Und sind sie glücklich? Nein. (Lust)
Ingeborg Bachmann (1926-1973) hätte den Literatur Nobelpreis eher verdient, sie sei zu jung gestorben, äußerte Elfriede Jelinek gegenüber dem französischen Kulturmagazin les inrockuptibles. In einem 1991 erschienenen Interview sagte sie: „Es gibt kaum eine andere Autorin der Gegenwart, die den Geschlechterkampf mit dieser Härte thematisiert hat, wie die Bachmann, wobei sie da sicher über mich hinausgeht, weil sie die Dinge konkret beim Namen nennt, die ich umschreibe“.
Der Wertschätzung, die aus diesen Zitaten spricht, verlieh Jelinek bereits 1983 in dem Essay „Der Krieg mit anderen Mitteln“ Ausdruck, in dem sie sich mit dem Werk ihrer Kollegin auseinandersetzte. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt Bachmanns Analyse des Geschlechterverhältnisses im Kontext der unbewältigten (österreichischen) NS-Vergangenheit. In ihrem Bestreben, das Fortwirken der faschistischen Ideologie im Alltag aufzudecken, kann Jelinek gewiss als Nachfolgerin ihrer Landsfrau gesehen werden. Bachmann bezeichnete den Faschismus als „das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau“ und prägte den Begriff als „Wort für ein privates Verhalten“. In ihrem unvollendeten Todesarten-Projekt veranschaulichte sie, inwiefern faschistoide Denk- und Verhaltensmuster soziale Strukturen wie die Familie und die Beziehung zwischen den Geschlechtern beeinflussen.Analog zu Bachmanns Analyse entwirft Jelinek Liebesbeziehungen als kriegerische Unterwerfungsszenarien: „In mir sehen Sie die Grenze, an der sich Ihr Wille allerdings bricht, denn mich werden Sie nie überschreiten, Herr Klemmer!“ sagt Erika, die Klavierspielerin, und verzehrt sich nach ebendiesem Klemmer. Der droht: „Die Freuden der Liebe wird sie genießen, warte nur!“ Kriegs- statt Liebeserklärungen also. „Denn die Liebe ist die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln“, so Jelinek in ihrem Bachmann-Essay.
Was Bachmann jedoch noch als subtile psychische Kriegführung, als „sublimes Verbrechen“ beschreibt, wird bei Jelinek nicht selten zur unmaskierten physischen Gewalt: In Bachmanns Romanfragment Der Fall Franza vernichtet der Psychiater Leo Jordan seine Frau Franza, indem er ihre Psyche bis ins kleinste Detail seziert. Ihrer Würde und Individualität beraubt, setzt Franza ihrem Leben schließlich selbst ein Ende. Bei Jelinek werden die Frauen, denen gar kein Seelenleben mehr zugesprochen wird, buchstäblich physisch inspiziert: „Wie ein Frosch muß die Frau ihre Beine seitlich anwinkeln, damit ihr Mann in sie möglichst weit, bis ins Landesgericht für Strafsachen, hineinschauen und sie untersuchen kann.“ (Lust) Sowohl Bachmann als auch Jelinek porträtieren die Frau als Objekt des Mannes, über das nach Belieben verfügt wird. Die Entmündigung der Frau und die Unterwerfung des weiblichen Körpers ziehen sich leitmotivisch durch die literarischen Produktionen der beiden Autorinnen.
