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KurzSchluss

"KurzSchluss - Das Magazin" zeigt die neuesten Kurzfilme aus aller Welt - und wirft einen Blick hinter die Kulissen: mit Porträts, Drehberichten, aktuellen Festival- und Filmtipps und vielen spannenden Interviews.

> Sendung vom Montag 30. Juni 2003 > Valérie Mréjen

30/06/03

Valérie Mréjen

„Valérie Mréjen ist ohne Zweifel am Beeindruckendsten, wenn Sie zum Ausdruck bringt, dass hinter der Sprache nichts ist, kein Sein, keine Präsenz, sondern Leere, Abwesenheit, die Unmöglichkeit, diese Welt auszufüllen. Eine leere Hülle, ein Nicht-Sein. Fehlende Verkörperung. […] Etwas provokant könnte man sagen, dass Valérie Mréjen nichts zu sagen hat. Und dieses nichts sind wir.“


Stéphane Bouquet

Valérie Mréjen. Um die dreißig, Augen die an eine sonnendurchflutete weißgetünchte Stadt denken lassen, Absolventin der Kunsthochschule von Cergy-Pontoise, zwei beachtete Buchveröffentlichungen. Dutzende Videofilme, die in Kunstgalerien und Kinos für Aufsehen sorgen. Ein Lieblingsthema, das ihre Filme und Literatur durchzieht: Die Sprache. Die der einfachen Leute, die Sprache des Alltags. Mit all ihren Ticks, Leerfloskeln, Wiederholungen, Begrenzungen, Mängeln und Widersprüchlichkeiten.
Eine Videotechnik mit wiederkehrenden Stilelementen, die das vor sechs Jahren begonnene Werk charakterisiert: Starre Kameraeinstellungen, puristische Ausstattung, minimale Inszenierung, Plansequenzen.
Texte, die mal Dialoge, mal Monologe sind, formal streng gegliedert, häufig von nicht professionellen Schauspielern distanziert vorgetragen.
Personen, meist sitzend, die mit Gemeinplätzen gespickte Sätze sprechen ("Was gibt es Neues?" "Wie geht’s?" "Wie waren die Ferien?" "Das ist toll").
Kurze Sketche (ein bis drei Minuten), mit denen ein Begriff dargestellt wird, der durch die Neutralität des Tons, das bewusste Weglassen eines Kontexts und die Schmucklosigkeit der Inszenierung zusätzlich sinnentleert wird.
Berichterstattung oder Alltägliches trifft ohne störend ablenkende Details auf Dramatik, Absurdität oder Grausamkeit. Worthülsen, deren Leere die Grenzen dessen zum Schwingen bringen, was wir gemeinhin Kommunikation nennen.
Geschichten, die von jedem X-beliebigen stammen könnten, auch von uns selbst, und bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.


„Ich habe durch meine Familie eine besondere Beziehung zu Sprache. Mein Vater hat eine sehr limitierte Sprache, er hört nicht richtig zu und drängt seine Kinder gleichzeitig ständig, zu ,kommunizieren’. Alles läuft so ab, als sei die einzig mögliche Realität die in Form eines Berichts: Von seinem Tag, vom Frühstück in all seinen Einzelheiten. Alles soll man erzählen. Und dann, sobald man geendet hat, hört man: „Reich’ mir mal das Salz“. Alles vergessen, alles beginnt wieder bei Null. Ich selbst handle in dem Glauben, man habe mir immer wirklich zuhört. Ich glaube wirklich, dass man Dinge aussprechen kann. Gleichzeitig kenne ich das Gegenteil nur allzu gut: Das Unausgesprochene, das Unbeholfene, diese vielen Momente, in denen Absicht und Ergebnis auseinander klaffen.
Ich weiß nicht, ob ich diesen Graben wirklich überwinden kann. Ich will nichts reparieren, das ich schrecklich fände. Eher mit Abstand betrachten und gleichzeitig darin bleiben.
Aus : „À l’assaut des moulins à paroles“, Emmanuel Lequeux, Aden/Le Monde, Februar 2000.

„In meinen Videos sprechen die Leute miteinander oder zu sich selbst, ohne jemals wirklich zu kommunizieren. Ihre Worte stoßen sich an den Grenzen üblicher Gemeinplätze, einige wenige vorgefertigte Ausdrücke dienen als Sätze.“
Art Press, Nr. 244.

