VINYAN
Nachdem er seine Liebe für Genrefilme laut kundgetan hat, die gleichzusetzen seien, mit denen von Straub, hätte Marco Müller Vinyan auch in den offiziellen Wettbewerb mit aufnehmen können. Der in der Mitternachtsvorstellung gezeigte Film nimmt den Zuschauer wie auf einer Fahrt ohne Rückfahrschein mit ins Grenzgebiet von Thailand und Birma. Reiseleiterin ist die Regisseurin Fabrice du Welz mit ihrer Liebe zum Kino der 1970er-Jahre (Wenn die Gondeln Trauer tragen von Nicolas Roeg, Apocalypse Now von Francis Ford Coppola und Cannibal Holocaust – Nackt und Zerfleischt vom urkomischen Ruggero Deodato). Auf dem Abstellgleis landet sie dabei ganz und gar nicht. Mit grandioser Wirkung, ohne jegliche Anspielungen auf den politischen Kontext oder gar den mystisch-tropischen Wahnsinn setzt die belgische Regisseurin den verstörten Zuschauer mitten in der verkohlten Landschaft ab, die der Tsunami hinterlassen hat. Wie auf einem verlassenen Schlachtfeld wirken die Steine, der Schlamm, die zerstörten Strohhütten und die bleierne Stille. Hier ist kein Leben mehr, und dennoch begeben sich Jeanne und Paul Belmer (gespielt von der vollkommenen Emmanuelle Béart und dem in seiner Aufmerksamkeit zerbrechlich wirkenden Rufus Swell) genau dorthin. An jenem schicksalhaften Tag im Dezember 2004 ist ihr Sohn zur gleichen Zeit verschwunden wie die sich zurückziehenden Wassermassen. Wer könnte sagen, was zu tun wäre, wenn er sich dort aufgehalten hätte oder wie man solche Gedanken verarbeiten könnte? Die Belmers haben keine Antwort darauf, und so wissen auch wir es nicht. Wir wissen nur, dass sie mit ihrer tragischen Situation nicht zurechtkommen, dass es unterschwellig gegenseitige Vorwürfe gibt und sie mit Recht glauben dürfen, ihr Kind sei noch am Leben und vielleicht von den unzähligen Piraten der Gegend entführt worden, um verkauft zu werden. Dieser Wirrwarr ist der Ausgangspunkt für eine gefährliche Rettungsexpedition mit ungewissem Ausgang. Die dumpfen Geräusche und das Knistern der Tonspur lassen gemeinsam mit den ungewöhnlichen, schwarz-grünlich-stichigen und beinahe germanisch wirkenden Bildern nichts Gutes erahnen. Sehr wirkungsvoll wird hiermit das Grauen angekündigt, das dem Paar beim Wühlen im Schlamm in ihrer Selbstaufgabe wie Blutegel ins Gesicht springt.

von Fabrice du Welz
(2008, Frankreich – UK – Belgien, 1 Std. 37 Min.)
mit Emmanuelle Béart, Rufus Sewell, Petch Osathanugraph…
Außer Konkurrenz, in Koproduktion mit ARTE France

Das Abgleiten in den Wahnsinn und die Gewalt stellt sich dar, ohne dass ohrenbetäubende und unnötige Effekte den Zuschauer aus dem Nebel der Suggestionen und des Schwefelgeruchs reißen. Die am anderen Ende der Welt gedrehten Filme und europäischen Produktionen sind diesmal so enttäuschend, dass dieser Filmerfolg von Fabrice du Welz wirklich zu begrüßen ist, die hiermit gerade mal ihren zweiten Kinofilm präsentiert. Und angesichts dessen, was mit Rufus Sewell passiert, hat Vinyan wirklich nichts von einer simplen Reise.
PLASTIC CITY

von Yu Lik-wai
(2008, Brasilien – China – Japan, 1 Std. 58 Min.)
mit Joe Odagiri, Anthony Wong, Huang Yi…
Wettbewerb Venezia 65

Unverständlicher ist der Versuch von Yu Lik-wai, dem Chefkameramann aus den meisten der Filme seines Landsmannes Jia Zhang-ke, der am Lido diesmal als Regisseur unterwegs ist. In Plastic City geht es um die auf die Herstellung und den Verkauf von gefälschten Waren spezialisierten Triaden in Brasilien. Zwar mag das Zusammenspiel von brasilianischem Städtebau und asiatischer Kultur ganz interessant sein, doch ist Plastic City weniger ein Mafiafilm als vielmehr ein Werk eines Chefkameramanns, ein ganz anderes Genre also, das meistens nur isoliert und nicht in Feldstudien funktioniert.
Julien Welter







per E-Mail verschicken




Facebook
Twitter
RSS

