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Anarcho-Kunst aus Russland - 27/07/12

Voina

In Russland wird kreative Kunst schnell zum Politikum: „Voina“ auf Russisch bedeutet „Krieg“ – und den erklärt die gleichnamige anarchistische Gruppe von 20 bis 25 Philosophiestudenten seit drei Jahren Polizisten, Politikern und dem Kunstestablishment.

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Ihre spektakulären Kunstaktionen werden im Internet hunderttausendfach geklickt und mittlerweile sogar von der britischen Street-Art-Ikone Banksy unterstützt. Mit Sex im Museum und projizierten Totenköpfen auf Putins Dienstsitz sorgen Voina in ihrer Heimat für jede Menge Aufmerksamkeit. Und das nicht nur bei Fans: Die Mitglieder der Gruppe wurden bereits mehrfach verhaftet und saßen erst vor Kurzem wieder im Gefängnis.
 
Die Geschichte verändern wollen Voina seit 2007. Mit der Performance „Ficken für den Thronfolger“ sorgten die Philosophiestudenten erstmals für Aufsehen. Zwei Tage vor den russischen Präsidentschaftswahlen hatten sie in einem Moskauer Museum Sex. Ihre Botschaft: Die Wahl Medwedews ist eine Farce. Absolut bedeutungslos.  
 
Oleg (Voina):
Gleich danach entstand ein Riesenskandal. Die Leute haben begonnen, zu reden und das Thema zu diskutieren. Sie hörten endlich auf, zu schweigen.

Seit diesem Tag wird das Ehepaar überwacht. Es besitzt keine Mobiltelefone, keine Kreditkarten und zahlt keine Miete – aus Prinzip. Zu ihren Sympathisanten halten sie per E-Mail Kontakt. Wie viele es genau sind, will Oleg nicht sagen. Irgendwas zwischen 20 und 2000. Tatsächlich gibt es Voina-Gruppen mittlerweile in jeder größeren russischen Stadt. Ihre Aktionen sind bestens organisiert. Oberstes Ziel: Schneller sein als die Polizei!

Endgültig berühmt wurde Voina mit einer perfekt getimten Performance in Sankt Petersburg: Innerhalb von Sekunden malten neun Aktivisten einen überdimensionalen Schwanz auf die bekannteste Brücke der Stadt - direkt vor dem Hauptgebäude des russischen Geheimdienstes. Der Clip „Dick captured by KGB“ wurde weltweit hunderttausendfach geklickt. Lohn für drei Monate Planung:
 
Natalia (Voina):
Wir haben jede Nacht zwei Wochen lang die Öffnung der Brücke beobachtet. Wir zählten die Anzahl der Bewacher, beobachteten die Reaktionen der Leute und wie genau das Anhalten der Autos vonstattengeht. Ein letztes wichtiges Moment ist der würdige Abgang. Das heißt, dass man erst den Plan richtig umsetzt, um anschließend würdevoll zu verschwinden.

Bei ihrer letzten Aktion im Herbst 2010 ging das allerdings schief: Um die Machtverhältnisse zwischen Polizei und Gesellschaft symbolisch auf den Kopf zu stellen, rollten Voina vor einer Dienststelle der Miliz ein Polizeiauto auf die Oberseite – in Rekordzeit. Erwischt wurden sie trotzdem – und wanderten für drei Monate ins Gefängnis:

Leonid (Voina):
Ich saß in einer kleinen Zelle ohne Fernseher und Radio. Im Knastslang heißt das “Gushnyak” – Gänsestall. Du bist von jeder Information ausgeschlossen und absolut isoliert.

Nach ihrer Verhaftung wurde eine Petition lanciert auf der über 5000 Künstler, Journalisten, Schriftsteller, Lehrer und Taxi-Fahrer unterschrieben haben. Seit einem Monat sind Oleg und Leonid auf Bewährung draußen. Die Ablöse für die Entlassung überwies niemand geringeres als Banksy.
 
Sollten Oleg und Leonid nochmals auffällig werden, drohen ihnen bis zu 7 Jahren Haft. Leider gehört Unauffälligkeit nicht gerade zu den Stärken Voinas. Und so geriet das Kollektiv auch während der Dreharbeiten von Tracks in Konflikt mit der russischen Miliz.

Gerade noch von Polizisten verprügelt und verhaftet, wurden Voina nun im April 2011 von völlig unerwarteter Seite prämiert: Das russische Kulturministerium zeichnete ihr Projekt „Dick captured by KGB“ am 7. April mit dem Innovationspreis des Ministeriums aus!
 
 

Links:

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Dienstag 26. April 2011 um 05.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 52mn)
WDR

Erstellt: 13-04-11
Letzte Änderung: 27-07-12