So einleuchtend die Nutzung ist, so schwierig und teuer ist allerdings auch die technische Umsetzung. Denn um an die höheren Temperaturen in der Tiefe der Erde zu gelangen, muss an der geeigneten Stelle gebohrt werden. Ob bei einer Bohrung also tatsächlich auf eine Goldader Wärme gestoßen wird, ist unsicher. Und dementsprechend teuer kann das Projekt Energie aus der Erde werden, zumal der Preis für die Bohrgeräte und des benötigten Stahls derzeit sehr hoch ist.
Erste Fortschritte
Weltweit sind rund 9.000 Megawatt elektrischer Leistung installiert. Zu den größten geothermischen Stromproduzenten gehören die USA, die Philippinen, Indonesien und Mexiko.
In Europa steckt die Geothermie noch in den Kinderschuhen. Im Promillebereich bewege sich derzeit der Anteil an der Stromerzeugung in Deutschland, heißt es bei der Agentur für Erneuerbare Energien. Eines Tages allerdings könnte der Anteil auf bis zu 30 Prozent anwachsen; allerdings wird das bis 2030 noch nicht geschafft sein, prognostiziert die Agentur.
Erste große Fortschritte gibt es aber zu vermelden: Im Bayrischen Unterhaching wurde im Juni dieses Jahres das modernste und größte Kraftwerk Europas in Betrieb genommen. Rund 10.000 Haushalte versorgt es seitdem mit Strom. Aus über 3.400 Meter Tiefe wird bis zu 150 Liter pro Sekunde heißes Thermalwasser an die Oberfläche gefördert – „eine Fördermenge, die in Deutschland bisher bei diesen Temperaturen noch nicht erreicht wurde“, heißt es bei der Agentur für Erneuerbare Energien.
Seit vergangenem Jahr speist das Kraftwerk Unterhaching bereits Heizenergie ins Fernwärmenetz – soviel, dass innerhalb von weniger als einem Jahr 7000 Tonnen Kohlendioxid eingespart werden konnten. Auch in Frankreich und Italien sind die ersten Kraftwerke entstanden, die sowohl Strom als auch Wärme erzeugen.

Nach Angaben der Geothermischen Vereinigung strahlt die Erde rund vier Mal mehr Energie in den Weltraum ab, als die Menschheit derzeit verbraucht.

In Island ist man da sehr viel weiter. Aufgrund seiner Lage auf dem mittelatlantischen Rücken ist die Insel einer der tektonisch aktivsten Orte der Erde. Dort bewegen sich die nordamerikanische und die eurasische Platte jedes Jahr zwei Zentimeter voneinander weg. Das führt dazu, dass in Island mehr als 200 Vulkane und 600 heiße Quellen aktiv sind.
In diesen Gebieten entlang einer Linie von Südosten bis in den Nordwesten der Insel sind eben auch sogenannte heiße Felder zu finden, mit Temperaturen bis 250 Grad Wärme in 1000 Meter Tiefe. In Island gibt es ungefähr 300 dieser Thermalgebiete. Und bisher werden gerade mal einige davon für die Gewinnung von Erdwärme genutzt.
In alten Sagen wird bereits von den Thermalquellen berichtet, später wurden in Reykjavik die natürlichen heißen Quellen von Hausfrauen genutzt, um Wäsche zu waschen. 1907 baut sich ein Farmer eine erste Rohrleitung, um für seinen Hof die Wärme aus der Tiefe der Erde anzuzapfen. Um das Jahr 1930 hat Reykjavik dann damit begonnen, ein Fernwärmesystem aufzubauen. Heute ist die städtische Fernheizung von Reykjavik mit Abstand die größte Anlage dieser Art weltweit und versorgt etwa 155.000 Menschen, was mehr als der Hälfte der Gesamtbevölkerung Islands entspricht.
Dass Island Energie im Überfluss hat, sieht auch jeder Besucher der Insel. Überall brodelt aus Erdlöchern heißes Wasser und überall bollert aus Erdbohrungen Dampf mit fluglärmlautem Druck. Mehr als 20 Geothermalkraftwerke hat Island in den letzten Jahrzehnten gebaut – das gesamte Land ist mittlerweile an ein Netz angeschlossen, das Strom aus grüner Energie zur Verfügung stellt. Mehr als 90 Prozent der Heizwärme für Privathaushalte kommt aus der Erde. In Reykjavik wird sogar noch die Abwärme aus dem städtischen Heizkraftwerk genutzt, um die Bürgersteige zu beheizen - sozusagen eine unterirdische Schnee- und Eisschmelzmaschine, die sich durch die ganze Stadt zieht.
Riesige Reserven
„Alles ist teuer in Island, außer Energie", sagt Gudjón Axel Gudjónsson, Energiedirektor im Ministerium für Industrie, Energie und Tourismus. Eine Kilowattstunde koste in Island weniger als 3 Eurocent. 80 Prozent der produzierten Energie sei erneuerbare Energie und nicht einmal die Hälfte der Energiereserven nutze das Land derzeit, so Gudjónsson.
Nicht nur Bürgersteige werden mittels der Erdwärme in Island beheizt, sondern auch Gewächshäuser. Die Technik dafür ist so ausgefeilt, dass selbst das bei der Stromerzeugung entstehende CO2 nicht einfach der Luft überlassen wird. Stattdessen wird auch das Abgas der Kraftwerke wiederverwendet und kommt den Pflanzen zugute, die bei höherem CO2-Gehalt in der Luft besser wachsen. So gedeihen in den Treibhäusern kurz vor dem Polarkreis Tomaten, Paprika, Gurken und sogar Bananen.


Island ist so gesehen noch einen Schritt weiter in Sachen erneuerbare Energien: Ein Land, das 600mal soviel Energie produziert, als es für den Eigenbedarf der Bevölkerung benötigt, beschäftigt nicht die Frage, wie die Erdwärme nutzbar gemacht werden kann, sondern wofür – damit die riesigen Energiereserven auch ökologisch sinnvoll und verträglich eingesetzt werden.
Grit Weirauch





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