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Cannes 2008

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Cannes 2008

Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Im Wettbewerb - 21/08/08

Un conte de Noël

Ein Film von Arnaud Desplechin


In einer französischen Mittelstandsfamilie wird Weihnachten zum Fest, das über Leben und Tod entscheidet. Wer wird der Knochenmarksspender sein, der Junon, Mutter von vier Kindern, am Leben hält ?

Synopsis: Abel (Jean-Paul Roussillon) und Junon (Cathérine Deneuve) sind seit über vierzig Jahren verheiratet. Als Joseph, das erste der beiden Kinder, unheilbar an Knochenmarkkrebs erkrankt, werden zwei weitere Kinder geboren: Henri (Mathieu Amalric), um seinen Bruder mit einer Knochenmarksspende zu retten und Nachzügler Ivan (Melvil Poupaud), um den dennoch unvermeidbaren Tod des Ältesten wenig später vergessen zu machen. Doch Elisabeth (Anne Cosigny) hat Henri nie wirklich verziehen, dass er Joseph nicht retten konnte. Als Junon plötzlich dieselbe seltene Krankheit befällt, versammeln sich die weit verstreuten Familienmitglieder in ihrer Heimatstadt Roubaix, um Maman mit ihrer Knochmarksspende zu retten.

ARTE Kultur im Gespräch mit Chiara Mastroianni und Melvil Poupaud
Im Gespräch mit Arnaud Desplechin
Der Trailer zum Film
(Windows Media Video)


Kritik: Was für ein schwergewichtiges Aufgebot an Schauspielern, das Arnaud Desplechin – Schöpfer ebenso stilistisch anarchischer, improvisationsfreudiger und mäandernder Filme wie „Rois et Reine“ oder „L’aimée“ – für sein „Weihnachtsmärchen“ versammelt hat. Speziell bei einer neurotischen Großfamilie wie dieser schien die Gefahr groß, dass sich die einzelnen Mitglieder gegenseitig an die Wand spielen, zumal bei einem Regisseur, der spontanen Regieexperimenten mindestens ebenso vertraut wie einer funktionierenden Drehbuchvorlage und dessen Filme sich deshalb oft der Dreistundenmarke nähern oder diese gar überschreiten.

„Conte de Noël“ aber ist ein seltener Glücksfall geworden, wo sich große Schauspieleregos gänzlich uneigennützig in den Dienst eines an Ideen überschäumenden Regisseurs stellen, der mit shakespeare’scher Wucht, Verve und Chuzpe das Genre des Familienrührstücks für die Leinwand neu zu erfinden weiß. Und dass, obwohl Themen wie familiäre Erbkrankheiten und damit verbundene Familiengeheimnisse seit langem eher in der Seifenoper oder im großen Freitagabend-Fernsehspiel beheimatet sind. Bei Desplechin kommt dem „Gift“ – dem unheilbaren, chemisch nicht therapierbaren, sondern nur durch die familiäre Knochenmarksspende überwindbaren Krebs - die Rolle zu, als Heilsbringer und nicht als zerstörerische Kraft aufzutreten; und das nicht im herkömmlichen, sondern im ganz und gar moralisch und sentimental desinteressierten Sinne: Denn der abtrünnige, von der eigenen Schwester verbannte Henri wird nicht aus medizinischen Gründen zum Heilsbringer. Sondern deshalb, weil das von Mathieu Almalric großartig verkörperte Alter Ego des Regisseurs wie ein den Niederungen menschlicher Kleinlichkeit entrückter Kobolt die alten Familiengewissheiten auf den Kopf stellt, ohne Rücksicht auf die psychischen Befindlichkeiten der anderen und auf die eigene Gesundheit. Diese Rücksichtnahme ist auch Junon fremd, die Cathérine Deneuve sehr souverän und lebendig zugleich spielt. In einer der zugleich überraschendsten und humorvollsten Momente des Films gestehen sie und ihr missratener Sohn Henri sich, noch nie besonders viel füreinander empfunden zu haben; ohne dabei bitter oder nachtragend zu sein, sonder im Gegenteil voller Zärtlichkeit so aufrichtig als möglich.

Solche gänzlich ohne Pathos auskommenden und beinahe beiläufig erzählten Tabubrüche sind es, die dieses Weihnachtsmärchen so hintersinnig und horizonterweiternd machen. Wie ein großer Jazzvirtuose experimentiert Desplechin stilistisch mit Schattentheaterfiguren, Zeitlupen, Schlüssellochaufnahmen und Fotocollagen und unterlegt dieses kreative Chaos auch noch mit der gesamten Bandbreite musikalischen Schaffens. Wer soviel riskiert und dabei seinem inneren Werte- und Emotionen-Kompass treu bleibt, kann im Kino von heute immer noch viel gewinnen. Vielleicht sogar eine Goldene Palme in Cannes.

Martin Rosefeldt
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Un conte de Noël
Ein film von Arnaud Desplechin
(Frankreich, 2008, 2 :30’)
mit : Cathérine Denauve, Jean-Paul Roussillon, Mathieu Amalric, Anne Consigny, Emaanuelle Devos u.a.
Wettbewerb

Erstellt: 16-05-08
Letzte Änderung: 21-08-08