VIDEOGRAFIE:

· 1997
Bouvet (1 Min. 35)
Eine in Frontalansicht aufgenommene Person erkundigt sich bei einem unsichtbaren Gesprächspartner mit den üblichen Ausdrücken nach Neuigkeiten (“Was gibt’s Neues, Was machst Du so?" usw.)
Mit Jean-Christophe Bouvet

Au revoir, merci, bonne journée (1 Min. 50)
Eine alte Frau mit gefährlichem Lächeln wiederholt unaufhörlich “Auf Wiedersehen, Danke, Guten Tag”.
Mit Paulette Bouvet

Une noix (1 Min. 43)
Szene der Aufnahme eines kurzen Liedes mit einem kleinen Mädchen und einer Frau.
Mit Judith Zins (kleines Mädchen) und Denise Schröpfer (Frau)

Tonie et Etienne (1 Min. 40)
Ein kleiner Junge kehrt aus den Ferien heim. Am Küchentisch fragt ihn die Mutter nach seinen Ferien.
Mit Tonie Marshall und Étienne Adelin

Michèle et Aurore (2 Min.)
Eine Mutter gibt ihrer heranwachsenden Tochter Schönheitstipps.
Mit Michèle Moretti (Mutter) und Aurore Mréjen (Tochter)


· 1998
Maïté et Philippe (2 min)
Ein Vater fragt seine Tochter, wie es ihr geht.
Mit Philippe Laudenbach und Maïté Maillé

Sympa (1 Min. 10)
Eine junge Frau erzählt von ihren Erlebnissen am Vorabend.
Mit Lucia Sanchez

Anne et Manuel (2 Min. 15)
Ein Paar trinkt an einem runden Tischchen einen Aperitif.
Mit Anne Consigny und Manuel Mazaudier

Jocelyne (2 Min. 10)
Eine junge Frau erzählt von einer Liebesnacht
Mit Jocelyne Desverchère


· 1999
Huguette (3 Min. 08)
Ein Mann, im Sofa sitzend, erzählt von seiner Freundin Huguette.
Mit Daniel Kenigsberg

Comment aider votre mari à réussir dans la vie (3 Min. 23)
Lesung aus dem Buch “Wie Sie Ihrem Mann helfen, im Leben Erfolg zu haben”.
Mit Lise Lamétrie

Valérie (1Min. 14)
Eine junge Frau berichtet von einer enttäuschten Liebe.
Mit Valérie Donzelli

Le projet (1 Min. 54)
Drei Freundinnen treffen sich zu einer Arbeitssitzung.
Mit Anne Consigny, Jocelyne Desverchère und Lucia Sanchez

Il a fait beau (4 Min.)
Ein junger Mann berichtet von seinem Urlaub.
Mit Edouard Levé, Maer Kamoun, Daniel Isoppo, Lise Lamétrie, Denise Schröpfer

Yves et Sylvia (4 Min.)
Eine Mutter erzählt Ihrer Tochter von dem Wochenende, das sie bei Freunden auf dem Land verbracht hat.
Mit Sylvie Debrun und Angela Pigeroulet

C (1 Min. 30)
Eine junge Frau regt sich über eine Kleinigkeit auf.
Mit Catherine Vinatier

Scali / Margot (2 Min. 05)
Ein junges Paar spricht von seinen Urlaubsplänen.
Mit Scali Delpeyrat und Margot Abascal

· 2000

Des larmes de sang (2 Min.)
Eine Frau, auf einem Sofa sitzend, beklagt sich über das Verhalten Ihres Mannes.
Mit Berthe Mréjen

La poire (45 sec)
Eine Frau, auf einem Sofa sitzend, beklagt sich über das Verhalten Ihres Mannes.
Mit Berthe Mréjen

Élisabeth (3 Min. 19)
Eine Frau, auf einem Sofa sitzend, erzählt Erinnerungen.
Mit Berthe Mréjen

Le goûter (4 Min. 03)
Eine junge Frau empfängt Freunde zum Tee.
Mit Mireille Roussel und Jérémie Elkaïm

Éric (2 Min. 42)
Drei Freunde diskutieren und trinken Wein.
Mit Michèle Moretti, Daniel Isoppo und Jean-Paul Bonnaire

Titi ou les kiwis (1 Min. 27)
Ein Paar diskutiert hinter einem Tisch.
Mit Jocelyne Desverchère und Maer Kamoun

Marianne (1 Min. 38)
Freunde essen gemeinsam.
Mit Martine Thinières, Daniel Kenigsberg, Philippe Lebas, Christine Joly, Agnès Bourgeois und Charlotte Gosselin

Blue bar (2 Min. 47)
Bekannte begegnen sich auf einer Vernissage.
mit Scali Delpeyrat, Jocelyne Desverchère, Vincent Dieutre, Franck Gourlat, Edouard Levé, Chantal Osterreicher, Valérie Mréjen, Sophie Planet, Christophe Prébois, Éric Savin, Véronique Varlet


· 2001
La défaite du rouge-gorge (35 mm, 22 Min.)


