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Europa - 02/03/12

WAS FÜR EIN FUGGER!

Er war der Finanzhai der Renaissance und Geldgeber der Kaiser und Päpste: Jakob Fugger. Ein Porträt über den Mann, der die Grundsteine unserer heutigen Finanzwelt legte.

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Jakob Fugger würde das 21. Jahrhundert und seine technologischen Errungenschaften bestimmt lieben. Statt Boten zu Pferd auszusenden, könnte er in Windeseile Textnachrichten mit dem Handy verschicken. Ausgaben und Einnahmen würde SAP kontieren. Im Internet würde er die Konkurrenz im Blick behalten und über soziale Netzwerke stets Verbindung zu Geschäftspartnern aus aller Welt halten. Doch bereits ein halbes Jahrtausend vor der digitalen Revolution macht sich Jakob Fugger ein globales Mitarbeiter- und Kommunikationsnetzwerk sowie eine moderne Finanzbuchhaltung zunutze, wesentliche Faktoren seines großen Erfolgs.

ARTE Geschichtsdoku

DIE FUGGER (1+2)
Sa • 24.3. • ab 20.15

Viele dieser Kenntnisse bringt der Sohn einer gut situierten Augsburger Handelsfamilie aus dem fortschrittlichen Italien mit. Bereits 1473, mit 14 Jahren, zieht es Jakob Fugger nach Venedig, der florierenden Handelsmetropole Europas. Er absolviert die Ausbildung zum Kaufmann und vertritt das Familienunternehmen vor Ort. Während seine älteren Brüder Ulrich und Georg neue Niederlassungen in Europa gründen, lernt Jakob erste frühkapitalistische Strukturen kennen: doppelte Buchführung, Zinsen, neue Post- und Informationssysteme. Mit diesem Wissen tritt er 1485 die Leitung der Niederlassung in Innsbruck an, nur einige Jahre später faktisch auch die des Unternehmens in Augsburg. Von hier aus nimmt eine Erfolgsgeschichte ihren Lauf, die Jakob Fugger bald den Beinamen „der Reiche“ einbringen wird.

In Innsbruck knüpft Jakob sogleich Kontakte zum Erzherzog von Tirol, Sigismund dem Münzreichen. Dessen Kriegslust und verschwenderischer Lebensstil sorgen dafür, dass er immer wieder Kredite bei den Fuggern aufnehmen muss. Jakob verzinst diese nicht, stattdessen lässt er sich mit Silbermünzen aus den Tiroler Silberminen versorgen, um diese auf dem freien Markt gewinnbringend zu verkaufen. Gleichzeitig investiert er in die Minen, stattet die Stollen mit neuer Technik aus und baut Hütten für die Minenarbeiter. Bald kontrolliert er den gesamten Ablauf des Silberabbaus und stellt so sicher, dass stets genug für seine Zwecke abfällt. Als Sigismund 1490 zahlungsunfähig ist und auch auf Jakobs Betreiben hin die Herrschaft über Tirol an den Habsburger Maximilian I. abtritt, steigt Fugger zum höfischen Financier auf.

Geld für den Kaiser. Maximilian nimmt die Kreditangebote der Fugger-Brüder schließlich genauso gern in Anspruch. Sie finanzieren nicht nur seinen Aufstieg zum Kaiser, sondern auch seine Kriege und Angestellten. Weiterhin erhält Jakob als Gegenleistung Silber, später auch Kupfer und Ländereien. Mit Kaiser Maximilian verbindet ihn eine Beziehung, die von Gefälligkeiten und gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist. Als der Kaiser seinem Geldgeber kaum noch Gegenleistungen anbieten kann, erhebt er ihn in den Adelsstand und macht ihn 1514 zum Reichsgrafen. Maximilian ist bei seinem Tode 1519 so stark bei der Fuggerbank verschuldet, dass Jakobs Vermögen zu einem Großteil aus Schuldscheinen der Habsburger besteht. Um diese Forderungen nicht zu verlieren, muss er dafür sorgen, dass Maximilians Nachfolger, dessen Enkel Karl, von den Kurfürsten ebenfalls zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ernannt wird. Mit einem finanzkräftigen Argument von 600.000 Gulden gelingt ihm das.

