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Sabine Dullin – Weil ich von der Russischen Revolution fasziniert war! Da schrieb ich meine Magisterarbeit über russische Geschichte. Ich begann, Russisch zu lernen und fuhr im Sommer 1988 zu einem Sprachkurs nach Moskau. Das war die spannende Zeit der Öffnung - trotz des schwierigen Alltags. Die Historiker bekamen endlich Zugang zu den Archiven: Sie betraten einen verbotenen Kontinent!
Haben Sie bei der Arbeit in den Archiven Russisch gelernt?
Angefangen habe ich mit dem Abschreiben der Dokumente des Außenministeriums, und meine russischen Freunde machten sich über mich lustig, weil ich im Stil der sowjetischen Funktionäre der 1930er-Jahre sprach! Der Zugang zu den Archiven war schwierig, da man sie gerade erst geöffnet hatte. Da hatten noch nie Ausländer gearbeitet: Es gab keinen Lesesaal, nur ein Kabäuschen neben dem Zimmer des Direktors, in das gewöhnlich Akademiker aus der Sowjetunion und den Ostblockländern kamen. Eine kleine Französin, die aufkreuzte, um Unterlagen über sowjetische Diplomaten der 1930er-Jahre anzusehen, wirkte da eher unerhört. Man gab mir ein Heft, in das ich meine Abschriften eintragen musste. Das Heft wurde zusammen mit den Originaldokumenten in einem kleinen Metallschrank verwahrt. Als es vollgeschrieben war, überprüften es die Angestellten zuerst auf "gefährliche" Geheimnisse, bevor sie es per Stempeldruck freigaben.
Sie gingen schon Anfang der 1990er-Jahre in die Archive. Konnte man da alle Dokumente einsehen?
In großem Maßstab wurden die Archive 1992 geöffnet, da nahmen westliche Historiker ihre Arbeit in den KPdSU-Archiven auf. Vor Aushändigung der Akten musste alles erst durchgesehen werden. Ich erinnere mich, dass ich auf persönliche Akten von Diplomaten warten musste, die 1937 während der Säuberungen verhaftet worden waren. Diese Akten mit ihren Biographien und Besonderheiten enthielten nämlich auch Denunziantenbriefe von manchmal noch lebenden Kollegen und Nahestehenden. Die entsprechenden Seiten wurden aus den Akten entfernt. Später, in den 1990er-Jahren, gaben die Archivare Akten mit versiegelten Umschlägen heraus, die nicht einsehbare Unterlagen enthielten. Es hing alles vom jeweiligen Archivbestand ab: Die Staats- und Parteiarchive waren offener. Die Archive des Verteidigungsministeriums und des KGB waren geschlossen, und die diplomatischen Archive waren immer schwer zugänglich. Ende der 1990er-Jahre begannen die Restriktionen, und manche Archive wurden sogar wieder geschlossen.
Wird die Zensur je nach Thema mal strenger, mal lockerer gehandhabt?
Wenn man beispielsweise über Fragen der Grenzziehung arbeitet, braucht man Zugang zu den Archiven der Grenzposten, doch die unterstehen dem ehemaligen KGB und sind nicht einsehbar. Bei den diplomatischen Archiven bin ich in der absurden Situation, dass mir die Archive des Außenministeriums, in denen ich jahrelang gearbeitet habe, jetzt nicht mehr offenstehen, da mein neues Forschungsthema als störend betrachtet wird. Man verweigert mir die Herausgabe von allem, was Territorialfragen und Verhandlungen der Grenzlinie zwischen der UdSSR und den Nachbarländern betrifft.
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Man fürchtet, Polen, Finnen und Balten könnten aus diesen Fakten Gebietsansprüche und Korrekturen der Grenzlinie ableiten. Das ist jedoch völlig unsinnig, denn Grenzen werden europa- und sogar weltweit höchst selten in Frage gestellt.
Wie kam es in der Sowjetzeit zu diesen Tabus?
Hier ist zum einen die Staatslüge zu nennen, das heißt die sofortige Leugnung eines aktuellen Ereignisses, weil es den Grundsätzen des Regimes oder der offiziellen Propaganda widerspricht. Ein Ereignis, das gleich von der Regierung geleugnet wurde, war beispielsweise die Hungersnot, die 1933 in der Ukraine, in Kasachstan und Russland ausbrach und sechs Millionen Todesopfer forderte. Die Hungersnot des Jahres 1921 dagegen war nicht nur öffentlich gemacht worden, sondern Lenin hatte sogar internationale Hilfe gefordert. Die Katastrophe von 1933 sollte bewusst verschwiegen werden, da sie der Propaganda für den 1929 von Stalin eingeführten Fünfjahresplan hätte zuwiderlaufen können. Dieser Staatslüge kam das Schweigen des Auslands entgegen: Die Westmächte wollten sich nicht mit der UdSSR anlegen, aus geopolitischen Gründen, wegen des Kampfes gegen das Naziregime. Der französische Radikalsozialist Edouard Herriot, der 1933 die Ukraine bereiste, hat nichts von der Hungersnot gesehen … Zum anderen gibt es Tabus, die von Bevölkerung und Staat geteilt werden: zum Beispiel die Gewalttaten, die Sowjetsoldaten an der Bevölkerung der befreiten Länder nach dem Zweiten Weltkriegs begingen. Auch von der Kollaboration mit der Geheimpolizei wollen die Leute nichts wissen, insbesondere wenn sie wichtige Institutionen des heutigen Russlands wie die Kirche betrifft. Das Thema Kollaboration wird in Russland viel stärker tabuisiert als in den anderen osteuropäischen Ländern.
