Schriftgröße: + -
Home > Kultur > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> Krimitipp > Buchtipp

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

Georges Perec - 07/10/09

Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten

Eine Rezension von Christine Lecerf


Der Büroalltag in einem einzigen Satz ohne Punkt und Komma. Ein virtuoses, hoch komisches Kabinettstückchen.

Zu Monsieur X gehen > Ist der Abteilungsleiter in seinem Büro? Ja/Nein > Ja >Anklopfen Nein > Ist Mademoiselle Y in ihrem Büro? Ja/Nein > Ja > Ist die Sekretärin gut gelaunt? Ja/Nein … Ausgehend von einer Zeichnung, die ihm ein Freund, seines Zeichens Wissenschaftler, vorgelegt hatte, erfand Georges Perec einen neuen erzählenden Texttyp: das literarische Organigramm. Betrachtet man die Zeichnung (die am Beginn des Buches abgebildet ist) mit dem potenziellen Entscheidungs- und Handlungsweg eines Angestellten, der seinen Vorgesetzten um eine Gehaltserhöhung bitten möchte, wird schnell klar, dass gerade Linien hier eher nicht vorgesehen sind. Angewendet wird nun die grundlegende binäre Logik Ja/Nein auf eine ganze Reihe von Parametern – Wochentag, Kantinenessen, Gesundheitszustand der Kinder usw. - sodass wir uns auf einer Art Schnitzeljagd im Labyrinth wiederfinden. Einen solch komplexen Weg in lineare Sätze zu fassen, erscheint geradezu unmöglich, ein lächerliches Unterfangen. Genau das aber faszinierte Georges Perec und seine Freunde vom Oulipo. Dieser Werkstatt für potenzielle Literatur, wie sie sich noch immer nennt, gegründet von Raymond Queneau, war Perec 1966 beigetreten, zwei Jahre bevor er den Text schrieb, der hier nun auf Deutsch vorliegt. Oulipo definierte den Schriftsteller bezeichnenderweise als «eine Ratte, die das Labyrinth selber baut, aus dem sie sich befreien möchte».

Der Text als Labyrinth

Es war nicht Perecs erste literarische Herausforderung. In Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof? hatte er bereits die erschöpfende Verwendung sämtlicher rhetorischer Figuren demonstriert, um einem Freund den Militärdienst in Algerien zu ersparen. Ein paar Jahre später sollte er dann in Anton Voyls Fortgang die Geschichte eines verschwundenen Buchstaben erzählen in einem Roman, der ganz ohne den Buchstaben E auskommt, immerhin der häufigste, nicht nur in der französischen Sprache. Über die Kunst … ist einer der Texte, in denen Perec die Grenzen der Literatur auslotet. Auch hier finden wir seine Lust an der Herausforderung, seine Suche nach dem extremen Zwang als Ausgangspunkt des literarischen Schaffens. Denn unter der Feder des Dichters wird das Organigramm zu einem echten Textlabyrinth.
Perec beschränkt sich nämlich nicht darauf, die – grob gerechnet – 200 Möglichkeiten des Angestellten miteinander zu verweben, seine (armselige) Gehaltserhöhung (letztlich nicht) zu bekommen. Dieser Angestellte sind erst einmal «Sie»: «sagen wir um die sache zu vereinfachen denn man muss immer vereinfachen er heißt monsieur xavier das heißt monsieur x sie suchen also monsieur x auf da gibt es nur entweder oder». Perec liebt das Spiel mit der Sprache, und so liefert er außerdem ein geradezu unentwirrbares Netz aus Klängen, Wörtern und Phrasen. Onomatopoetika, Wortschöpfungen, refrainartige Wiederholungen und Wirtschaftssprech werden verbunden, wiederholt und kombiniert, und das ganze im Wortsinn ohne Punkt und Komma: «zugleich besorgt wie auch begeistert über die durch die kürzlich erfolgten strukturierungen des marktes bewirkte verschärfung der konkurrenzsituation wie werden wir in einem Monat kaufen das wirtschaftliche Wachstum sind die anderen arbeiten um zu produzieren bedeutet produzieren um zu verbrauchen und umgekehrt und so weiter und so fort haben sie ... »

Eine komische Soziologie der Arbeitswelt

Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten
Von Georges Perec
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Klett-Cotta
August 2009
ISBN-13: 978-3608937060
Und doch täte man Über die Kunst … unrecht, sähe man darin nur eine Stilübung. Schon mit seinem ersten Roman Die Dinge, die Geschichte eines jungen Mittelklassepaares in den 1960ern, hatte sich Perec als scharfsichtiger Beobachter der modernen Welt und der Konsumgesellschaft erwiesen. Mit steigender Absurdität der Varianten (irgendwann werden Sie gar ihren Chef ganz einfach vierzig Tage lang als Geisel festhalten und schließlich selber aus Sparsamkeitsgründen nur noch Kochsalat essen!) ergreift der vorliegende Text auch herrisch Besitz des gesamten Raumes der Firma. Und dem durchdringenden Blick des Künstlers entgeht nichts: weder die Kaffeemaschine im Gang, noch die Fischgräten im Kantinenessen, und auch nicht das absehbare Scheitern des Angestellten, der noch immer seiner hypothetischen Gehaltserhöhung hinterherläuft!

Georges Perec wurde 1936 geboren, früh verlor er seine Eltern, er wuchs auf ohne Heimat, ohne Familie, ohne Wurzeln: «Das Schreiben schützt mich. Ich schreite voran hinter der Mauer meiner Worte, meiner Sätze, meiner geschickt verbundenen Absätze, meiner schlau programmierten Kapitel», sagte er in einem Interview. Bei aller Verspieltheit und allem politischen Potenzial liefert Perec in Über die Kunst … auch eine beeindruckende, ganz persönliche Poetik.


Mehr zum Autor:
Georges Perec (1936-1982) wurde als Kind polnischer Juden in Frankreich geboren. Sein Vater Icek Perec meldete sich zu Kriegsbeginn freiwillig und fiel 1940, seine Mutter Cyrla Szulewicz wurde nach Auschwitz deportiert, wo sie 1943 starb. Perec wurde von der Schwester seines Vaters, Esther Bienenfeld, und deren Mann adoptiert. Sein großer autobiographischer Roman W oder die Kindheitserinnerung konzentriert die beiden Leitthemen in seinem so vielfältigen, ja heterogenen und nach allen Seiten offenen Werk: Verlust und Erinnerung. 1962 begann Perec, als Dokumentar zu arbeiten, 1967 stieß er zum Oulipo und wurde eine der Galionsfiguren dieser Gruppe. Von da an waren fast alle seiner Werke geprägt von formalen, literarischen oder auch mathematischen Zwängen, immer aber verbunden mit einem aufmerksamen, strengen Blick auf die Gesellschaft. Perec galt außerdem als einer der besten Autoren anspruchsvoll-intellektueller Kreuzworträtsel. 1978 veröffentlichte er einen großen Roman als Puzzle aus hundert Geschichten rund um ein Pariser Mietshaus: Das Leben. Gebrauchsanweisung. Der immense Erfolg des Buches erlaubte ihm endlich, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Vier Jahre später starb Perec, seinen letzten Roman 53 Tage konnte er nicht vollenden. In 53 Tagen hatte Stendhal seinen Roman Die Kartause von Parma geschrieben.

Eine Rezension von Christine Lecerf

Erstellt: 06-10-09
Letzte Änderung: 07-10-09