Im Gespräch mit... - 06/12/05
Ursula Meier
Dienstag, 6. 12. 2005, um 22.45 Uhr: „Die Sprinterin“ (« Des épaules solides »)
Regisseurin Ursula Meier zieht die Zuschauer in die Welt des Spitzensports hinein - in ein Wespennest hoch ambitionierter Egozentriker, in dem zarte Gefühle kaum Platz haben und sich dennoch Bahn brechen. Die Kamera haftet hautnah an den Personen und lässt sie nicht los.
Die Interviews von A-Z
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Wodurch entstand Ihr Wunsch, sich mit der Thematik „Männlich/Weiblich“ zu beschäftigen?
Als man mir anbot, einen Film für die Reihe „Männlich/Weiblich“ zu drehen, beschäftigte ich mich bereits intensiv mit dieser Thematik, die ein wesentlicher Aspekt des Spielfilms À 4 voies war, an dem ich damals gerade arbeitete. Bei diesem Angebot verspürte ich sofort den Wunsch, einen Sportfilm zu drehen, in dem der Körper - der weibliche wie auch der männliche - das eigentliche Thema und Problem ist. Mich fasziniert die Thematik „Männlich/Weiblich“ in Bezug auf den Leistungssport wirklich sehr. Es gibt getrennte Wettkämpfe für Jungen und Mädchen sowie getrennte Rekorde bei Männern und Frauen, wobei die Frauenrekorde immer niedriger sind. Vor allem aber können die Frauen nicht anders, als die Männer nachzuahmen und sie als Vorbild bzw. Maßstab zu nehmen.
Ihr Film ist einer der wenigen der Reihe "Männlich/Weiblich", die den Schwerpunkt mehr auf einen Charakter - im vorliegenden Fall auf eine Frau - legen als auf ein Paar. Weshalb wählten Sie diesen Ansatz?
Ich glaube, dieser Ansatz liegt beim Thema Leichtathletik nahe, denn diese Einzelsportart hat von vornherein etwas schrecklich Einsames an sich: Man wird mit anderen, mehr aber noch mit sich selbst konfrontiert. Ich wollte diese sehr enge Beziehung zeigen, die eine junge Athletin zu ihrem eigenen Körper hat, der sich aufgrund der Pubertät und des Sports stark verändert. Ich wollte wirklich den Körper, die Haut und das Fleisch bei dieser schrecklichen Arbeit filmen, die der Wettkampfsport nun mal mit sich bringt, und zwar genau in dem Moment, in dem der Körper weibliche Formen annimmt. Erst danach wollte ich den Film auf die anderen Charaktere ausweiten.
Es geht also um die Beziehung zu ihrem eigenen Körper und zu ihrer Weiblichkeit. Lehnt Sabine Ihrer Meinung nach ihre Weiblichkeit ab? Stört sie der sich verändernde Körper und widmet sie sich deshalb der Leichtathletik? Will sie aus diesem Grund mit den Jungen laufen?
Genau das Gegenteil ist der Fall. Sabine lehnt ihre Weiblichkeit nicht ab. Sie will eine sehr gute Leichtathletin werden und steht somit wirklich vor einem Problem: Wie wird man eine Frau, wenn man gleichzeitig zur ständigen Verbesserung seiner Leistung seinen Körper immer mehr kräftigen und somit einen Teil seiner Weiblichkeit aufgeben muss? Sie greift sogar ihre Mutter an, als sie sie fragt, ob sie schon mal 400- oder 800-Meter-Läuferinnen mit großen Brüsten gesehen habe. Sie ist sich ihrer Weiblichkeit sehr bewusst. Der Sport macht im Allgemeinen nur eins: Er trennt Männer und Frauen voneinander. Sabine will also diese Trennung aufheben und unbedingt mit den Jungen laufen, sich mit ihnen messen und so ständig ihre vorherige Leistung übertreffen. Erst dadurch, dass sie dabei an ihre eigenen Grenzen stößt, wird sie sich ihrer Weiblichkeit bewusst.
Sie erzielen auf visueller Ebene dank des digitalen Videoformats unglaubliche Ergebnisse. Haben Sie zum ersten Mal mit DV gearbeitet? Wie haben Sie dieses digitale Arbeitsgerät „bezwungen“?
