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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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01/10/13

Wagner: Der Ring des Nibelungen (Chéreau/Boulez)

Patrice Chéreau inszenierte und Pierre Boulez dirigierte 1976 in Bayreuth den Jahrhundert-"Ring"

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Als der „Ring“ von Patrice Chéreau und Pierre Boulez 1976 in Bayreuth Premiere hatte, war ich fünfzehn Jahre alt und hatte von Richard Wagner und Oper noch keine Ahnung. Vom legendären Jahrhundert-„Ring“ habe ich deshalb lange Zeit nur den Nachhall wahrgenommen. Geschichten, welche die Wagnerianer bis heute mit leuchtenden Augen erzählen: Berichte von Buhsalven und Trillerpfeifkonzerten im ersten Aufführungsjahr und dem angeblich achtzigminütigen Jubel mit 101 Vorhängen bei der Abschiedsvorstellungen im Jahr 1980. Ausführliche Szenenschilderungen, wie die von der hochaufragenden Staumauer als Rheinersatz, auf der Woglinde, Wellgunde und Floßhilde in aufreizenden Cancan-Kostümen die Röcke heben oder vom ergreifenden „Götterdämmerungs“-Schlussbild, in dem zu den letzten Streicherkantilenen eine Menschenmenge stumm fragend in die Zukunft blickt.

Die Lobeshymnen handeln von der Kapitalismuskritik, die Chéreau im „Ring“ herausgearbeitet hatte, in dem er die Fabrikschlote der Gründerzeit und das Räderwerk der Frühindustrialisierung auf der Bühne aufragen ließ, die Nibelungen als Minenarbeiter zeigte und die Gibichungen als kalt herrschende Klasse der Besitzenden. Und der Dirigent Pierre Boulez soll so streng analytisch dirigiert haben, dass die Musiker im ersten Festspieljahr mit offener Rebellion drohten.


Der Bayreuther Chéreau / Boulez- „Ring“ hat einen Ehrenplatz in der Theatergeschichte sicher. So stark ist der Mythos, dass man als Nachgeborener die Videoproduktion, die der Regisseur Brian Large 1980 erstellt hat (und die jetzt auf DVD erschienen ist) nur mit viel Skepsis betrachten kann. Denn oft genug ist das Sensationelle von gestern ja das Belächelnswerte von heute. Und tatsächlich steckt ja viel Siebziger-Jahre-Mode in diesem „Ring“: Durch jeden Aufführungsabend wabert der Trockeneisnebel wie einst in der Disko. Die Walküren zerren beim Walkürenritt an den Heldenleichen wie in alten Gruselfilmen.
Und sind nicht auch Siegmund und Sieglinde typische Geschöpfe der Flower-Power-Hippie-Zeit, so sexuell selbstbefreit und angestrengt enthemmt, wie sie zu „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ übereinander herfallen? Auch die beliebte Bayreuth-Legende, dass früher im Wagnergesang alles besser war, wird durch die Produktion eher relativiert als bestätigt. Auch wenn die Sängerleistungen im Ganzen betrachtet natürlich exzellent sind: So toll und unangreifbar singen Gwyneth Jones als Brünnhilde und Manfred Jung als Siegfried oder Janine Altmeyer als Sieglinde und Peter Hofmann als Siegmund nun auch wieder nicht.

Der Jahrhundert-Ring: Präzision und Suggestivkraft
Und trotzdem kommt man von diesen DVD-Produktion nicht los. Ein enormer Sog geht von ihr aus, man möchte sich gleich zwei Tage frei nehmen und diesen „Ring“ vom ersten bis zum letzten Ton noch einmal hören und sehen. Es ist die Musik, die einen unmittelbar in den Bann schlägt, wenn Boulez den Es-Dur-Anfang des „Rheingolds“ wie eine hochauflösende Spektralanalyse leuchten lässt und im Feuerzauber der „Walküre“ über das Illuminierende hinaus die schneidende, gefährliche Hitze der Szene deutlich macht. Wenn er die Dialoge mit größter kammermusikalischer Klarheit durchgestaltet und die „Götterdämmerung“ in ein eisiges Zwielicht taucht.

Es ist aber auch die Präzision und Suggestivkraft von Chéreaus Personenregie, die nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat, das unmittelbare Körpertheater der Protagonisten, die totale Identifikation Sängerdarsteller mit ihren Rollen. Das verfängt noch weit mehr als der intellektuelle Überbau der Inszenierung. Wie rüde die Mord- und Gewaltszenen bei Chéreau ausfallen: Hunding kann in seinem Hass schier nicht lassen von dem schon am Boden liegenden, sterbenden Siegmund und sticht immer wieder mit dem Speer auf ihn ein. Wotan hackt Alberich gleich den ganzen Finger ab, um an den Ring zu kommen. Großartig ist der Ehestreit zwischen Fricka und Wotan in der Walküre mit der berühmten Pendel, das hin und her schwingend anzeigt, wie aussichtsslos Wotan die Zeit davonläuft und die Dinge aus dem Ruder laufen.

Was Heinz Zednik als Mime zeigt, ist bis heute in jeder „Ring“-Inszenierung erkennbares Rollenvorbild – und trotzdem unerreicht. So virtuos ist seine Charakterstudie ausbalanciert zwischen zappelnder Karikatur und gedemütigter Kreatur, gespielter Zuneigung und echter Verzweiflung, Schwachheit und Mörderlist. Unvergessen auch Wotans ergreifender Abschied von Brünnhilde auf dem Walkürenfelsen oder die Götterfamilie als taumelnde Menschenkette beim Einzug in Walhall.
„Einen Gespensterreigen, einen Totentanzzug“, nannte sie der Kritiker Reinhard Baumgart, „als müsste man gegen den Windzug der falschen Herrschaftsmusik ankämpfen.“

Wer den Jahrhundert-„Ring“ von Chéreau und Boulez anschaut, kommt auch noch dreißig Jahre nach der Premiere ins Schwärmen. Sogar wenn man in Bayreuth gar nicht dabei war.

Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen
mit Jeanine Altmeyer, Hermann Becht, Peter Hofmann, Siegfried Jerusalem, Gwyneth Jones, Manfred Jung, Donald McIntyre, Matti Salminen, Gabriele Schnaut, Hanna Schwarz, Heinz Zednik u.a.
Regie: Patrice Chéreau; Musikalische Leitung: Pierre Boulez
8 DVD; Deutsche Grammophon 00440 0734057

Erstellt: 19-09-05
Letzte Änderung: 01-10-13