- Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 26.11.2011
KrimiZEIT-Bestenliste Dezember 2011
Nicht aufs Abstellgleis schieben lässt sich ein weiteres Mal "Berndorf, Hans, priv. Ermittler" (so im Personenverzeichnis am Ende des Buches): Ulrich Ritzels, nun ja, Held ist zwar im Rentenalter, aber die Kriminalromane des auch schon 1940 Geborenen beweisen, dass Köpfchen und Pfiffigkeit allemal wichtiger sind als Muskelkraft. Taktieren, täuschen und die Ruhe bewahren muss Berndorf können angesichts von Gegnern, die ziemlich viel Einfluss haben, weil sie - hier zum Beispiel - Politiker und, Achtung!, Geheimdienstler sind.
Die gar nicht so lange zurückliegenden Jugoslawienkriege bieten in "Schlangenkopf" - und das ist sicher realistisch - Gelegenheit für dunkle, üble Geschäfte. Ein möglicher Zeuge namens Zlatan soll aus dem Weg geschafft werden. Es ist sein Glück, dass ihm auf nächtlichem Heimweg von der Kellnerarbeit just die modische Lederjacke geraubt wird; so wird der Räuber an seiner statt überfahren. Zlatan weiß aber, wer gemeint war. Indessen wundert sich Hans Berndorf als ehemaliger Kommissar gleich, dass die Spuren angeblich auf einen bloßen Unfall mit Fahrerflucht deuten sollen. Und dass Ex-Kollegen so gar keinen Ehrgeiz entwickeln, die Sache aufzuklären.
Ulrich Ritzel pflegt ein moderates Tempo, ohne dass seine Romane zu behaglich wirken würden. Eher sind sie nüchtern, nah am Alltag mit seinen kleinen und manchmal sehr großen Ärgernissen. Hans Berndorf könnte mit seiner Professoren-Freundin Barbara Stein ein nicht sehr gesprächiger Hausnachbar sein. Irgendwie stellt man ihn sich stets mit Hut und Mantel vor, meist höflich, gelegentlich knurrig, wenn es eben etwas zu knurren gibt.
Das Private ist hier eine dezente Hintergrundmelodie; es steht bei weitem nicht so penetrant im Vordergrund, wie es heutzutage bei manchen Fernsehkrimis der Fall ist. Es sind vor allem Romane eines politisch bewussten und plausibel bleibenden Autors. Gut könnte man sich vorstellen, dass Ritzel demnächst klug über rechte Terrorzellen schreibt.
Ulrich Ritzel, lange Jahre Journalist, ist längst mit allen Krimiwassern gewaschen, für seinen vorletzten Roman "Beifang" erhielt er 2010 den Deutschen Krimipreis. Er lässt einem das Gefühl, dass er nicht auf Effekt schreibt, obwohl er natürlich weiß, was er tut. Es ist ein menschenfreundliches, gleichwohl spannendes Erzählen.
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- Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung 01.12.2011
KrimiZEIT-Bestenliste Dezember 2011
Berlin ist ein erschreckend kleines Dorf mit erfreulich weitem S-Bahn-Netz. Diesen sozialen und verkehrsplanerischen Befund muss man Ulrich Ritzels Kriminalroman „Schlangenkopf“ entnehmen, in dem etliche Menschen, die einander noch gar nicht kennen oder einander tunlichst ausweichen sollten, beständig dicht aneinander vorbeilaufen, einander gar auf die Zehen treten. Sollte die Volkszählung für dieses Berlin eine vierstellige Zahl ergeben, müssten ein paar Datensammlungssaboteure ihre Fragenbogen wohl zehnfach eingereicht haben.
Trotzdem ist „Schlangenkopf“ ganz und gar kein lächerliches Buch. Hier schiebt kein überforderter Autor zittrig aus dünnem Pappkarton geschnittene Falzfußfigürchen durch eine aus kaum mehr als Straßennamen bestehende Kulisse, um im Aufeinanderdrängen der Substanzlosen vielleicht zu einem substanziellen Plot zu kommen. Ritzel weiß, was er tut, und sein Schauplatz ist kein notwendiges Übel, keine eingestreute Nacherzählung des Bildschirms eines Navigationsgerätes.