Ich hatte gerade auf DV gedreht, aber das war etwas vollkommen anderes, da es sich dabei um einen Dokumentarfilm handelte. Das Thema DV beschäftigte mich die ganze Zeit, vom Entwurf des Drehbuchs bis hin zur Fertigstellung des Films: Wie dreht man einen Spielfilm mit einer Digitalvideokamera? Was setzt das voraus? Inwiefern kann das die Regie und die Beziehung zu den Schauspielern, kurz den Stil des Films, beeinflussen? Gemeinsam mit dem Kameramann/Chefkameramann Nicolas Guicheteau haben wir sofort beschlossen, mit einer kleinen Digitalkamera und nicht mit einer großen Betacam-Kamera zu drehen. Die Beziehung zur Umgebung, zu den Schauspielern und zum Körper ist vollkommen anders. Ich wollte wirklich dieses neue Gerät, das DV ja ist, ausprobieren, ohne die herkömmlichen Dreharbeiten auf Film zu imitieren. Der Kameramann war oft sehr nah bei den Schauspielern, da wir dem Film eine besondere, fast körperliche Dichte geben wollten, ohne gezwungenermaßen immer eine „bewegte“ Kamera zu haben. Wir stellten die Kamera häufig auf ein Stativ. Ich wollte eine Kamera, die ab und zu wie ein Messgerät funktioniert, wie ein Sonar, das in der Großaufnahme die kleinste Bewegung in Sabines Gesicht zeigt und zu veranschaulichen versucht, was auf der anderen Seite der Haut passiert, indem es manchmal vom Unscharfen ins Scharfe wechselt. In anderen Momenten wollte ich dann wiederum eine sehr unruhige Kamera, und zwar in Momenten der Öffnung, als Fluchtlinien, wenn die Kamera emporsteigt.
Wie haben Sie Ihre Schauspieler ausgewählt? Wie kamen Sie auf die Idee, sich an Jean-François Stévenin zu wenden? Lag es daran, dass Sie Filme von ihm gesehen haben?
Es ist komisch. Ich habe mein Notizbuch noch mal gelesen, und mein erster Eintrag zu diesem Film lautet: „der Trainer, wie Jean-François Stévenin“. Danach habe ich nicht mehr daran gedacht. Bei der Besetzung der Rollen dachte ich dann wieder an ihn, obwohl ich diese Notiz vollkommen vergessen hatte! Ich weiß nicht, warum er mir immer wieder in den Sinn kam. Diese Wahl lag irgendwie auf der Hand und ist schwer zu erklären. Sein Äußeres spielte vielleicht auch eine Rolle. Ich habe ehemals große Sportler getroffen, die jetzt in kleinen Provinzclubs als Trainer arbeiten. Viele von ihnen haben zugenommen, und manche rauchen inzwischen sogar wie ein Schlot. Kurz gesagt, es waren Leichtathleten, die als Zeichen des Verzichts und der Aufgabe ihren Körper nach und nach vernachlässigt haben. Was die Rolle der Sabine angeht, so sah ich Louise Szpindel zum ersten Mal in einem Kurzfilm. Sie besaß diese Wut, die ich suchte, und ich spürte, dass sie diese Manie wiedergeben konnte, die nach und nach diesen Charakter überkommt. Sie war eigentlich nicht besonders sportlich, aber ich wählte sie früh genug für die Rolle aus, so dass sie genug Zeit hatte, um zu trainieren und ernsthaft mit Leichtathletik zu beginnen.
"Die Sprinterin" entstand 2002 für die zehnteilige ARTE-Reihe "Männlich/Weiblich", in der Autoren und Regisseure die Mechanismen des Geschlechterrollenwandels in der europäischen wie nicht-europäischen Gesellschaft beleuchten.
Ursula Meier, 1971 in Besançon geboren, wurde am Institut des Arts de Diffusion in Paris ausgebildet. Erste Erfolge hatte sie mit Kurzfilmen. "Le songe d'Isaac" (1994) wurde für den Oscar nominiert, "Schlaflose Stunden" (1999, ARTE 12. 10. 2000) wurde mit dem großen Preis auf dem Festival Toronto 1998 ausgezeichnet und "Tischmanieren" (2001, ARTE 20. 08. 2002) erhielt den Publikumspreis und den Preis der Presse auf dem Festival in Clermont-Ferrand 2001.
Große Aufmerksamkeit erregte der Dokumentarfilm "Pas les flics, pas les noirs, pas les blancs" (2002, ARTE 31. 05. 2002), der auf dem Dokumentarfilmfestival in Nyon 2002 als bester Schweizer Film ausgezeichnet wurde. Für "Die Sprinterin" bekam sie den Preis für den besten französischsprachigen Film bei dem Festival Tout Ecran in Genf 2002.
Erstellt: 06-12-05
Letzte Änderung: 06-12-05