James Nachtwey

Synopsis

Ein Film über den amerikanischen Fotografen James Nachtwey, über seine Motivation, seine Ängste und seinen Alltag als Kriegsreporter.

Will man den Hollywood-Filmen glauben, dann sind sie alle abgebrühte und zynische Haudegen. Wie kann man im Augenblick des Grauens an die Belichtungszeit denken?

James Nachtwey ist kein dröhnender Schwadroneur, sondern ein unauffälliger Mann mit grauen Haaren und der Bedachtsamkeit eines Philosophiedozenten. Er ist ein grüblerischer und eher schüchterner Mensch. Doch für viele ist er der mutigste und beste Kriegsfotograf aller Zeiten. Mit Sicherheit ist er der Meistbeschäftigte. Er hat in den letzten zwanzig Jahren keinen einzigen Krieg ausgelassen. Und er hat wohl mehr Schrecken und Sterben gesehen als jeder andere Mensch unserer Zeit.

Nach dem weltweiten Erfolg des Kino-Dokumentarfilms "Ricardo, Miriam y Fidel" folgte der Schweizer Autor, Regisseur und Produzent Christian Frei dem Kriegsfotografen James Nachtwey während zweier Jahre in die Krisengebiete in Indonesien, Kosovo, Palästina...

Christian Frei benutzte spezielle Mikrokameras, die am Fotoapparat von James Nachtwey befestigt wurden. Wir sehen wie ein berühmter Fotograf den "Augenblick der Wahrheit" sucht. Wir hören jeden Atemzug. Der Zuschauer wird zum unmittelbaren Zeugen der Suche nach einem Kriegsbild.

Warum fotografiere ich den Krieg?

Kriege gibt es, seit es Menschen gibt. Und je "zivilisierter" Menschen werden, desto wirksamer, desto grausamer werden ihre Methoden zur Vernichtung von Mitmenschen. Auch heute ist Krieg auf der Welt. Und es gibt wenig Grund zu hoffen, dass sich das ändern wird.

Kann Fotografie etwas ausrichten gegen ein menschliches Verhalten, das die Geschichte überdauert? Eine geradezu lächerlich überzogene Vorstellung, sollte man meinen. Und doch ist es genau diese Vorstellung, die mich antreibt, Krieg zu fotografieren.

Ich sehe die grosse Chance der Fotografie darin, dass sie ein Gefühl für Humanität zu wecken vermag. Wenn Krieg die Folge eines Zusammenbruchs der Verständigung ist, dann ist Fotografie als eine Form der Verständigung das Gegenteil von Krieg; richtig eingesetzt, kann sie sogar zum Gegengift werden.

Wenn einer wie ich in den Krieg zieht, um alle Welt wissen zu lassen, was da wirklich passiert, dann versucht er auf seine Weise, den Frieden auszuhandeln. Vielleicht haben die Kriegführenden deshalb so ungern Fotografen dabei.

Könnte ein jeder Mensch auch nur ein einziges Mal mit eigenen Augen sehen, was Phosphor aus dem Gesicht eines Kindes macht oder wie ein verirrter Granatsplitter dem Nebenmann das Bein abreisst, dann müssten endlich alle einsehen, dass kein Konflikt dieser Welt es rechtfertigt, einem Menschen so etwas anzutun, geschweige denn Millionen Menschen.

Aber es sieht eben nicht jeder mit eigenen Augen, und deshalb gehen Fotografen an die Front: um Bilder zu machen, die wahrhaftig genug sind, die beschönigenden Darstellungen der Massenmedien zu korrigieren und die Menschen aufzurütteln aus ihrer Gleichgültigkeit; um anzuklagen und durch die Kraft dieser Anklage noch mehr Kläger zu mobilisieren.

Mein grösstes Problem als Fotograf des Krieges ist, dass ich vom Elend anderer profitieren könnte. Dieser Gedanke verfolgt mich. Ich schlage mich tagtäglich damit herum, weil ich weiss, dass ich meine Seele verkaufen würde, wenn ich jemals Karriere und Geld Herr werden liesse über mein Mitgefühl.

Ein Aussenstehender wie ich, der plötzlich die Kamera zückt, kann Menschenwürde verletzen. Meine einzige Rechtfertigung ist, dass ich mich darum bemühe, Respekt zu zeigen vor der Not des anderen. Nur wenn mir das wirklich gelingt, kann dieser andere mich akzeptieren; nur dann kann ich mich selber akzeptieren.

James Nachtwey

James Nachtwey ist der berühmteste Kriegsfotograf unserer Zeit. Seit fast 20 Jahren fotografiert er in Krisengebieten dieser Welt - Afghanistan und Bosnien, Ruanda und El Salvador, Nordirland und Kurdistan, Somalia und Südafrika. Dabei entstanden Dokumente dessen, wozu Menschen auch am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts noch fähig sind: Bilder von apokalyptischem Leiden, archaischem Hass, kollektivem Blutrausch.

James Nachtwey wurde 1948 im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Er besuchte Dartmouth College, eine der angesehensten Hochschulen der USA. Dort studierte er Kunstgeschichte und Politikwissenschaften und beschloss, Fotograf zu werden. Nach dem Ende seines Studiums jobbte Nachtwey zunächst auf Handelsschiffen und als Lastwagenfahrer, dann als Assistent eines Nachrichten-Redakteurs bei der US-Fernseh-Gesellschaft NBC in New York. 1976 begann er als Lokalfotograf in Neu Mexiko zu arbeiten, ab 1980 als freier Fotograf in New York.

