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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

06/04/06

Vladimir Horowitz at Carnegie Hall 1965

"Horowitz Live & Unedited - Carnegie Hall Return Concert 1965"


Von der Klavierlegende Vladimir Horowitz gibt es viele Schallplatten, die den Rang von Jahrhundertaufnahmen haben. Aber eine ragt besonders heraus: Es ist der Mitschnitt seines spektakulären Comebacks in der Carnegie Hall am 9. Mai 1965.

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Horowitz hatte zuvor zwölf Jahre lang keinen einzigen Ton vor Publikum gespielt. Tourneemüde und entnervt von dem Erwartungsdruck, der auf ihm lastete, war sein Horror vor Konzerten ins Unerträgliche gewachsen. Von 1953 bis 1965 hatte er sich ganz ins Privatleben zurückgezogen und seine New Yorker Wohnung nicht einmal für die wenigen Schallplattenaufnahmen verlassen, die er in dieser Zeit machte. Seine Rückkehr auf die Konzertbühne geriet dementsprechend zu einer Klassik-Weltsensation. Horowitz wäre an jenem denkwürdigen Sonntagnachmittag im Mai 1965 mit seinem Rolls Royce fast im Verkehrschaos steckengeblieben, so groß war der Rummel rund im die Carnegie Hall. Im berstend vollen Saal hatte sich die Künstlerprominenz von Igor Strawinsky bis Rudolf Nurejew, von Leopold Stokowski bis Leonard Bernstein versammelt. Und mit dem Publikum und der Stille vor dem ersten Ton war in Horowitz plötzlich auch wieder die Angst vor dem Versagen da.

Auf einem Mitschnitt des legendären Konzerts kann man hören, welches Psychodrama sich damals abgespielt hat. Horowitz war der Champion aller Klassen, der nach langer Abwesenheit wieder entschlossen in den Ring zurückkehrte, dem aber im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit mühsam zurück errungene Selbstsicherheit gleich wieder schwand. Für einen kurzen Moment taumelte er, schien zu fallen – und triumphierte am Ende schließlich doch.

Er eröffnet das Konzert mit Bachs Toccata, Adagio und Fuge C-Dur (BWV 564) in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni. Gleich in der einleitenden Phrase greift er herb daneben und die nervös abrollenden Skalen der Toccata lassen die innere Anspannung erahnen, die sich hinter den selbstbewußt gesetzten Tönen verbirgt. Man spürt, wie dünn der Boden ist, auf dem Horowitz sich bewegt. Das Adagio gerät ihm zu einer wunderbar meditativen Passage der Selbstberuhigung, gefasst und gemessen geht der Puls der Musik, frei schwingen die Kantilenen aus. Und in der Fuge entfacht er den für ihn so typischen überkontrastierten Stimmführungszauber. Aber mit der Fantasie op.17 von Robert Schumann kehrt die Nervosität zurück, die Unsicherheiten werden immer vernehmlicher und kulminieren in der Coda des zweiten Satz, in der Horowitz die Sprünge verpatzt und für einen kleinen Augenblick vollends aus der Spur zu geraten droht. Später wird er als Entschuldigung behaupten, Schweißtropfen seien ihm ins Auge gelaufen und hätten ihn behindert.
In Skrjabins Sonate Nr.9 („Schwarze Messe“) hat er die Krise überwunden: Dunkel entrückt, kraftvoll magisch und souverän lässt er das Stück vorüberziehen. In den Chopin-Piécen samt Zugaben ist er dann ganz der Alte: Ein souveräner Charmeur und Farbenmagier, ein romantisierender Poet und pianistischer Alleskönner.

Horowitz war zu eitel, die Fehler auf dem Mitschnitt zu akzeptieren. Mit Nachaufnahmen ließ er damals einige Stellen manipulieren, ohne dass dies auf der als „Live-Dokument“ präsentierten LP vermerkt wurde. Besonders im zweiten Satz der Schumann-Fantasie waren die Retuschen gravierend. Erst vor zwei Jahren, zum 100. Geburtstagsjubiläum von Vladimir Horowitz, hat Sony Classical (das die Rechte an den alten Columbia Masterworks-Aufnahmen besitzt) den authentischen Mitschnitt dieses legendären Comeback-Konzerts veröffentlich – und der Musikwelt einen Klassik-Thriller geschenkt.


Horowitz Live & Unedited - Carnegie Hall Return Concert 1965
Livemitschnitt des legendären "Carnegie Hall Return Concert" aus dem Jahr 1965, erstmals in der ungeschnittenen, originalen Fassung:
Bach / Busoni:Toccata, Adagio & Fuge BWV 564
Schumann:Fantasie op. 17;Träumerei aus op. 15; Kinderszenen op. 15 (Aufnahme 1962)

+ Chopin:Mazurka Nr. 21;Ballade Nr. 1; Etüde Nr. 8
+Scriabin:Klaviersonate Nr. 9;Poeme Nr. 1
+Zugaben von Debussy, Scriabin, Moszkowski, Schumann
+Bonus-DVD (Video):Probenausschnitte & Interviews
2 CDs (Sony SK 93024)

Erstellt: 08-03-06
Letzte Änderung: 06-04-06