· 2002
Portraits filmés (Video, 13 Min. 30)
„Bei der Videoreihe ,Portraits filmés’ habe ich Freunde und Bekannte gebeten, eine Erinnerung zu erzählen: frisch, alt, wichtig oder flüchtig, eine, die einem sofort einfällt oder eine, nach der man suchen muss. Auf jeden Fall aber eine Erinnerung, die irgendwie besonders war. Mit Blick in die Kamera erzählt jeder seine Geschichte“. Valérie Mréjen.
Mit: Elizabeth Wild (Le Têtard), Christopher Dean (Les Paillettes), Elina Löwensohn (La Bibliothèque), Claudia De Bonis (Les Tupperware), Sonia Kronlund (Le Magnétophone), Nicolas Moulin (Mars), Stéphane Bouquet (Le Pendu), Chantal Osterreicher (Mme Albert, Les Rats), Alice Guerlot-Kourouklis (Les Sports d’hiver), Bernard Michel (La Tique), Pierre Primetens (La Colombe), Quico Herrero (Ce qui est passé).

Oops
(video, 7 Min.)


· 2003
Chamonix (35 mm, 13 Min.)
Mit Laura Henno, Dominique Gilliot, Fabienne Gaston-Dreyfus, Bernd Richter, Jocelyne Desverchere

Literaturveröffentlichungen:

· Les coccinelles et les bols Duralex (Verlag Rouleau libre, 1994)
· Un esclandre et Une dispute (Verlag Sérigraphiques, 1995)
· Le langage des fleurs et L’eau qui dort (Verlag Rouleau libre, 1995)
· La liste des invités (Verlag Plurielle , 1996)
· Liste rose (Verlag Galerie du jour, Agnès b, 1997):
· Meilleur souvenir (Verlag Frac Languedoc-Roussillon, 1997))
· Mon grand-père (Verlag Allia, 1999)
· L'agrume (Verlag Allia, 2001)

Ausstellungen von VALÉRIE MRÉJEN:
Galerie Cent8, 108, rue Vieille du Temple, Paris (01 42 74 53 57). Filme als VHS-Kassette erhältlich.


EIGENE AUSSTELLUNGEN:
(Valérie Mréjen nimmt auch an zahlreichen Gemeinschaftsausstellungen teil.)


· 2003
Galerie du Centre culturel français, Mailand
Centre pour l’image contemporaine, Saint Gervais, Genf
Festival du film français de Stockholm

· 2002
Galerie Cent8-Serge le Borgne, Paris
Winslow Garage, Los Angeles

· 2001
Château de Candiac, Candiac (auf Vorschlag von Bob Calle)
Exciting, Galerie Cent8-Serge le Borgne
Kollagenausstellung, Galerie de l’École de Cergy Pontoise, Paris

· 2000
Artissima, Messe Turin (Altissima-Preis)
Galerie Cent8, Paris
CCC, Tours
Le Hall, Ecole nationale des beaux- arts, Lyon
Vivre sa vie, Projet room, Tramway, Glasgow

· 1999
Espace Croisé, Lille

· 1998
Logorrhées, Centre d’art contemporain de Basse Normandie, Hérouville-Saint-Clair

· 1997
Frac Languedoc Roussillon, Espace Diogène, Pézenas

· 1995
Collège Marcel Duchamp, Châteauroux

KÜNFTIGE AUSSTELLUNGEN :

Ab 31. Juli bis 4. August 2003, Festival du film d'Ottawa

Ab 21. November 2003 bis 4. Januar 2004, Gemeinschaftsausstellung , The Process, Kiasma Helsinski

Ab 29. November 2003 bis 7. Februar 2004, Eigene Ausstellung, Postbahnhof am
Ostbahnhof, Berlin

LINKS:

http://www.attitudes.ch/expos/batie/mrejen.htm

Website „Côté court“, (Pantin)

Frac Website zum Thema Kollagen

PRESSEVERÖFFENTLICHUNGEN:

„Des galeries à l’écran“ von Patrice Blouin, Les Cahiers du cinéma, Nr. 564, Januar 2002
„Malice au pays des merveilles“ von Frédérique Deschamps, Libération, 9. April 2002
„Regards parallèles“ von Antoine de Baecque, Libération, 4. Juli 2002
„Ça ou rien“ von Vincent Dieutre, Katalog des Festivals Côté Court de Pantin, 2001.
„Un truc vraiment sympa“ von Philippe Piazzo, Aden/ Le Monde, März 2001
„Eclats de vie ordinaire“ von Jean-Max Colard, Les Inrockuptibles, Nr. 306, September 2001
„En quête du réel“ von Arnauld Visinet, BREF Nr. 45, Sommer 2000
„La triste fascination de la banalité“ von Philippe Dagen, Le Monde, 7. Juli 2000
„Le dialogue des pathétiques“ von Fabienne Fulchéri, Technikart, Nr. 40, März 2000
„Petits contes cruels et une échappée“, Le Monde, 27. Februar 2000
„Voix du Nord“ von Nicolas Thély, Les Inrockuptibles, April 1999

Photos Portraits filmés © Marc Domage/Tutti/ 2002
Portraits photographiques © Valérie Mréjen

Erstellt: 05-05-04
Letzte Änderung: 30-06-03