Der 1940 in Pforzheim geborene Autor, der seine Kriminalromane zunächst in Ulm spielen ließ, hat seinen Kommissar Berndorf schon vor einigen Jahren in die Hauptstadt der Republik und in den Stand des Privatermittlers versetzt, der Liebe wegen, aber auch, weil Berndorf die Differenzen zwischen polizeilichen Handlungsroutinen und den Bedürfnissen der Mensc hen nicht mehr so gut ertrug. Ritzels Bild des engen Berlin, der dauernden Verbandelung, ist vorsätzliche Suggestion, die spöttische Vorabentschärfung all dessen, was die Figuren eines gewöhnlichen Enthüllungsthrillers so an Zündmaterial zusammentragen könnten. Jeder, der etwas wissen will, kann es erfahren, legt uns Ritzel nahe. Man muss in diesem Berlin nicht viel geheim halten, weil jeder irgendwie in allem mit drin steckt. 35 Jahre lang hat er als Journalist gearbeitet hat, zuletzt als Redaktionsleiter der Ulmer Südwestpresse, und erkennt nun auch in Kriegs- und Außenpolitik die Muster der Provinzposse, der kleinlichsten Schieberei und Vorteilsnahme wieder.
Zu Beginn von „Schlangenkopf“ wird ein Mann von einem Geländewagen überfahren, vorsätzlich, wie die Kratz- und Reifenspuren einer kurzen, schnellen Jagd über Asphalt und Gehweg belegen. Dies ist ein Mord und obendrein das falsche Opfer, aber die Polizei gibt sich Mühe, an der Spurenlage vorbeizuschauen. Dabei ist mehr als pure Bequemlichkeit am Werk. Winke geheimerer Dienste des Bundes halten zum Schließen der Akten an. Berndorf findet schnell heraus, dass der fingierte Unfall mit dem jugoslawischen Bürgerkrieg zu tun hat, mit der fingierten Verschrottung ehemaliger NVA-Bestände, die als gut funktionierendes Kriegsgerät in Kroatien auftauchten.
Seit seinem Krimidebüt „Der Schatten des Schwans“ von 1999 ist Ritzel beständig gereift. Seine beherrscht übertreibungsfreie Sprache ist geschmeidiger und boshafter geworden, der gelegentliche moralische Grimm seiner Figuren wird von melancholischem Pragmatismus konterkariert. Die Dramaturgie in „Schlangenkopf“ ist höchst abgefeimt: Muster der kinogerechten Hetzjagd werden von einer sarkastischen Ruhe durchkreuzt, vom Bewusstsein, dass Staatsintrigen Alltag sind und man auch mit Leuten, die Mordkommandos losschicken, bei Bedarf zu friedlichen Einigungen kommen kann. Nichts für ungut, es ist ja alles nur das gewöhnliche Tagesgeschäft, ein Rühreigericht aus Rechtstaat und Rechtsbruch.
Ritzel klebt nicht an seinem Ermittler Berndorf, er schaut auch anderen Figuren über die Schulter. Die wieselig Halbseidenen sind ihm dabei merklich lieber als die beamteten Respekteinforderer. Dass er im Präsens schreibt, will uns nicht dauernd zum Atemanhalten ob gegenwärtiger Gefahr drängen. Es ist eher der Kniff eines Autors, der uns grundsätzlich nichts verspricht, der keine Sicherheit herstellen mag. So unaufgeregt sich das Ungeheuerliche nach und nach entblößt, so ungewiss bleiben die Überlebenschancen der rasch Entfernbaren. Den einen überfährt man mit dem Auto, dem anderen versucht man, Kinderpornografie auf den Rechner zu laden. Berlin ist ein Dorf, und wer die Dorfspiele nicht mag, sollte, frei nach Enzensberger, besser die Fahrpläne studieren.







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