Jelinek setzte sich erneut mit dem Werk ihrer Kollegin auseinander, als sie 1990 das Drehbuch zu Bachmanns einzigem vollendeten und zu Lebzeiten erschienenen Roman Malina verfasste. Bachmanns nach eigenen Aussagen „imaginärer Biographie“ liegt der gleiche Konflikt zugrunde wie Jelineks autobiographisch inspiriertem Roman Die Klavierspielerin: Weibliche Kunstausübung erweist sich als ein seelischer Gewaltakt; sowohl bei Bachmann als auch bei Jelinek muss die Protagonistin ihrer emotionalen ‚weiblichen‘ Seite abschwören, weil künstlerisches Schaffen – so zeigen es die Autorinnen – ‚männliche‘ Willenskraft und Rationalität voraussetzt. Selbst wenn es den Protagonistinnen gelingen würde, sich durch ihr Kunstschaffen als Schriftstellerin bzw. Pianistin als sozial weibliche Subjekte zu positionieren, wäre der Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Intellekt, zwischen Liebe und Kunst noch nicht gelöst, da die Liebesbeziehung zu einem Mann das traditionelle Schema Mann/Subjekt versus Frau/Objekt voraussetzt und somit das weibliche Subjektsein gefährdet. Das weibliche Begehren als ein aktives, so Jelinek in einem Interview, lasse sich nur in der eigenen Auslöschung realisieren, da sich die Frau, die einen Mann begehrt, zu einem „Zu-Begehrenden“ machen müsse, weil sie sonst das Begehren des Mannes auslösche. Die Protagonistinnen müssen als Objekte der männlichen Begierde den Subjektstatus aufgeben, den sie durch ihre künstlerische und intellektuelle Tätigkeit mühevoll errungen haben, weil er nicht mit ihrem Objektstatus in der Liebe zu vereinbaren ist.Beide Autorinnen haben sich eingehend mit der Gender-Frage befasst und die weibliche Sozialisation im Bachmannschen Sinne als Todesart entlarvt. Der Nicht-Ort der Frau und die Unmöglichkeit einer weiblichen Identität sind zentrale Themen, die die Autorinnen im Zusammenhang mit den ökonomischen und sozialen Veränderungen der kapitalistischen Waren- und Konsumgesellschaft betrachten: „Nur ihr Mann handelt mit ihr [der Frau] und handelt ganz allein.“ (Lust)
Auch das Konzept weiblicher Autorschaft spielt in beiden Werken eine große Rolle. In Malina verschwindet die weibliche Stimme am Ende des Romans in einem Riss in der Wand, übrig bleibt nur die männliche Titelfigur, das alter ego der schreibenden Protagonistin. Jelinek hatte mit Lust einen pornographischen Roman aus weiblicher Sicht schreiben wollen, bevor sie resigniert feststellen musste, dass es keine authentische weibliche Sprache für das Obszöne gibt. In dem Roman, den die Autorin als anti-pornographisch bezeichnet, reproduziert sie daher die männliche Sprache, verfälscht sie jedoch so sehr, dass sie die in der Sprache selbst verborgenen Machtverhältnisse zum Vorschein bringt. Aus dem Werk beider Autorinnen ertönt einstimmig, dass die Schrift männlich ist.
Jelinek ist der Überzeugung, dass nicht nur die Schrift, sondern die Sprache überhaupt männlich besetzt ist. Der Autorin zufolge ist Sprache der Ort männlicher Machtausübung schlechthin, da sich die Unterdrückungsmechanismen in ihr nicht einfach nur spiegeln, sondern entfalten. Die Sprache transportiert die Ideologie des Patriarchats und konsolidiert durch ihre bewusstseinsbildende Kraft fortwährend die bestehenden Machtverhältnisse. Bachmann hat in ihrem Werk wie Jelinek einen erbitterten Kampf gegen Phrasenhaftigkeit und unreflektierten Sprachgebrauch geführt. Wie ihre jüngere Kollegin glaubte sie, dass die Sprache die Denkweise der Menschen bestimmt, und verwendete ihr ganzes Schaffen darauf, die „Gaunersprache“ – wie sie die Alltagssprache nannte – von dem in ihr enthaltenen faschistischen Gedankengut zu reinigen. Den Werken beider Autorinnen liegt eine tiefe Sprachskepsis zugrunde, die in Österreich Tradition hat. Doch während sich die Sprachreflexion bei Bachmann in einer poetischen Sprache niedergeschlagen hat, äußert sie sich bei Jelinek in einer fast handwerklichen Arbeit am vorgegebenen Sprachmaterial, das die Autorin vor allem aus der Alltags- und Mediensprache bezieht. Um Sprachgewohnheiten aufzubrechen, wendet Jelinek musikalische Verfahren wie Modulation und Variation an, die mit dem Rhythmus und dem Klang der Sprache arbeiten: „Es soll kein andrer Mann bei ihr weilen und sie geilen, wenn sie sich einmal langweilt.“ (Lust) Bachmann setzt ebenfalls musikalische Variationstechniken ein, jedoch hauptsächlich zu dem Zweck, Gegensätze zu vermitteln, um so durch die Interaktion von Dichtung und Musik eine höhere Bedeutungsebene zu schaffen.
