Berlinale 2005 - Panorama - 17/02/05
Va, vis et deviens
Ein Film von Radu Mihaileanu
Eine kunstvollen Balance
zwischen Tragik und Komik
Die Filme - Berlinale 2005
Synopsis: Äthiopien, um die Jahreswende 1984/85 – nach einer Hungerkatastrophe kommt es zum Exodus und zum Tod tausender äthiopischer Juden. Um das Volk der “ Falashas“ aus einem Flüchtlingslager im Sudan zu retten, entschließt sich Israel unter der Führung des Mossad und mit Hilfe der USA zu einer beispiellosen Rettungsaktion – so gelangen fast 8000 Menschen, viele davon Waisen, ins gelobte Land. Der kleine Schlomo aber ist weder Jude, noch Waise, sondern ein „Goi“ –seine Mutter hat ihn dazu überredet, sich als Jude auszugeben, um dem Hungertod zu entkommen. In Israel wird Schlomo von einer aus Frankreich stammenden, jüdischen Familie adoptiert. Geprägt von der Angst, als Lügner entlarvt zu werden, wächst Schlomo zu einem jüdisch-israelisch-französischen Bürger heran, vergisst aber doch nie seine Mutter und seine ursprüngliche Identität.
Kritik: Wenn es nach dem Willen des Publikums ginge, müsste Va, Vis et Deviens nicht im Panorama, sondern im Wettbewerb laufen und mindestens einen Goldenen Bären verliehen bekommen. Stehende Ovationen erhielt der Film für die ergreifende, wenn auch erfundene Lebensgeschichte eines kindlichen, schwarzen, äthiopischen Überlebenskünstlers. Überhaupt kann man von Radu Mihaileanu, dem jüdisch-rumänischen Filmemacher, der in Frankreich Film studierte, viel über die Funktionsweise des Kinos lernen.
Erfolgreiche Filme leben in erster Linie von großen Emotionen. Und davon gibt es in „Live and Become“, so der internationale Titel des Films, mehr als genug: ein kleiner Junge, fortgeschickt von seiner Mutter, um dem Hunger zu entkommen, der kurz darauf mit dem Tod seiner jüdischen Ziehmutter konfrontiert wird, gerade als sie das Gelobte Land erreicht haben und er sich inmitten eines rassistischen Umfelds doch keinen Fehler erlauben darf und ein Vorzeige-Einwanderer werden muss, damit seine falsche Identität nicht auffliegen und er dahin zurückgeschickt werden möge, wohin er eigentlich sehnlichst hin will- zu seiner Mutter. Hätte ihm diese nicht strengstens befohlen, zuerst ein guter jüdischer Staatsbürger zu werden.
Doch ist „Va, Vis et Deviens“ deshalb nicht nur ein trauriger Film. Mihaileanu bemüht sich, Stereotypen im Umgang mit dem schwarzen Kuckuckskind zu vermeiden. Seine neue Familie besteht gar nur aus reizenden Mitgliedern, allen voran seine Adoptivmutter, die sich um ihren neuen Sohn schlägt wie eine Löwin. Auch auf komische Momente setzt der Film – etwa wenn Schlomos eher ungläubige, der sozialistischen Bewegung Israels nahe stehende Familie sich am Abendbrottisch dazu durchringt, unter seiner Anleitung einen Gebet nach orthodoxen Brauch zu sprechen und der kleine Junge all seine Trickkünste aufbringen muss, um seine Gastfamilie davon abzuhalten.
In dieser kunstvollen Balance zwischen Tragik und Komik vermag Mihaileanu eine wahrhaft Völker verständigende Geschichte zu erzählen, die nationalistische Stereotypen entlarvt und statt dessen vielmehr auf die fruchtbaren Auswirkungen sich kreuzender Kulturen und individueller Begegnungen verweist. In diesem Sinne ist für Mihaileanu seine Hauptfigur ein „Kind des Jahrhunderts“, dass stellvertretend für viele andere einen Kompromiss mit dem Wahnsinn der Geschichte geschlossen hat.
Martin Rosefeldt
Va, vis et deviens
55. Internationale Filmfestspiele in Berlin: Panorama Special.
Regie/Drehbuch: Radu Mihaileanu
Darsteller: Mosche Agazai/Mosche Abele/Sirak M. Sabahat, Yael Abecassis, Roschdy Zem
Erstellt: 16-02-05
Letzte Änderung: 17-02-05