Doch nicht nur die Kreditgeschäfte sind lukrativ, sondern auch der europa- und teilweise weltweite Handel mit Geld, Gewürzen, Textilien, Juwelen und vor allem Kupfer. In diesem Bereich haben die Fugger zeitweise Monopolstellung in Europa. Ein Netz von mehr als 30 Niederlassungen, sogenannte Faktoreien, eröffnen nicht nur internationale Handelswege, sondern auch ein weit verzweigtes Kommunikationsnetz, das es Fugger ermöglicht, Geschäftsbeziehungen aufrechtzuerhalten. Das bringt ihm heute Titel wie „der erste Global Player“ ein, der das moderne „Networking“ schon damals anwendet. Mit Verstand, Innovationsgeist und wirtschaftlichem Kalkül baut er ein Familienimperium auf, das er ab 1510, nach dem Tod seiner Brüder, allein leitet und mit geschicktem Krisenmanagement auch durch schlechte Zeiten führt. Mit strategischen Investitionen, dem Prinzip der Gewinnmaximierung und der Überzeugung „Was nichts mehr in den Markt einbringt, muss weichen!“ weiß er bereits die Goldesel von den Ladenhütern zu unterscheiden.

Wohnungen für die Armen. Jakobs Praktiken und Taktiken bescheren ihm nicht nur Wohlwollen. Er schmiert, manipuliert und spioniert – er „fuggert“. Sein prominentester Gegner ist Luther, der vor allem den Ablasshandel verabscheut. Denn als Bankier der Päpste ist Fugger seit 1500 auch für die Ablassgeschäfte Roms zuständig. Obwohl Jakob viel durch Strohmänner erledigen lässt, ist er sich der zunehmenden Verschlechterung seines Rufs bewusst. Sein soziales Engagement erscheint da fast schon wie ein PR-Streich: Zwischen 1512 und 1515 legt er ein Sonderkonto für karitative Zwecke an. Ab 1514 plant er die Fuggerei in Augsburg – eine Sozialsiedlung für verarmte Augsburger. Tatsächlich aber ist das mehr als nur Imagepolitur. Historiker bestätigen, dass Jakob Fugger ein ausgeprägtes soziales Gewissen hatte und gerade seiner Heimatstadt Augsburg und der Region sehr verbunden war. Er errichtete die Grabkapelle bei St. Anna und die Kirche in Oberkirchberg. Immer wieder fördert er den Nürnberger Albrecht Dürer, indem er ihm Aufträge erteilt. Von Dürer stammt auch das wohl bekannteste Porträt Fuggers: Es zeigt den etwa 60-Jährigen mit vorausschauendem, zielgerichtetem Blick. Jenen Geschäftsmann, für den auch heute noch der Name Fugger steht. Jakob Fugger würde es sicher als Profilbild bei Facebook benutzen.

ANDREA RADTKE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

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Die Fuggerei in Augsburg
1521 von Jakob Fugger gestiftet, bietet die Fuggerei unverschuldet verarmten Gläubigen eine Herberge. Die Jahresmiete beträgt einen Gulden und drei Gebete täglich für den Stifter. Berühmtester Bewohner war der Urgroßvater von Wolfgang Amadeus Mozart, der dort als armer Handwerker (über)lebte. Noch heute leben circa 150 Menschen in den 140 Wohnungen der ältesten Sozialsiedlung der Welt. Die Jahresmiete heute: 0,88 Cent und drei Gebete täglich für den Stifter. Finanziert wird die Fuggerei auch heute noch größtenteils aus dem Stiftungsvermögen der Fugger, seit 2006 auch aus Eintrittsgeldern


Erstellt: 22-08-11
Letzte Änderung: 02-03-12