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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Umberto Eco (Italien)

Das neue Zentrum der Welt bewegt sich in Richtung Pazifik


Umberto Eco, der 1932 in Alessandria in der italienischen Region Piemont geboren wurde, studierte Philosophie. Sehr früh hat er sich der Semiotik zugewandt, der Wissenschaft der Kode und Zeichen. Er hat einen Lehrstuhl für Semiotik an der Universität von Bologna. Er hat eine unstillbare Neugier in Bezug auf Wort und Sprache und ist ein unersättlicher Leser. Außerdem beherrscht er mehrere Sprachen und ist ein vielseitiger Schriftsteller, den sein Interesse für Ästhetik und Massenkultur dazu bewegt hat, etliche Artikel und Essays für einen stetig anwachsenden Kreis von Eingeweihten zu verfassen.
Letztlich trägt der weltweite Erfolg seines Romans Der Name der Rose (1982), der in einer Auflage von zehn Millionen Exemplaren gedruckt wurde, gefolgt von Das Foucault’sche Pendel (1989), Die Insel des vorigen Tages (1995) und Baudolino (2003) dazu bei, dass er unter den europäischen Schriftstellern einen besonderen Ruf genießt. Hier einige Auszüge seines Beitrags zur Debatte, die am 31. Mai 2003 von Jürgen Habermas eingeführt wurde.

„[…] Es reicht aus, sich eine amerikanische Universität anzusehen, um sich darüber bewusst zu werden, dass Studienbörsen, Forschungsplätze und studentische Führungsposten in den Händen der asiatischen Studenten liegen. Es sind die importierten asiatischen Köpfe aus Herkunftsländern wie Indien, China und Japan, die der wissenschaftlichen Entwicklung Amerikas einen fruchtbaren Boden bereiten. Mit anderen Worten verschiebt sich die ganze amerikanische Aufmerksamkeit vom Atlantik in Richtung Pazifik, dem Beispiel der wichtigen Produktionszentren folgend, die schon seit mehreren Jahren an die kalifornische Küste umgesiedelt sind oder sich dort niedergelassen haben. Auf lange Sicht wird New York das amerikanische Florenz werden, das seinen Status als Mode- und Kulturzentrum behält, jedoch immer weniger der Ort für wichtige Entscheidungen sein wird.

Die Vereinigten Staaten werden sich allmählich von einem atlantischen Land weg, hin zu einem pazifischen Land entwickeln, was für Europa eindeutige Folgen haben wird: Während die Wasps der zwanziger Jahre mit dem Pariser Mythos gelebt haben, wird die neue amerikanische Elite in Bundesstaaten leben, in denen man die New York Times (bedeutende Tageszeitung der Atlantikküste) gar nicht oder in einigen Regionen nur mit Verspätung bekommt. Sie werden an Orten leben, wo die Amerikaner immer weniger über Europa wissen, und selbst wenn sie etwas darüber lernen, werden sie nicht verstehen, was diesen exotischen Kontinent ausmacht, der für sie viel weiter entfernt und unbekannter ist als Hawaii oder Japan. Mit einem Amerika, das seine Aufmerksamkeit auf den Mittleren Osten und das enorme pazifische Universum richtet, wird Europa kein wirklich bedeutendes Gewicht mehr haben. […]

Europa, das sich also in einer isolierten Situation befindet, muss nun entweder europäisch werden oder sich spalten. Obwohl die Spaltung Europas keine realistische Hypothese darstellt, lohnt es sich, ihre Umrisse zu zeichnen: Entweder Europa orientiert sich in Richtung Balkan oder in Richtung Südamerika. Die neuen Weltmächte [...] werden sich im eigenen Interesse um die kleinen Länder Europas bemühen, je nachdem ob es ihnen praktisch erscheinen wird, [...] Standorte in Polen, Gibraltar oder, eventuell aufgrund der polaren Straßen, in Helsinki oder Tallin zu haben. Je gespaltener Europa und je geschwächter der Euro auf den Weltmärkten sein wird, desto besser (man kann einer starken Weltmacht nicht vorwerfen, in erster Linie die eigenen Interessen im Auge zu haben).

Oder aber Europa hat die Kraft, sich zum dritten Pol zwischen den Vereinigten Staaten und dem Orient zu machen [...]. Um diese Position einnehmen zu können, hat Europa nur eine Möglichkeit. Nachdem die Aufhebung der Grenzen und die Währungseinheit realisiert worden sind, muss es eine einheitliche Außenpolitik und ein Verteidigungssystem besitzen […], das eine Verteidigungs- und eine schnelle Interventionspolitik sichert, die die NATO nicht mehr gewährleisten kann. Werden die Regierungen Europas in der Lage sein, sich darauf zu einigen? [...]

Hier wird der Appell einiger europäischer Bürger an die Regierungen des Kontinents laut, auf dem sie aufgewachsen sind und auf dem sie weiterleben möchten, stolz auf ihre Zugehörigkeit.“
Auszug aus La Repubblica vom 31. Mai 2003.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08