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Im Gespräch mit... - 25/09/07

Veronica Ferres

Die Löwin vom Checkpoint Charlie


Ein missglückter Fluchtversuch, die Anklage der Republikflucht, ein sechs Jahre währender Kampf um die zurückgelassenen Kinder – die Dresdnerin Jutta Gallus wurde in den 1980er Jahren zum Symbol für das Unrecht in der DDR. Jetzt spielt Veronica Ferres die Frau vom Checkpoint Charlie in einem aufsehenerregenden Zweiteiler auf ARTE.

Ines Veith, die Autorin der Romanvorlage, traf Veronica Ferres für das ARTE Magazin in Hamburg.

Das Programm auf ARTE:
Die Frau vom Checkpoint Charlie
Zweiteiliger Fernsehfilm
Freitag · 28. September · 20.40 Uhr

Die Frau vom Checkpoint Charlie
Dokumentation
Freitag · 28. September · 23.40

„Gebt mir meine Kinder zurück!“ Mit einem Plakat steht Sara Bender bei Wind und Wetter am Westberliner Grenzübergang Checkpoint Charlie, um öffentlich für ihre Rechte zu protestieren. Zwei Jahre zuvor wurde sie bei dem Versuch, gemeinsam mit ihren Töchtern aus der DDR zu fliehen, in Bukarest verhaftet. Veronica Ferres spielt in dem Fernsehfilm „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ die kämpferische Sara Bender, deren Geschichte auf dem gleichnamigen Tatsachenroman über das Schicksal von Jutta Gallus beruht.

Ines Veith: Wie hast Du es geschafft, die Persönlichkeit von Jutta Gallus so intensiv zu spielen?

Veronica Ferres: Ich habe diese Geschichte schon im Vorfeld der Dreharbeiten sehr nah an mich herankommen lassen. Habe mir vorgestellt, wie grausam es ist, wenn dir jemand das Liebste, was du hast im Leben, deine Kinder, gewaltsam wegnimmt. Diese Vorstellung hat so viel Raum in mir eingenommen, dass es fast so ist, als hätte ich das selbst erlebt. Ich bewundere Jutta Gallus für ihr Durchhalten.

Ines Veith: Wann bist Du zum ersten Mal mit dieser Geschichte in Berührung gekommen?

Veronica Ferres: Das war schon in den 80er Jahren. Mich haben damals die Zeitungsberichte aufgewühlt. Ich bewunderte ihre Tapferkeit, und ihr Schicksal ist mir in Erinnerung geblieben. Eine tolle Frau.

Ines Veith: Was ist das Besondere an Jutta Gallus?

Veronica Ferres: Sie ist eine Frau mit viel Gefühl und Herz, aber auch mit Mut, Konsequenz und der Fähigkeit, spontan und entschieden zu handeln. Viele Menschen würden gerne so handeln wie sie. Sie ist geradlinig und hat im entscheidenden Moment genug Galgenhumor, um mit schwierigen Situationen fertig zu werden. 

Ines Veith: Hast Du Dich gleich in diese zeithistorische Frauenfigur hineinversetzen können?

Veronica Ferres: Ich habe sofort gespürt, dass mich die Rolle menschlich sehr reizt. Es war eine Herausforderung. Ich habe diese Geschichte total aufgesogen – du spielst auf einmal nicht nur eine Rolle, du wirst immer mehr zu dieser Figur. Der Regisseur Miguel Alexandre hat mich dabei sehr genau geführt. Er gibt einem das Gefühl, dass man sich fallen lassen kann. Das ist für die Darstellung wichtig, es hat mich geöffnet, aber sicher auch angreifbarer gemacht. Ich erscheine dann manchmal während der Dreharbeiten für meine Umwelt sehr verletzbar, sensibel. Weil es so viel Kraft kostet und an einem zehrt. 

Ines Veith: Was bedeutet Widerstand für Dich persönlich?

Veronica Ferres: Ich glaube, jeder wächst an den Widerständen des Lebens. Aber sie müssen nicht immer so heftig sein, dass sie einen fast zerstören.

Ines Veith: Hättest Du in dieser Situation genauso gehandelt wie Jutta Gallus?

