„Die meisten, die auf diesem Tisch landen, wollen noch etwas sagen“, raunt Pathologe Robert Kolmaar seiner Kollegin Judith Sommer im fahlen Licht des Leichenkellers zu. Und mit einem tiefen Blick in ihre Augen erklärt er: „Sie schreien den Namen ihrer Mörder heraus, in ihrer Sprache, und sie haben niemanden, der das übersetzen kann – nur uns.“
Pech für die Täter, wenn ihre Opfer in die Hände dieses passionierten Pathologenduos geraten. Denn mit aller Regelmäßigkeit gewinnt deren medizinisches Spezialwissen, gepaart mit Scharfsinn und moderner Technik, gegen noch so ausgetüftelte Mordkomplotte. Dazu kommt die Unterstützung vom brummigen Kommissar und Boxtrainer Joe Hoffer, der mit all seinen Ecken und Kanten den harten, aber herzlichen Berliner Charme verkörpert. Dessen Ermittlungen werden immer wieder von dem egozentrischen und umtriebigen Doktor Kolmaar gestört, der dem Tathergang nicht nur am Seziertisch, sondern auch vor Ort nachspürt. „Der Kopf ist klug, aber der Bauch ist älter!“, lautet dabei Kolmaars Devise, der auch bei den Frauen auf seinen Bauch hört und forsch drauflos flirtet. Die Sekretärin vom Chef darf er keck „Grünbeinchen“ nennen und wenn er noch einen Hut elegant an die Garderobe werfen würde, wäre das Szenario zwischen James Bond und Miss Moneypenny stilecht wiedergegeben. Bis hin zum eifersüchtigen Blick der Sekretärin auf die neue Kollegin, Frau Doktor Judith Sommer, die im Mittelpunkt all des Geplänkels steht. Die Beziehung zwischen Frau Doktor und dem Kollegen Kolmaar – die sie auch privat haben und dann wieder nicht haben – ist eines der bestimmenden Elemente der Serie.
Ulrich Mühe alias Dr. Robert Kolmaar, der scheinbar allein mit seinem tiefen Blick bis in das Innere seines Gegenübers vordringen kann, schwört auf diese Figurenkonstellation und ihr Zusammenspiel. Denn die Krimifolgen leben weniger vom Ekel und Grusel des Leichenkellers oder von spektakulären Kamerafahrten in die Körper der Obduzierten hinein. Vielmehr sind es die originellen Geschichten des Drehbuchautors Gregor Edelmann, die den Zuschauer vor dem Fernseher nicht nur unterhalten, sondern mitnehmen und fordern. Die Serie lebt von den Schauspielern, die am Set trotz Drehbuchvorlage eigene Ideen einbringen und gekonnt improvisieren. Damit setzt sich die mit eingängiger Saxofonmusik unterlegte Serie vom aktuellen Boom so mancher telegenen Autopsie ab. Als die Rollen für die Krimiserie zu besetzen waren, holte Ulrich Mühe alte Kollegen und Freunde vom Deutschen Theater Berlin. Diese sind das Improvisieren von der Bühne gewöhnt und verleihen jeder Folge Kammerspielqualität. So liefern sich Jörg Gudzuhn, in der Rolle des Kommissars Joe Hoffer, und Ulrich Mühe vor laufender Kamera immer wieder einen Kampf um das letzte Wort. „Nur eines steht dabei fest: Der letzte Satz darf dabei nie der sein, der im Drehbuch steht“, erklärt Mühe. Dieses Spiel hatte Folgen: 2005 bekamen Autor Edelmann und Hauptdarsteller Mühe gemeinsam den Bayerischen Filmpreis. Das ZDF strahlt seit Mai die mittlerweile achte Staffel der Serie aus, während Ulrich Mühes fein distinguiertes Spiel auf ARTE von Anfang an zu verfolgen ist.
Wie kam der zurückhaltende, sensible Charakterdarsteller dazu, eine Rolle in einer Fernsehserie zu übernehmen? „Das war eine strategische Entscheidung. Ich musste präsent sein, damit mir Filmregisseure interessante Rollen anbieten.“ Nach dem Erfolg des Stasidramas „Das Leben der Anderen“ lagen natürlich weitere Drehbücher auf seinem Schreibtisch. Doch er blieb weiterhin wählerisch: „Die Qualität des Drehbuchs zählt.“
Spannend findet Mühe die skurrilen Todesarten, mit denen er in seiner Serienrolle konfrontiert wird: das Verdienst von Prof. Dr. Marcus Rothschild, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Köln, der das Filmteam berät. Bei ihm schaut Drehbuchautor Edelmann regelmäßig vorbei und fragt nach dem perfekten Mord. Und der Professor meint dazu lakonisch: „Ich morde einfach mit.“ Die Drehbuch-Vorlagen lobt Rothschild in Hinsicht auf die reale Rechtsmedizin bis in die Details und stellt gleichzeitig klar: „Zwei Komplexe der Serie stimmen am Ende mit der Realität nicht überein: Erstens führen wir als Rechtsmediziner keine Ermittlungen auf eigene Faust durch. Zweitens haben wir Details bei den Obduktionen und Mordmethoden verändert: Hier eine andere Dosis, dort anstatt eines Giftes eine harmlose Substanz.“ So sind Fiktion und Realität am Ende doch noch zu unterscheiden.
Thomas Voigt für das ARTE Magazin
(Das Portrait wurde vor Ulrich Mühes überraschendem Tod geschrieben)
ARTE PLUS
Ulrich Mühe: geb. 1953 in Grimma/Sachsen, gest. 22.07.2007; Schauspielstudium ab 1975 an der Leipziger Theaterhochschule; ab 1983 Mitglied im Ensemble des Deutschen Theaters; hat fünf Kinder und lebte bis zu seinem Tod in Berlin
Filmografie (Auswahl):
„Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (2007)
„Das Leben der Anderen“ (2006)
„Im Schatten der Macht“ (2002)
„Schtonk!“ (1991)
„Das Spinnennetz“ (1989)






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