Obwohl beide Autorinnen in vielen Sachfragen übereinstimmen, mit musikalischen Kompositionsverfahren arbeiten und eine tief verankerte Sprachskepsis teilen, sind ihre Schreibweisen grundverschieden. Während Jelinek in ihren Romanen und Theaterstücken Klischees nicht scheut und mit gnadenloser Unmissverständlichkeit Stellung bezieht, ist das Werk ihrer Kollegin darauf angelegt, Widersprüche zu vermitteln, ohne sie aufzuheben. Jelineks literarische Methode der Übertreibung und Verallgemeinerung sowie ihr kalter, analytischer Blick unterscheiden sich grundsätzlich von Bachmanns Innerlichkeit und ihrer subjektiven Schreibweise. Da laut Bachmann die „wirklichen Schauplätze“ die „inwendigen“ sind, verlegt sie in ihrem Werk die Handlung in „das Innen, in dem alle Dramen stattfinden“. In Malina beschreibt sie die Geschichte eines geistigen Werdegangs in Großaufnahme, die Figuren verkörpern verschiedene Facetten ein und derselben Person. Jelinek hingegen verlegt nicht die Handlung in das Innen, sondern dreht Inneres nach Außen. Die Figuren agieren in Ermangelung eines Innenlebens psychische Vorgänge physisch aus. Die Handlung findet nicht innerlich, sondern rein äußerlich statt, die Frauen werden brutal vergewaltigt, aber sie leiden nicht. Bachmanns Schmerz und ihrer Suche nach Erkenntnis stehen Jelineks Wut und unerschütterliche Gewissheiten gegenüber.
Auch Jelineks militant anmutendes gesellschaftspolitisches Engagement sowie ihre oftmals karikaturistischen Selbstaussagen stehen in krassem Gegensatz zu Bachmanns vergleichsweise starker Zurückhaltung in sozialpolitischen und privaten Angelegenheiten. Trotz der radikalen Gegensätzlichkeit der Autorinnen ist ihre Geistesverwandtschaft offensichtlich, wie dies auch die zahlreichen intertextuellen Bezüge zu Bachmanns Werk belegen. Zuletzt ist Jelineks Interesse für Bachmann in ihrem fünften Prinzessinnendrama (Der Tod und das Mädchen V – Die Wand) in Erscheinung getreten. In dem 2003 veröffentlichten Textflächen-Stück referieren Bachmann und die Dichterin Sylvia Plath über ihre jeweiligen Konzeptionen des Wand-Motivs. Jelinek spielt mit der Verwechslung zwischen der Person Bachmanns und deren literarischen Figuren und reproduziert so ironisch die biographisch orientierte Rezeption ihrer Kollegin. Die saloppe Ausdrucksweise und die infantilen Gespräche der beiden Dichterinnen in Jelineks Bühnenstück kontrastieren mit Bachmanns tragischem Ernst: „Es war Mord“, lautet der Schlusssatz in Malina, nachdem das weibliche Ich in der Wand verschwunden ist. Jelinek hingegen gesteht ihren Figuren kein tragisches Schicksal mehr zu: „Wahrscheinlich nur eine Unachtsamkeit der Wand. Nichts weiter.“ (Die Wand)
Die Reihe „Junge Literaturkritik“ ist ein gemeinsames Projekt von ARTE und dem Rezensionsforum literaturkritik.de.Foto 1: Ingeborg Bachmann
Copyright: Piper Verlag
Foto 2: Elfriede Jelinek
Copyright: Hilde Zemann
Rowohlt Verlag







per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