Können Sie einen Überblick über die einzelnen Etappen der Tabuaufhebungen in Russland von 1953 bis heute geben?
Die erste Periode fällt in die Chruschtschow-Ära und begann1956 mit dem 20. Parteitag der KPdSU. Dabei ging es um die Person Stalins. Es sollte gezeigt werden, dass die Entgleisungen des kommunistischen Regimes der Persönlichkeit Stalins anzurechnen waren. Der Personenkult wurde angeprangert und das Schweigen über verborgen gehaltene Dokumente gebrochen, z.B. Lenins Testament, das eine Reihe von Aufzeichnungen enthält, die Lenin vor seinem Tod diktiert hatte. Darin bezeichnet er Stalin als brutalen und gefährlichen Menschen, den man als Generalsekretär absetzen müsse.
Aufgehoben wurden auch einige Tabus über Gulag, Folter und Opfer des Stalinismus in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre, allerdings nur kommunistische Opfer, wie die Rehabilitierung von Bucharin und anderen prominenten Führern der ersten Stunde bewies. Trotzki wurde nicht rehabilitiert. Die zweite Periode begann Ende der 1980er-Jahre und wurde Anfang der 1990er-Jahre fortgesetzt. Ausschlaggebend waren die Jahre 1988-1990. 1988 wurde die Organisation Memorial gegründet, die sich die Aufarbeitung der Stalinzeit und das Aufstellen von Denkmälern zur Erinnerung an die Opfer des Stalinismus zum Ziel setzte. 1990 gab Gorbatschow - nach einer Kampagne in den Baltischen Ländern 1989 - erstmal offiziell die seit 1940 vertuschte Existenz der Geheimprotokolle des deutsch-sowjetischen Paktes zu. Darin hatten Hitler und Stalin Osteuropa untereinander in zwei Einflusssphären aufgeteilt. Der imperialistische Charakter der Protokolle wird als Verletzung der Grundprinzipien des Kommunismus und des Stalinismus betrachtet und bis jetzt geleugnet, obwohl ihr Inhalt im Westen seit 1945 bekannt ist.
1990 wurde auch das Tabu über das Massaker von Katyn aufgehoben: Dort waren 1940 laut einem von Berija und Stalin unterzeichneten „Ukas“ (Befehl) 22.000 polnische Offiziere vom NKVD umgebracht worden. 1992 übergab Jelzin den Polen diesen „Ukas“, um die sowjetische Schuld an diesem Massaker, das die Sowjets bis davon den Nazis in die Schuhe geschoben hatten, zu belegen.
Nachdem Ende der 1980er-Jahre bestimmte Archive aus der Versenkung gehoben worden waren, konnten die Historiker ernsthaft an die Arbeit gehen. So entdeckten sie in den 1990er-Jahren Geheimbefehle von Jegow und Stalin, die zeigten, dass die Säuberungen in den Jahren 1937 bis 1938 eine massive Unterdrückung der Bevölkerung (ehemalige Kulaken, nationale Minderheiten) darstellte und nicht nur die kommunistischen Kader betraf. Das war in der Geschichtsschreibung verschwiegen worden, die bis in die 1990er-Jahre der von Chruschtschow eingeführten Sicht folgte, die besagte, dass der Terror sich nur gegen die kommunistischen Kader und die Weggefährten Lenins gerichtet hätte. Nach Auffassung von Nicolas Werth wurden die großen Moskauer Prozesse letztendlich oft nur als spektakuläres Ereignis vorgeschoben, um die Wirklichkeit dieser großen Terrorwelle zu kaschieren.
Natürlich ist auch Lenin ein Tabu: Im Gegensatz zu Trotzki, der aus allen Dokumenten verbannt wurde, ist Lenin die unantastbare Symbolfigur: allgegenwärtig, aber sakrosankt. Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre wurden Fotos des kranken Lenin veröffentlicht, was ihn menschlich machte und den bisherigen Leninabbildungen völlig zuwiderlief. Auch das bedeutete einen Tabubruch.