1981 fuhr Nachtwey nach Nordirland, um die Unruhen vor allem in Belfast festzuhalten. Das wurde der Beginn seiner internationalen Karriere als Fotograf sozialer und vor allem kriegerischer Konflikte. Seither hat er in den achtziger Jahren vor allem in den lateinamerikanischen Bürgerkriegen fotografiert, hat den Nahost-Konflikt im Libanon, in Israel und den besetzten Gebieten porträtiert, hat sich auf den Kriegsschauplätzen Afrikas aufgehalten. Viele Monate verbrachte er in Südafrika, um das Ende der Apartheid zu dokumentieren. Immer wieder zog es ihn zu den Konflikten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, nach Bosnien, Rumänien,Tschetschenien. Bei verschiedenen Besuchen in Afghanistan entstand 1996 eine große Bilddokumentation des dortigen Krieges.

"Was ich festhalte", sagt Nachtwey, "wird Teil des ewigen Archivs unseres kollektiven Gedächtnisses sein. Und ich weiß, dass Fotos Verantwortliche zum Handeln zwingen können. Ohne die Bilder von Bürgerkrieg und Hunger in Somalia wäre niemand dort eingeschritten. Ohne die Fotos aus Bosnien wäre der Krieg vielleicht noch immer nicht beendet."

Von 1986 bis 2001 ist James Nachtwey Mitglied der Foto-Agentur »Magnum«. Sein Werk ist vielfach ausgestellt und ausgezeichnet worden. So erhielt Nachtwey bisher zweimal den World Press Preis, fünfmal die Robert Capa Medaille, dreimal den Infinity Award des International Center of Photography in New York. Nachtwey war sechsmal Magazin-Fotograf des Jahres in den USA und erhielt das Eugene-Smith-Gedächtnis-Stipendium.

Kommentar

Bin ich der Vampir mit der Kamera? Nutze ich sie aus? Fragt sich einer der berühmtesten Kriegsfotografen wieder und wieder. Nur wenn er den Menschen vor der Kamera Respekt entgegenbringt, kann er sich sicher sein, sich selbst im Spiegel ansehen zu können.

Der amerikanische Fotograf James Nachtwey hat in den letzten zwanzig Jahren ein Bilderarchiv des Horrors und des Schreckens in seinem Kopf angesammelt, und viele Menschen, die ihn kennen, wissen nicht, wie er all diese schlimmen Erfahrungen verarbeitet.

Was mache ich hier?, hat er sich am Anfang seiner Fotografenlaufbahn oft gefragt in all der Kriegswirrnis und inmitten des Hungers der dritten Welt. Nachtwey hat für sich eine Antwort gefunden: ‚Was ich festhalte wird Teil des ewigen Archivs unseres Gedächtnisses sein. Und ich weiß, dass Fotos Verantwortliche zum Handeln zwingen können. Ohne die Bilder von Bürgerkrieg und Hunger in Somalia wäre niemand dort eingeschritten. Ohne die Fotos aus Bosnien wäre der Krige vielleicht noch immer nicht beendet.‘

Nachtwey versteht seine Fotos nicht als Kunstwerke, sondern als Mittel der Kommunikation. Dies berechtigt ihn auch, in Momenten der größten Trauer oder größter Intimität Fotos zu machen, denn er ist ‚das Auge und die Stimme zur Welt‘.

Für WAR PHOTOGRAPHER wurde eine ganz bestimmte Mikrofilmkamera entwickelt, die an der Fotokamera Nachtweys befestigt wurde. So kann der Zuschauer unmittelbar den Entscheidungsprozeß Nachtweys miterleben, den Moment, in dem er den Auslöser drückt. Diese technische Erfindung ermöglicht eine unmittelbare Nähe zu dem sensiblen Einzelgänger, der all sein Leben dem Beruf - seiner Berufung - verschrieben hat. Christiane Breustedt, Chefredakteurin der Geo Saison erzählt gerührt von ihrer Liaison mit James Nachtwey, und davon, wie er ihr ‚einmal eine Muschelkette um den Hals gelegt hat‘. Viele Momente der Zweisamkeit gab es aber nicht zwischen ihnen, das bestätigt auch James bester Freund, der Drehbuchautor Denis O’Neill: ‘James konnte nie ein normales Leben führen. Eine Familie, ein Zuhause, so was hat er nie gehabt. Er hat alles seiner Arbeit geopfert.‘

Und so sehen wir mit wachsender Begeisterung den Film über einen Mann, der selbst wie ein James Bond-Held aussieht: groß, schlank, selbstbewußt und stilsicher. Und um so länger wir James Nachtwey mit der Mikrofilmkamera an seine Arbeitsplätze - die furchtbarsten Kriegschauplätze der Welt - begleiten dürfen, umso mehr sind wir überrascht von der menschlichen Wärme und der Sensibilität, die von diesem Mann ausgeht. Wie es ihm gelingt, all diese Bilder des Schreckens in eine ästhetische Form zu bringen, die anklagend und aufklärend zugleich ist, und die den Respekt vor den Menschen bewahrt, das bleibt ein Geheimnis. Wie dieser Mensch all das Elend erträgt, das ihn tagtäglich umgiebt, ohne dabei zynisch zu werden ebenfalls.

WAR PHOTOGRAPHER ist ein packender und spannender Dokumentarfilm, der zu Recht für den diesjährigen Dokumentarfilmoscar nominiert wurde.

Nana A.T.Rebhan

Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 10-07-02