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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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11/10/13

W.A. Mozart: "Idomeneo"

dirigiert von Nikolaus Harnoncourt


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Im zweiten Akt von Mozarts Oper „Idomeneo“ bricht ein Sturm über das Volk von Kreta herein. Neptun, der Gott der Wasser, ist zornig. Gerade haben die Menschen noch die wunderbare Stille des Meeres besungen und einen Abschied gefeiert. Urplötzlich fährt ihnen nun das kalte Grausen in die Glieder: Böses naht mit harschen Mollakkorden. Im Orchester tosen die Winde. Die Kreter stieben mit Entsetzensschreien auseinander. Zuckend fahren Blitze aus den Streichern dazwischen. So hatte man diese Musik noch nie gehört, als Nikolaus Harnoncourt 1980 mit dem Chor und dem Orchester der Zürcher Oper seine Aufnahme des „Idomeneo“ veröffentlichte. Das Stück war kaum wiederzuerkennen.

Bis dahin galt „Idomeneo“als steife opera seria. Ein Stück mit dem großen Faltenwurf der Antike, voll von spätbarocken Hofopernkonventionen, von denen der 25-Jährige Mozart offenbar noch nicht losgekommen war. „Idomeneo“ wurde war von den Opernbühnen weitgehend verschmäht worden. Aber unter Harnoncourts Leitung klang er plötzlich wie ein packendes Sturm-und-Drang-Werk , aufreizend expressiv und zugleich betörend seelenvoll im Lyrischen, mit einem Opernton, der immer auf der Messers Schneide geführt scheint. Harnoncourts Interpretation brach über den „Idomeneo“ herein wie der zornige Neptun über die Kreter. Jeder konnte spüren, dass das Stück viel besser ist als sein Ruf und sich hinter dem vermeintlich zähen Rezitativ-Chor-Arien-Reigen ein wahrer Opernthriller verbirgt.

„Idomeneo“ ist Mozarts wildestes Bühnenwerk und die Harnoncourt-Aufnahme, der eine szenische Produktion in Zürich mit Jean-Pierre Ponelle als Regisseur vorausging, macht das über die Maßen deutlich. Die Platte gehört zum Besten, was Harnoncourt überhaupt produziert hat – und der österreichische Dirigent hat von Bach bis Bruckner inzwischen unendlich viel auf den Markt gebracht, mehr als der Medien-Superstar Herbert von Karajan.

Die Originalklangpraxis, mit der Harnoncourt seit den fünfziger Jahren begonnen hatte, die Welt der klassischen Musik zu reformieren, war technisch wie musikalisch auf einem hohen Niveau angekommen, als er am Zürcher Opernhaus seinen Mozart-Zyklus präsentierte. Das Spiel auf historischen Instrumenten, die nach intensivem Quellenstudium völlig neu und akribisch durchartikulierte, „sprechende“ Klangrede, die jähen Stimmungsumschwünge und die kurz angebundenen Crescendi – das alles präsentierte sich als unverwechselbare Handschrift Harnoncourts. Er avancierte zu einem der einflussreichsten und spannendsten Mozartdirigenten des 20. Jahrhunderts. Bis in die kleinsten Stadttheater hinein und bis zu großen Dirigenten wie Claudio Abbado oder Simon Rattle hat seine Art, Mozart zu phrasieren, Spuren hinterlassen. Rattle erzählt, dass ihm die Harnoncourtsche „Idomeneo“-Aufnahme, als er sie zum ersten Mal hörte, wie eine Erweckung vorgekommen sei.

Eine kleine Einschränkung könnte man allenfalls bei den Sängern machen: Trudeliese Schmidt als Idamante, Rachel Yakar als Ilia, Felicity Palmer als Elettra und Werner Hollweg als Idomeneo singen zwar wunderbar, aber heute, nach weiteren 25 Jahren Entwicklung in der historischen Aufführungspraxis, lassen sich die Partien vielleicht noch eine Spur charakterschärfer und stilkompetenter besetzen.

So umstürzlerisch leidenschaftlich und voranstürmend wie im „Idomeneo“ ist Nikolaus Harnoncourts Umgang mit Mozart danach nicht geblieben. In den neunziger Jahren hat seine Leidenschaft für schnelle Tempi und furiose Rezitative merklich nachgelassen und ist einer Entdeckung der Langsamkeit gewichen. Die späteren Harnoncourt-Aufnahmen von Mozarts Opern klingen abgeklärter, fast könnte man sagen: altersmild. Vielleicht erscheint die frühe „Idomeneo“-Einspielung heute auch deshalb so durchschlagend und energiegeladen.

Sie steht zudem quer zum Klischee-Mozartbild vom apollinischen Kind des Himmels, dessen Musik von einer überirdischen, ins Jenseitige entrückter Schönheit ist. Harnoncourt lässt das ganz konkrete Unabhängigkeitsfeuer spüren, das in dem 25-Jährigen lodert, als er den „Idomeneo“ komponierte. Wie die Helden seiner Oper emanzipiert sich Mozart von der alten Götterwelt. Es dauert nach der Uraufführung – 1781 am Cuvilliestheater in München – kein halbes Jahr mehr, bis er den Dienst beim Salzburger Erzbischof Colloredo quittiert und nach Wien geht.

Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo
Mozart-Orchester und Chor des Opernhauses Zürich;
Idomeneo: Werner Hollweg; Idamante: Trudeliese Schmidt; Ilia: Rachel Yakar; Elettra: Felicity Palmer; Arbace: Kurt Equiluz; Gran Sacerdote di Nettuno: Robert Tear; La Voce: Simon Estes
Gesamtleitung: Nikolaus Harnoncourt
Teldec Classic (Warner) 2292-42600-2

Erstellt: 15-06-04
Letzte Änderung: 11-10-13