Veronica Ferres: Ich glaube, ja und nein. Wahrscheinlich hätte ich so sein wollen, aber ich hätte nicht die Kraft gehabt, das durchzustehen. Wenn ich ehrlich bin, ich hätte es nicht ausgehalten. Es hat mich schon sehr viel Kraft und Mühe gekostet, die Rolle über Wochen zu spielen. Aber Jahre in dieser Ungewissheit leben zu müssen, das muss die Hölle sein. Aber wer weiß schon genau, wie er in bestimmten Situationen reagiert?

Ines Veith: In meinen Augen hat die Frau vom Checkpoint Charlie in ihrer Botschaft auch einen universellen Anspruch. Sie ist die Frau, die an der Demarkationslinie zwischen Diktatur und Demokratie ganz klar und fest auf der Seite der Demokratie steht mit der Aussage: Mit mir nicht! Das reißt einen förmlich mit. Geht dir das auch so?

Veronica Ferres: Das ist das Besondere an dieser Figur. Dieser absolute Wille, ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu wollen. Das kann ich auch ganz klar nachfühlen. Der Wille gibt dieser Figur Größe. Und es ist sicher auch der Grund, warum wir sie alle bewundern.

Ines Veith: Wusstest Du, dass seit dem Mauerbau mehr als 30.000 Häftlinge aus der DDR freigekauft wurden?

Veronica Ferres: Nein, das wusste ich nicht. Dass es Konflikte gibt, hat man mitbekommen, aber nie die näheren Umstände

Ines Veith: Ihr habt im Burggefängnis Hoheneck gedreht, am Originalschauplatz. Hast Du Dir den DDR-Frauenknast so vorgestellt und wie hast Du reagiert?

Veronica Ferres: Ich werde diesen Drehtag nie im Leben vergessen. Ich wurde frühmorgens vom Hotel abgeholt und wir fuhren zur Burg. Als sich das mächtige Tor öffnete und ich diesen großen Bau und dann die Zellen gesehen habe, habe ich eine Gänsehaut bekommen. Ich stellte mir vor, wie viel Angst, Blut, Schweiß, Elend ein Mensch vertragen kann. Das muss man gesehen haben, um es begreifen zu können.

Ines Veith: Hast Du eigene Erfahrungen mit der DDR?

Veronica Ferres: Ich wollte in den 80er Jahren mit meinem Bruder von Westberlin nach Ostberlin fahren. Wir wollten mit einem Tagesvisum rüber. Ich hatte Hunger und mir nichts dabei gedacht, in mein Butterbrot zu beißen, als wir die Grenze passierten. Ich war ja nur Beifahrerin. Da brüllte mich der Grenzebeamte an: „Hören Sie sofort auf zu essen! Sie haben wohl keine Obrigkeitshörigkeit!“ Die hatte ich wohl in der Tat nicht. Ich biss demonstrativ noch mal in meine Stulle. Da war dann alles zu spät. Statt des Ausflugs nach Ostberlin wurden wir sieben Stunden an der Grenze festgehalten, wurden kontrolliert und ausgefragt. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, was es heißt, wegen einer Nichtigkeit einer fremden, aggressiven Macht ausgeliefert zu sein. Diese Begegnung habe ich nie vergessen.

Ines Veith: Was ist Deiner Meinung nach der Grund dafür, dass die filmische Auseinandersetzung mit der DDR derzeit so intensiv geführt wird?

Veronica Ferres: Wir sind erst jetzt in der Lage, wirklich in die Tiefe zu gehen. Nicht nur das politische Geschehen zu kommentieren, sondern uns mit dem Lebensalltag der Menschen auseinanderzusetzen. Das ist sicher noch ein langer Prozess. Aber es ist gut und sehr wichtig, dass es geschieht.

 

ARTE PLUS
Veronica Ferres:
geb. 1965 in Solingen, Studium der Theaterwissenschaften in Wien; Theater-, Kino-, TV-Rollen; spielte 2002–2004  die Rolle der Buhlschaft im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen

Filmografie (Auswahl):
„Das Wunder von Berlin“ (2007, abgedreht); „Die wilden Hühner und die Liebe“ (2006); „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ (2006, TV); „Die Manns“ (2001, TV); „Late Show“ (1999); „Rossini“ (1996); „Das Superweib“ (1995); „Schtonk“ (1991)

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Die Frau vom Checkpoint Charlie
Zweiteiliger Fernsehfilm
Freitag · 28. September · 20.40

Die Frau vom Checkpoint Charlie
Dokumentation
Freitag · 28. September · 23.40

Erstellt: 25-09-07
Letzte Änderung: 25-09-07