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Ein Magazin von Claire Doutriaux

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 05. Juli 2009 - 05/07/09

das Porträt: das Schlüsselkind

das Schlüsselkind


Sie wissen sicher, was ein Schlüsselkind ist. Nadège Marguerite, eine französche Germanistin, porträtiert für uns dieses Kind, das ein deutsches Phänomen ist.

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Wie Sie wissen, ist der Unterricht an deutschen Schulen am frühen Nachmittag, gegen 14 Uhr, beendet – ein Traum für die kleinen Franzosen, nebenbei gesagt. Das Problem ist nur, dass um diese Uhrzeit viele Eltern arbeiten. Und weil städtische Einrichtungen meist rar sind, begeben sich viele Kinder in ein Zuhause, in dem niemand auf sie wartet. Sie tragen daher den Hausschlüssel um den Hals, er hängt an einer strapazierfähigen Schnur und wird wie eine Halskette getragen. Schlüssel, Kind: das Schlüsselkind. Jetzt sagen Sie, dass es doch auch in den französischen Schulen Kinder gibt, die auf dem Schulhof stolz mit ihren Schlüsselbund mitsamt einem tollen, hochmodischen Schlüsselanhänger herumspazieren. Das stimmt, in Deutschland sind die Schlüsselkinder jedoch keine Modeerscheinung wie in Frankreich, sondern ein echtes gesellschaftliches Phänomen.

Das Wort "Schlüsselkind" wurde in Deutschland zum ersten Mal 1956 von dem Münchner Pädagogen Otto Speck benutzt, um Kinder zu bezeichnen, die einen Großteil des Tages sich selbst überlassen sind. Sie können ihren Nachmittag nach Belieben gestalten, vor dem Fernseher Süßigkeiten naschen und die Straßen unsicher machen. Genau genommen sind die ersten Schlüsselkinder die Kinder der frühen Nachkriegszeit. Ihre Väter sind auf dem Schlachtfeld gefallen und ihre Mütter müssen arbeiten, um die Familie zu ernähren. Dann kamen die Schlüsselkinder der fünfziger Jahre.

Das war die Epoche, in der noch mehr Frauen zu arbeiten begannen: entweder aus Wunsch, oder aus Notwendigkeit, wenn die Auflösung der traditionellen Familie ihnen gar keine andere Wahl ließ. Und in Deutschland wird eine Frau, die nicht in ihrer Küche und bei ihren Kindern bleibt, nicht gerne gesehen. Denken sie nur an die drei Ks, die den weiblichen Lebensraum bis vor nicht allzu langer Zeit noch begrenzten: Kinder, Küche, Kirche. Schnell werden voreilige Schlüsse gezogen und die Mütter angeklagt: Rabenmütter nennt man sie, nach der landläufigen Meinung, dass die Raben ihre Jungen früh aus dem Nest werfen.

Die Kinder werden gebrandmarkt. Man behauptet, sie würden später lesen lernen und schlechtere Noten nach Hause bringen. Es ist leicht, sie aller Übel der deutschen Gesellschaft, zum Beispiel der Kleinkriminalität zu bezichtigen. Kurz, für einen Großteil des konservativen Deutschland ist das Schlüsselkind ein Problemkind und ein werdender Verbrecher. Und dennoch beneiden Schulkameraden manchmal die Schlüsselkinder um ihr frühes Verantwortungsbewusstsein und ihre Autonomie, die sie zwangsläufig erlernen, wenn sie der permanenten Aufsicht ihrer Eltern entgehen… Schauen sie sich das Schlüsselkind gut an, denn es ist vom Aussterben bedroht. Die Deutschen schielen nämlich seit kurzem interessiert auf das französische Schulsystem und denken ernsthaft daran, die Ganztagsschule auch in Deutschland einzuführen.


Text: Nadège Marguerite
Bild: Meike Fehre

Erstellt: 30-06-09
Letzte Änderung: 21-05-10


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