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Cannes 2006 - Offizieller Wettbewerb - 17/09/08

Volver

Ein Film von Pedro Almodóvar


Mit „Volver“ kehrt Spaniens Pedro Almodóvar zurück zu dem, was ihn in den 80er Jahren berühmt gemacht hat: zur dramatischen Familien- bzw. Frauenkomödie und zu den Stars seiner früheren Filme wie Penélope Cruz und Carmen Maura.
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

Darsteller: Penelope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Blanca Portillo
Spanien, 2006, 121’

Synopsis: Raimunda (Penelope Cruz) arbeitet hart, um sich, ihren arbeitslosen Mann und ihre 16-jährige Tochter in Madrid durchzubringen. Als sie eines Tages nach Hause kommt, liegt der Ehemann erstochen in der Küche – in Notwehr hat die Tochter den sexuell zudringlichen Vater umgebracht. Die Mutter verheimlicht die Tat vor der Polizei, indem sie den Leichnam ihres Mannes in der Tiefkühltruhe eines benachbarten Restaurants versteckt, welches sie hierzu wieder in Betrieb nimmt. Auch ihr Schwester Sole (Lola Dueñas) verrät sie kein Wort, um ihre Tochter zu schützen. Zeitgleich stirbt Tante Paula, die einzige engere Verwandte, die nach dem tragischen Tod der Eltern beider Schwestern vor vielen Jahren übrig blieb. Im gottesfürchtigen und abergläubischen Dorf in ihrer Heimatprovinz La Mancha heißt es, der Geist der Mutter habe sich in den letzten Jahren um sie gekümmert. Eines Tages taucht die Mutter (Carmen Maura) tatsächlich bei Sole auf - sie ist ein quicklebendiger Geist, wie sich herausstellt, der gekommen ist, um endlich ein altes Familiengeheimnis zu lüften.


  • Exklusiv im Gespräch mit... (Real Video)

Pedro Almodovar
Penelope Cruz
Carmen Maura


Kritik: Fast schon hatte man es vergessen, dass Penélope Cruz zuerst eine großartige spanischsprachige Schauspielerin ist, die in Filmen von Bigas Luna (Jamón, Jamón“) und Fernando Trueba („The Girl from your Dreams“), Alejandro Aménabar („Abre los Ojos“) und nicht zuletzt durch Pedro Almodóvar („Live Flesh“, „Todo sobre mi Madre“) international bekannt wurde; so sehr hatte sich darüber im öffentlichen Bewusstsein ihre Hollywood-Karriere und perfekt gestylte Rollen wie in „Vanilla Sky“ an der Seite ihres zwischenzeitlichen Lovers Tom Cruise geschoben. Nun hat Pedro Almodóvar ihr mit Raimunda erneut die Rolle einer bodenständigen Fraumitten aus dem spanischen Volk auf den Leib geschrieben, in der sie ihr wahres Talent zeigen kann und zu grandioser Form aufläuft.

Als Raimunda schuftet, flucht, lügt und liebt sie sich durch ein anstrengendes, vom täglichen materiellen Überlebenskampf gezeichnetes Leben. Immer zwischen Wut, Zärtlichkeit und Tränen, die urplötzlich ihre dunklen Augen fluten können. Sie steht im Zentrum einer Familie, die ausschließlich aus Frauen besteht, weil die Männer sich aus Schwäche daraus verabschiedet haben, sei es freiwillig oder unfreiwillig. Wie ihr Mann, der sich an der eigenen Tochter vergeht und dafür mit dem Tod bestraft wird. Doch während die meisten Regisseure eine solche Horrortat in Form eines Dramas verarbeiten würden, erzählt Almodóvar von starken Frauen, die mit unglaublicher Lebensweisheit und Solidarität beschließen, mit einer aussichtslosen Situation zurechtzukommen und sie mit viel Humor zu meistern. Wie ein Hochseilartist balanciert der Ausnahmeregisseur Almodóvar mit raumwandlerischer Sicherheit zwischen Komödie und Ernst, zwischen hyperrealistischen Szenen und Fantastischem und zwischen Leben und Tod.

Wie man eine Tote zum Leben erweckt und ihn als hochlebendigen Geist auf der Leinwand erscheinen lässt, ohne dass der Zuschauer auch nur eine Sekunde lang am Wahrheitsgehalt seiner Erzählung zweifelt, dass kann derzeit auf der Welt wohl niemand so gut wie Almodóvar. Dabei ist der Regisseur, wie man später erfährt, alles andere als ein Gläubiger in Sachen übersinnlicher Phänomene. Carmen Maura spielt das mütterliche Gespenst so anrührend, dass einem vor so viel Liebe und Menschlichkeit im Angesicht des die Familie umgebenden Schreckens das Herz übergeht.

Mit „Volver“ hat Almodóvar, der nach eigener Aussage eine eher bleierne, von kreativen Selbstzweifeln geprägte Zeit hinter sich hat, auch zu seinen filmischen Wurzeln zurückgefunden – zu seiner Heimat La Mancha, die er bereits als 17-jähriger in Richtung Madrid verließ, zur Komödie, die anders als frühere Filme wie „Womit habe ich das verdient?“ jedoch weniger barocke , dafür weisere, menschliche und poetischere Töne anschlägt - und eben zur Welt der Frauen, zur Mütterlichkeit, der Quelle aller Inspiration, aber auch Gelassenheit im Angesicht eines unentrinnbaren Todes.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 18-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08