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POLITIK - 19/05/09

WEBKÄMPFE

Ob zur Wahl des Europaparlaments oder des Bundestags: Fast schon panisch twittern, bloggen und streamen die Politiker auf der Jagd nach jungen Wählern, die sie im Internet finden wollen.

Die beliebten Klingelton-Melodien von DJ Ötzi & Co. haben altehrwürdige Konkurrenz bekommen: durch Ludwig van Beethoven. Seine „Ode an die Freude“, die Europa-Hymne, soll junge Wähler an ihren Urnengang erinnern, wenn am 7. Juni das Europaparlament gewählt wird. Das hofft zumindest der nordrhein-westfälische Europaminister Andreas Krautscheid, der eine Popversion der bekannten 9. Sinfonie fürs Handy kreieren ließ, die kostenlos im Internet heruntergeladen werden kann. „Wir wollen junge Menschen über ihre Gewohnheiten und Vorlieben ansprechen und mit dem Handy-Klingelton einen spielerischen Zugang zu Europa ermöglichen“, so Krautscheid.

ARTE SCHWERPUNKT
EUROPAWAHL 2009

Europa vor der Wahl • Themenabend
DI • 2.6. • 21.00
Zoom Europa • Magazin
MI • 3.6. • 22.45
MI • 10.6. • 19.00
ARTE Info Spezial
FR • 5.6. • 19.00
Live: SO • 7.6.
12.45 • 19.45 • 23.00
Wir Europäer • Doku-Reihe
SA • 6.6. • ab 15.05
SO • 7.6. • Live ab 16.15

Digitaler Weckruf für die Wahlmuffel. Laut der EU-Meinungsumfrage Eurobarometer wussten Anfang April 62 Prozent der stimmberechtigten Europäer gar nicht, dass im Juni das Europäische Parlament gewählt wird. Gerade einmal 28 Prozent der Befragten gaben im Gegenzug an, sich an der Wahl beteiligen zu wollen; in Deutschland waren es 38 Prozent – alarmierende Zahlen zu Beginn des Superwahljahrs. Eine Möglichkeit, diese Entwicklung aufzuhalten, sehen die Kandidaten im Web 2.0, dem Internet zum Mitmachen. Spätestens seit US-Präsident Barack Obama während seiner Kampagne 13 Millionen Unterstützer über seine Webseite gewinnen konnte, haben Politiker hierzulande das weltweite Netz als gut besuchte Wahlkampfarena für sich entdeckt. „Der Online-Wahlkampf ist das Herzstück des Wahlkampfs. Es liegt viel Kraft darin, die Onlinekampagne eng mit der Gesamtkampagne zu verweben und zur tragenden Säule zu machen“, sagt SPD-Wahlkampfmanager Karl-Josef Wasserhövel. Die mitunter abstrakte Politsprache wird hierzu zielgruppengerecht angepasst: „Lasst uns Europa am 7. Juni gemeinsam rocken“, fordert etwa der FDP-Europaabgeordnete Alexander Alvaro per Online-Video. Eingebettet in eine Hip-Hop-Adaption des Westernhagen-Songs „Freiheit“ präsentiert sich „Alex“ in weißem Hemd und Pullover mit V-Ausschnitt allerdings weniger als Rocker denn als dynamisch-smarter Jungpolitiker, der in Europa „Freiheit für uns alle“ schaffen will. Näheres erfährt der Besucher seiner Seite in diversen weiteren Video-Beiträgen: Alvaro im EU-Parlament, Alvaro bei den JungLiberalen, Alvaro während des FDP-Europaparteitags und schließlich: Alvaro beim Mikro-Blogging-Dienst Twitter.

Europa in 140 Zeichen. Im SMS-Format erfahren Alvaro-Interessierte im Internet dank des neuen Kommunikationsdienstes Twitter nicht nur regelmäßig Komprimiertes zur EU-Politik, sondern auch Banales aus dem Leben des Privatmanns Alvaro: „Sonntagmorgen. Die Sonne verliert den Kampf gegen die Wolken und der Schreibtisch ruft. Warum ist der Kaffee schon leer?“ Distanzierter gibt sich Alvaros Parteikollegin Silvana Koch-Mehrin. Während das Menü ihrer Internetseite Einblick in ihre politischen Aktivitäten bietet, lächeln dem Besucher verschiedene Porträts der Vorsitzenden der FDP-Fraktion im EU-Parlament entgegen – es kommt darauf an, „das eigene ,Produkt‘ für möglichst viele Stimmberechtigte attraktiv darzustellen“, wie Politikwissenschaftler Jürgen Falter analysiert.

Doch die Besucherzahlen der persönlichen Internetseiten der Politiker sind nicht das einzige Indiz dafür, dass der Online-Wahlkampf an Fahrt gewinnt. Gibt man etwa die Begriffe „Silvana für Europa“ in eine der gängigen Internet-Suchmaschinen ein, stößt man anstelle der liberalen Politikerin auf die Internetseite der beiden CDU-Europaabgeordneten Daniel Caspary und Andreas Schwab, die sich mit einem Glas Silvaner-Weißwein aus ihrer baden-württembergischen Heimat zuprosten. Neben der Werbung für die Rebe dient die Webseite vor allem dazu, kreative Schüsse auf Koch-Mehrin abzufeuern. Erdverbunden ist auch die virtuelle Kampagne der Grünen. Sie fordern auf ihrer Webpräsenz ordentlich „WUMS“ für Europa: „Wirtschaft und Umwelt, menschlich und sozial“ – so die knackige Botschaft, die grüne Wahlkämpfer mit einer herunterladbaren Schablone und einer Mischung aus Bier und Moos als umweltfreundliches Graffiti versprühen sollen: „WUMS an jede Wand!“

Frank-Walter auf Facebook. Wer die Internetauftritte der Politiker bislang umsurfte, könnte ihnen am Ende noch in einer der zahlreichen Net-Communities ins Netz gehen. Schließlich zieht es die Politiker dorthin, „wo die Menschen sind – also in die sozialen Netzwerke wie facebook, youtube, flickr“, erklärt Karl-Josef Wasserhövel. Und so netzwerken bereits alle Parteien und Kandidaten kräftig für die Bundestagswahl. Bislang mit überschaubarem Erfolg. Gut 3.400 „Freunde“ konnte Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier bisher bei facebook gewinnen, Bundeskanzlerin Angela Merkel bringt es immerhin auf rund 8.300. Von Barack Obamas über 6,2 Millionen facebook-„Befürwortern“ sind die deutschen Spitzenkandidaten jedoch noch etliche Klicks entfernt.

Dass Obama-Dimensionen hierzulande je erreicht werden, scheint angesichts der Verschiedenartigkeit der politischen Systeme ohnehin unwahrscheinlich: Hier der öffentlich finanzierte, auf die Parteien zugeschnittene Wahlkampf, dort die personalisierte und durch Spenden finanzierte Kampagne. Wie wirkungsvoll der deutsche Online-Wahlkampf tatsächlich ist, dürfte sich erst bei der Bundestagswahl zeigen. Erkennbar ist unter dem Eindruck des Superwahljahrs 2009 aber bereits jetzt, dass das Web zu einem unverzichtbaren Wahlkampfmedium geworden ist. Der ehemalige CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer brachte es wie kein anderer auf den Punkt, als er prophezeite: „Man wird Wahlen nicht durchs Internet gewinnen können, aber ohne das Netz wird man sie verlieren.“


EIKE FRENZEL

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 19-05-09