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Der Zweite Weltkrieg ist auch im derzeitigen Russland eine „heilige Kuh“, daher wird an viele Tabus nicht gerührt, z.B. die Kollaboration russischer Bevölkerungskreise mit Hitlerdeutschland. Es gibt Forschungen zur Kollaboration der Ukrainer und der Balten, aber nicht der Russen. Das Problem der Vergewaltigungen ist im Westen bekannt, nicht aber in Russland. Dort will man die Vielschichtigkeit des Krieges nicht wahrhaben und nivelliert die Rolle der einzelnen Länder innerhalb dieses Krieges, der ein „russischer“ Krieg bleiben soll.
Gibt es einheimische Historiker, die jetzt das Geheimnis lüften wollen?
Sie selbst bekommen nur schwer Zugang zu bestimmten Archiven, obwohl man es ihnen heute manchmal leichter macht als Ausländern.
Der russische Staat kehrt also zu Tabus zurück, und man nimmt das einfach so hin. Ist das nicht etwas beunruhigend?
Letztes Jahr gab es große Spannungen zwischen den Baltischen Ländern und Russland bezüglich der Siegesfeierlichkeiten, als hätte der russische Staat erneut Schweigen über den deutsch-sowjetischen Pakt und die Kollaboration verhängt. Putin propagiert eine simplifizierende Darstellung des Zweiten Weltkriegs mit dem Schwerpunkt auf dem antifaschistischen Kampf und der Befreiung der von den Nazis besetzten Gebiete. Ein zweites Beispiel: die Diskussion über die Veröffentlichung einer Anleitung für Geschichtslehrer, in der das Geschichtsbild dargelegt wird, das sie den Schülern beibringen sollen. Dieses ideologische Diktat in der Geschichtsdarstellung erinnert an die Lehrbücher der 1930er-Jahre und macht den russischen Historikern große Angst.
Sind die Lehrer gezwungen, dieses Lehrbuch zu benutzen?
Glücklicherweise noch nicht. Dieses Lehrbuch wird vom Bildungsministerium abgesegnet werden, auch wenn kein einziger Historiker an der Redaktion beteiligt war. Und es wird den Lehrern den „richtigen Weg“ weisen. Die heute von den Lehrern benutzten Schulbücher, die in den vorangegangen Jahren verfasst wurden, werden vom Ministerium angeprangert, da sie „mit Hilfe ausländischen Geldes“ geschrieben worden seien. Der Staat zieht sie in den Schmutz, da sie nicht „hundertprozentig national“ sind. Anhand der Sowjetgeschichte soll also die ungebrochene Kontinuität der russischen Großmacht deutlich gemacht werden.
Was wird in dieser neuen Phase aus der Figur Stalins?
Sehr negativ wird die Chruschtschow-Ära beurteilt: eine Zeit voller Unsicherheit mit all den rehabilitierten Heimkehrern aus den Lagern usw. Die Ära Gorbatschow gilt als absolute Krisenperiode. Die Stalinzeit dagegen wird positiv dargestellt: keine Arbeitslosigkeit, große Industriebauten. Im Putinschen Kontext modernisiert man das Stalinbild. Stalin wird als „effizienter Manager“ gepriesen. Doch die meisten russischen Historiker befolgen diese „russozentrische“ Geschichtsumschreibung nicht!
Es gibt heute einen großen Unterschied zwischen den wissenschaftlich vorgehenden Historikern, die in der internationalen Forschergemeinschaft anerkannt sind, und dem Staat, der zu einer ideologischen Sicht der Geschichte zurückkehrt. Wie verhält sich die Bevölkerung dazu?
Zurzeit ist Putin populär. In den Buchhandlungen sieht man riesige Abteilungen für Militärgeschichte. Die Bücher stellen die russische Nation und das russische Reich in den Vordergrund und sind Bestseller. Wissenschaftliche Arbeiten erscheinen nur in kleinen Auflagen und werden in kleinen Kreisen gelesen. Russland hat ein echtes Identitätsproblem, das zu einer Verkrampfung führt und sehr ausländerfeindliche und nationalistische Reflexe hervorruft. Ein enormes Problem ist die antisemitische, ausländerfeindliche, antikaukasische Presse. Es fehlt Russland an Tabus. Freiheit wird schädlich, wenn sie zu Massakern aufruft. Ein Beispiel, das ich kürzlich in der Presse las, zeigt diese Verwirrung bei den Russen bezüglich ihrer Identität: Einerseits will man Lenin aus dem Mausoleum entfernen, andererseits den Zaren rehabilitieren und zu guter Letzt auch noch Trotzki … All das mit einer humorvollen Anmerkung des Memorial-Direktors, der darum bittet, das Mausoleum nicht zu privatisieren.
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Leo Trotzki oder wie man sich einen Volksfeind Nr. 1 bastelt
Warum fühlen sich noch heute so viele Menschen vom Schreckgespenst Trotzki verfolgt? Zu seiner Zeit wurde er als Repräsentant der russischen Revolution vehement angegriffen. Aus dem anhaltenden Eifer, mit dem Trotzki noch immer verteufelt wird, kann man nur schließen, dass die mit der Oktoberrevolution von 1917 eingeleitete historische Epoche auch heute noch nicht abgeschlossen ist.







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