
VERRÜCKTE SOAP-OPERA
Ausgedacht haben sich die 29 Folgen und den atemberaubenden Piloten Mark Frost und vor allem David Lynch, dessen Name allein schon alles, was er anpackt, mit einer Aura von Geheimnis und Kult umgibt. Zu Beginn allerdings ähnelte Twin Peaks einfach einer Soap-Opera. Ein einziger Handlungsort - die Kleinstadt, nach der die Serie benannt ist -, Einwohner voller Geheimnisse und Ränke in Hülle und Fülle. Während Payton Place und Dallas im amerikanischen Traum schwelgen, weidet sich Twin Peaks am Alptraum. Frost und Lynch errichten ihre Serie auf den Ruinen der berühmten Vorgänger, nutzen die Stärken der Soap-Opera und deren publikumsbindenden Aspekte nur, um die Codes umso besser umdrehen zu können und den Zuschauer in eine aus den Fugen geratene Welt hineinzuziehen, in der so viele Gestalten auftauchen, dass einem schwindlig wird.
Zuweilen gestützt von expliziten Zitaten (z.B. wird „Wer hat auf J.R. geschossen?“ aus Dallas am Ende der 1. Staffel von Twin Peaks zu „Wer hat auf Agent Cooper geschossen?“), geht die Serie von Bekanntem aus, um in der Folge umso mehr mit Brüchen in Ton, Genre und Erzählung zu irritieren. Twin Peaks ist alles in einem: „College Movie“, Tragödie, Geisterfilm, Western und vor allem Horrorfilm. Aber der Einstieg ist der eines Krimis: „Wer hat Laura Palmer getötet?“ Wie unser Führer, der sehr spezielle FBI-Agent Dale Cooper, vermutet: Hinter dem Mord an der hübschen College-Studentin verbirgt sich noch weit Schlimmeres. Seine akribische Suche nach dem Schuldigen, bei der auch Licht auf die obskure Vergangenheit des Opfers und zahlreiche potentielle Täter fällt, offenbart dem Zuschauer nach und nach alle Geheimnisse und alles Totgeschwiegene, von dem das Leben dieser idyllischen Kleinstadt beherrscht wird.
DUNKLE ÄNGSTE
Wie jeder ordentliche Alptraum spielt auch Twin Peaks mit seinen beängstigenden, spinnigen Gestalten, macht sich einen Spaß daraus, die Vernunft zum Narren zu halten und wechselt im Handumdrehen vom Grauenhaften ins Komische. Man bekommt nicht genug von den kleinen Manien des Agenten Cooper, auch nicht von der „Log Lady“, halb Dorftrottel, halb Wahrsagerin. Das wiederholte unerklärliche Auftauchen eines traumhaften Labyrints, in dem die aufreizende Tote Laura Palmer offenbar von einem höhnischen Zwerg gefangen gehalten wird, weckt verborgene Ängste. Typisch für Twin Peaks ist weniger ein fortlaufender Handlungsstrang als das unkontrollierbare, faszinierende Universum der Serie, das sich in die verschiedensten Richtungen entfaltet. Dieser verlorene Winkel hält für jeden eine Geschichte bereit. Zwar zieht die Serie von Folge zu Folge immer virtuoser alle Register der Angst und des Phantastischen, zeichnet aber zugleich immer genauer das Porträt einer in Auflösung begriffenen Kleinstadt. Die Serie wird dadurch besonders anziehend, dass sie die Stereotypen der Soap-Opera enthält und mit neuem Leben erfüllt, um sie umso besser entlarven zu können.
Vermutlich hat also Lynch bei der Wisteria Lane in Desperate housewives Pate gestanden. Wie Twin Peaks zieht auch diese Serie den Zuschauer immer tiefer in einen Irrgarten hinein, ist aber eher ironisch als traumhaft und spielt mehr mit dem Krimi- und Komödien-Genre als mit dem mystisch-phantastischen. Wenn wir uns heute mit Lust in die Parallelwelten von Lost, Dexter oder Mad Men begeben, dann ist das diesem Vorreiterwerk zu verdanken. Seit Twin Peaks gelingt es einer Serie nur selten, den Zuschauer so schnell in ihren Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Twin Peaks hat kein bisschen Staub angesetzt.






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